Die Auerhenne sieht man im Dickicht kaum – der Hahn ist mit seinem schwarzblauen Gefieder und den roten Augenbändern deutlich auffälliger. Foto:  

Das Auerwild steht im Schwarzwald vor dem Aussterben. In diesem Jahr wurden nur noch 114 Auerhähne gezählt. Eine Gruppe von Naturschützern gibt den Kampf um die Tiere noch nicht auf.

Schwarzwald - Wer verstehen will, wie ein anderer tickt, sollte am besten dessen Perspektive einnehmen. Hubert Kapp ist Forstrevierleiter am Schluchsee und Hüter der heiligsten Auerhuhn-Habitate im Südschwarzwald. Er sagt von sich selbst, einen Sprung in der Schüssel zu haben, und tut jedenfalls beinahe alles für die letzten Tiere in seinem Wald – auch die Perspektive wechseln. Tief geht er immer mal wieder in die Hocke, um den gleichen Blick wie ein Auerhahn zu haben. Dabei ist ihm zum Beispiel aufgefallen, dass die Vögel über viele Sträucher an Böschungen nicht hinwegschauen können – das aber mögen die scheuen Tiere gar nicht, weil sie den Fuchs oder Marder nicht kommen sehen. Seither räumt Hubert Kapp an wichtigen Strecken das Gestrüpp entlang von Wegen ab. Das Auerwild soll es gut haben bei ihm.

 

Tatsächlich aber kämpfen Hubert Kapp und viele Mitstreiter trotz ihrer vielen Bemühungen, ja trotz ihrer Liebe für diese Tierart einen verzweifelten, wenn nicht gar aussichtslosen Kampf. In früheren Jahrhunderten soll es 10 000 Auerhähne im Schwarzwald gegeben haben, Mitte der 1990er Jahre waren es noch 500, in diesem Jahr wurden nur noch 114 gezählt – so wenig wie noch nie. Auch die Lebensräume schrumpfen bedenklich. 60 bis 70 Balzplätze sind nur noch übrig, ein Großteil davon im Nordschwarzwald, kleinere Populationen gibt es im südlichen Gebiet sowie auf der Baar. Der ungewöhnlich schnarrende und glucksende Balzgesang des Auerhahns ist immer seltener zu hören.

Eine Frage der Identität

Diesen dramatischen Niedergang könnte man vielleicht noch verstehen, wenn alle in den vergangenen Jahrzehnten ihre Hände in den Schoss gelegt hätten. Aber bereits seit 2008 setzt man mit viel Geld und Aufwand einen Maßnahmenplan um, etwa mit dem Programm „Lücken für Küken“. Zudem ziehen beim Auerwild alle meistens an einem Strang: Naturschützer, Förster, Waldbesitzer, Jäger. Diese Einigkeit trotz vielfältiger wirtschaftlicher Interessen ist wohl darin begründet, dass der Auerhahn Teil der eigenen Identität ist. Stirbt das Auerwild, stirbt ein wenig auch die Seele des Schwarzwalds.

Doch bei der Überprüfung des Maßnahmenplanes vor drei Jahren ergab sich ein niederschmetterndes Ergebnis: Fast jedes zweite Projekt war nicht oder nur teilweise verwirklicht worden. Einer der Gründe liegt in den großen Schwierigkeiten, einen geeigneten Lebensraum zu schaffen, denn das Auerhuhn ist ein sehr anspruchsvolles Tier. Es ist allgemein bekannt, dass die Tiere freie und sonnige Orte lieben. Aber das allein reiche bei Weitem nicht aus, sagt Hubert Kapp und führt uns an einen der geheimen Balzplätze am Schluchsee.

