Frank Nopper, Hannes Rockenbauch, Marian Schreier: Wer wird Stuttgarts neuer OB? Foto: Stuggi TV

Im Stuttgarter OB-Wahlkampf findet die Metropolregion nicht statt – ein schwerer Fehler, findet „Stuttgarter Nachrichten“-Titelautor Nikolai B. Forstbauer.

Stuttgart - Stuttgart ist eine Insel. Im Irgendwo, auf keiner Landkarte zu finden. Dies darf, muss glauben, wer sich mit dem Wahlkampf um den Chefposten in der Landeshauptstadt beschäftigt.

 

Klein klein statt Stadt

Oberbürgermeisterin oder Oberbürgermeister in Stuttgart? Wird, das war die Botschaft vor dem ersten Wahlgang, wer weiß, welche Baulücken es im gerne beschworenen Stuttgarter Westen gibt oder nicht gibt. Klein Klein statt Stadt – eine Alternative sieht anders aus.

Nichts ist unabhängig zu denken

Das Wort Region, gar das Wort Metropolregion fiel nicht, die Realität von Stadt und sorgsam ihre Unabhängigkeit pflegenden Satelliten blieb ausgespart. Ein schwerer Fehler! Knapp 2,8 Millionen Menschen leben allein in der engen Metropolregion Stuttgart, die Landeshauptstadt ist mit ihren Arbeitsplätzen, ihren Erlebnisangeboten und ihrer bundesweit führenden Dichte an Kulturangeboten ein Magnet – wie umgekehrt die Region mit ihren hohen Freizeitwerten. Ob Wirtschaftsstandort, Sportstandort, Verkehrspolitik oder Wohnungsmarkt – nichts ist unabhängig zu denken. Ganz zu schweigen von einer Effizienzpolitik, als die man doch das Gesamtbündel energetischer und klimatologischer Fragen betreiben muss.

Widersprüchliche Vielfalt

Ums Ganze, wie es nun vor dem zweiten und entscheidenden Wahlgang an diesem Sonntag plakatiert ist, geht es also keineswegs bei dieser OB-Wahl. Denn dieses Ganze ist die Metropolregion, ist eine widersprüchliche Vielfalt mit sich ständig verschiebenden Gewichten – und entsprechend großen Herausforderungen.

Identität entwickeln

Muss sich der künftige Oberbürgermeister der Landeshauptstadt keine Gedanken machen, wie sich die gerne beschworene Transformation von Wirtschaft und Industrie unter den Vorzeichen Digitalisierung und neue Antriebsarten im Individualverkehr auf die Strukturen bisher stolzer Zuliefererstandorte für die Automobilproduktion auswirkt? Muss der neue OB nicht eine klare Identität der Biotech- und Medizintechnik-Motoren in der Region Stuttgart und engste Abstimmungen zwischen Start Ups in der Region und Hochtechnologie-Studiengängen an der Universität Stuttgart erreichen?

Das große Schweigen

Tatsächlich aber breitet sich vor der Entscheidung am Sonntag, 29. November, das große Schweigen aus. Schlimmer gar: demonstratives Desinteresse vor allem der Grünen. Kaum mehr zu verhindern sei CDU-Kandidat Frank Nopper, heißt es da im von Beginn an dauerbeleidigten Ton. Zu Aufsteiger Marian Schreier kein Wort – dafür überlässt man Solist Hannes Rockenbauch die Rolle des selbst ernannten Aufdeckers mutmaßlicher Verfehlungen der Konkurrenz. Würdig ist das den Grünen nicht. Und die SPD? Lässt den dankenswert kenntnisreichen, bei den Wählerinnen und Wählern gleichwohl erfolglosen Skizzierungen des Kandidaten Martin Körner keine Programm(an)forderungen folgen.

Aufbruch nur mit der Region

Schlimmer aber: Das Signal von Grünen und SPD, die Wahl sei gelaufen, unterstellt, eine Stimmabgabe sei nicht mehr wichtig. Spekuliert man da auf eine niedrige Beteiligung im entscheidenden Wahlgang? Eine höchst gefährliche Position. Nicht nur in und für Stuttgart, sondern gerade für die Metropolregion. Sie braucht den Wettbewerb auch der politischen Ideen, braucht das Signal eines Bekenntnisses zur kommunalen Kraft – und sie braucht einen Aufbruch in und aus der Landeshauptstadt. Ob Stadt am Fluss, ob Nachverdichtung contra Neuerschließung, ob Quartiersqualität oder auch die Sicherung von Industrie- und Dienstleistungsarbeitsplätzen auch in Zentrumsnähe – kaum ein Thema ist allein ein Stuttgarter Thema. Das ist die eigentliche Herausforderung für Stuttgarts neuen OB.

nikolai.forstbauer@stuttgarter-nachrichten.de