Dort hat er Bäume herausgehauen, denn vor allem in den ersten Lebenstagen können die Küken sich noch nicht selbst wärmen und brauchen sonnige Flächen. Morgensonne ist besonders wichtig. Wenn es kalt bleibt, flüchten die Küken unter die warmen Flügel der Henne und können dann keine Insekten suchen – so verhungern sie oft. Mit einem großen Waldmulcher mäht Kapp breite Streifen in die Heidelbeersträucher. Für die „Butzele“, wie er zu den Küken sagt, ist jeder Ast ein gewaltiges Hindernis. Auch das Reisig gefällter Bäume wird entfernt.

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Heidelbeeren bilden eine zentrale Nahrungsquelle für das Auerhuhn, weshalb die Sträucher teilweise stehen bleiben müssen. Sie dürfen aber nicht zu hoch wachsen, sonst kann der Hahn bei der Balz nicht ausreichend defilieren. Und da die Auerhähne eher plumpe Vögel sind und Schwierigkeiten beim Starten haben, hat Hubert Kapp sogar Schneisen in den Wald geschlagen, damit die Tiere problemlos von einem Habitat zum nächsten fliegen können. Die Schneisen sind umso wichtiger, als sich bereits heute zeigt, dass die Populationen in den vier Schwarzwaldregionen nur noch wenig Kontakt zueinander haben. Gentests zeigen bereits deutliche Unterschiede.

Gerrit Müller, ein pensionierter Förster und aktiver Jäger, gehört zu den Urgesteinen unter den Auerhuhnschützern. Seit Jahrzehnten liegt er im Spätwinter morgens im Wald, um die Hähne zu zählen, er schreibt als Zweiter Vorsitzender des Vereins „Auerhuhn im Schwarzwald“ Stellungnahmen für die Politik, bis ihm schwindlig ist, er sucht das Gespräch mit den Waldbesitzern und Jägern. Und er schreckt auch vor deutlichen Worten an Förster, die zu wenig tun, nicht zurück. Dennoch komme er sich vor wie ein „Scheinriese“, sagt Müller: „Alle überschütten uns mit Anerkennung, aber es geht nichts voran, und wir können kaum etwas bewirken.“

Das Auerwild braucht Einsamkeit

Um ein zweites Problem, das laut Müller viel zu lasch angegangen werde, zu demonstrieren, wandert er zu einem Balzplatz im Feldberggebiet. Zuständig ist hier Förster Florian Zimmermann, der beim Skilanglaufen schon mal von einen Auerhahn attackiert und in den Unterschenkel gebissen wurde. Das sehe man heute noch, sagt er. Der Balzplatz auf einer Kuppe wäre ideal, um Fotos zu machen, mit denen man Touristen anlocken könnte – schöne Granitblöcke, Sträucher voller Heidelbeeren, vitale Weißtannen und dahinter die Kuppe des Feldbergs und die untergehende Sonne.

Das Auerwild braucht Einsamkeit. Doch gleich in der Nähe führt eine Skiloipe vorbei. Gerade im Winter, da sich die Tiere von kargen Fichtennadeln ernähren müssen, kann jede Störung ihren Tod bedeuten. Zudem liegt nicht weit entfernt ein Kurheim, viele Patienten drehen hier im Wald ihre Nachmittagsrunden. Florian Zimmermann versucht, mit umgestürzten Bäumen natürliche Barrieren zu bauen. Während der Balz und der Kükenaufzucht werden manche Gebiete sogar gesperrt.

Aber der Besucherdruck, wie das auf Neudeutsch heißt, bleibt gewaltig. Hubert Kapp kritisiert die Tourismusverbände, die immer mehr Wanderwege und Mountainbikestrecken in den Wald hineinbauen wollten. Allein auf einem neuen Schwarzwald-Premiumweg seien im ersten Jahr 25 000 Wanderer gezählt worden. „Dann muss man dafür aber auch mal einen Weg aufgeben“, fordert er.

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Ein dritter Faktor, der vermutlich für den Rückgang des Auerwilds verantwortlich ist, sind die Beutegreifer: Füchse und Marder fressen vor allem die Eier, die die Henne am Boden und damit leicht erreichbar ausbrütet. Daneben fängt der Habicht Küken und Hennen im Flug. Seit Jahren helfen die Jäger deshalb mit, das Auerhuhn zu schützen, indem sie vor allem die Füchse zu dezimieren versuchen.

In einem Wald bei Löffingen auf der Baar kann man besichtigen, wie das konkret vor sich geht. Eine im Wald versteckte, auf beiden Seiten offene Betonröhre ist in der Mitte mit einem Köder bestückt. Schlüpft ein Fuchs hinein, fallen vor und hinter ihm Schieber herab. Eine App meldet die Auslösung der Falle an den Jäger. Der fängt den Fuchs lebend, tötet ihn dann aber. Vermutlich werden schon gegen dieses Vorgehen viele protestieren, aber Gerrit Müller geht noch weiter: Im Grunde müsse sogar die Jagd auf trächtige Fähen erlaubt werden, sagt er.

Das Gebiet bei Löffingen gehört zu den sterbenden Auerhahnflächen. Nur noch eineinhalb Hähne gebe es hier, meint Gerrit Müller – einen erwachsenen und einen jungen Hahn. Revierleiter Konrad Kuster ist trotzdem sehr engagiert bei der Sache und hat mit Geld aus einer Ausgleichsmaßnahme vor zwei Jahren ein ganz neues Auerwild-Biotop angelegt.

Heidelbeersammler stören die Tiere

In der Nacht zuvor ist ein Sturm übers Land gefegt und hat dort ein Dutzend Fichten umgeweht. Der Laie denkt vielleicht, das sei für das Auerwild gar nicht schlecht, weil mehr Licht hereinscheint, aber Kuster macht einen nachdenklichen Eindruck: Es störe die Tiere sehr, wenn die Forstleute zu häufig auf der Fläche arbeiten müssten. Zudem werde der Wind jetzt erst recht reinfahren und immer mehr Bäume fällen. Das Problem mit den Touristen hat Kuster kaum, dafür kommen bei ihm die Heidelbeersammler, die oft tagelang das Auerwildhabitat durchkämmen.

Eberhard Aldinger, der Erste Vorsitzende des Vereins „Auerhuhn im Schwarzwald“, ist mittlerweile vor allem von der Politik enttäuscht: „Sie muss endlich begreifen, dass sie nach EU-Recht eine Verpflichtung hat, diese Art zu erhalten.“ Derzeit sei die Lage aber desaströs: Der neue Maßnahmenplan zur Rettung des Auerhuhns hätte schon im vergangene Jahr verabschiedet werden sollen, doch bis jetzt habe die Landesregierung das Papier nicht im Kabinett vorgelegt. In der Folge sei auch das Geld nicht freigegeben worden, weshalb viele Aktivitäten brachlägen. „Aber wir brauchen jede Woche“, sagt Aldinger.

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Isabel Kling, die Sprecherin des Forstministeriums, räumt ein, dass der Plan erst in den nächsten Monaten ins Kabinett eingebracht werden könne: Weil die Regierung mehr Windräder in den Wald bauen will, seien die Abstimmungen mit den Waldbesitzern sehr umfangreich gewesen. Letztlich komme diese Sorgfalt dem Auerwild aber zugute. Zudem zeichne sich „eine erste Anfinanzierung“ im Haushalt 2022 ab.

Und als ob die Probleme für das Auerhuhn nicht schon groß genug wären, taucht eine neue Bedrohung auf: der Klimawandel. Zumindest das erwachsene Auerwild mag es eher kühl. In der Steiermark, wo es noch so viele Vögel gibt, dass jedes Jahr einige geschossen werden dürfen, hat man festgestellt, dass die Tiere in immer höhere Lagen ziehen. Doch der Schwarzwald hört bei knapp 1500 Metern auf. Gerrit Müller ist einigermaßen pessimistisch, was das Überleben des Auerwilds im Schwarzwald betrifft: „Wir haben nur noch sehr wenige Patronen im Köcher. Dann ist Schluss.“