Markus Müller, Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg. Foto: Mierendorf

Der neue Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg will seinen Berufsstand stärker in gesellschaftliche Diskussionen einbringen.

Stuttgart - 'Wir müssen angesichts neuer Herausforderungen das Bild der Stadt neu diskutieren', sagt Markus Müller. Dabei will der vor zwei Wochen frisch gewählte Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg an dem ansetzen, was Wolfgang Riehle in den zurückliegenden 16 Amtsjahren geleistet hat. 'Als Berufsstand sind wir sehr gut aufgestellt', lobt er die Arbeit seines Vorgängers. 'Ich glaube aber, dass wir uns künftig stärker in gesellschaftliche Diskussionen wie in die Fragen von Bevölkerungsentwicklung, von Veränderung in der Gesellschaft, von Migrationsbewegungen oder der Energiewende einmischen sollten.'

Für den neuen Kammerpräsidenten wird es in den nächsten Jahren auch darum gehen, sich städtebaulich mit Wanderungs­bewegungen auseinanderzusetzen, die mit denen nach dem Zweiten Weltkrieg oder dem Zuzug von Aussiedlern vergleichbar sind. Das stelle die Kommunen zum einen kurzfristig vor große Herausforderungen, es habe aber vor allem mittelfristig eine städtebauliche Relevanz. Markus Müller ist zuversichtlich: 'Mit den unterschiedlichen Erfahrungen der zurückliegenden Jahre, wie Integrationsprozesse gestaltet werden können, bieten wir der Landesregierung gerne an, auch für die aktuell anstehenden Herausforderungen städtebaulich gute Lösungen mit zu entwickeln, von denen auch die hiesige Wirtschaft profitieren würde.' Gleichzeitig mahnt er aber auch: 'Wenn wir auf diese Entwicklungen keine städtebau­lichen Antworten finden, kommt es zur Zersiedelung von Landschaften und zu Zuwanderungsghettos, die keiner will.' Vor allem das Thema der Stadt-Land-Flucht sei ein eminent politisches Problem.

Müller weist darauf hin, dass Baden-Württemberg immer stolz darauf gewesen sei, trotz unterschiedlicher Gegebenheiten gleiche Lebensbedingungen in allen Teilen des Landes zu garantieren. Um der Verödung einzelner Landstriche Baden-Württembergs durch die Flucht in die Stadt entgegenzutreten, müssten aber Architekten und Politiker gleichermaßen noch Antworten finden. 'Ich habe das Gefühl, bei diesem Thema heute stärker gehört zu werden als noch vor 20 Jahren', sagt er. Damit könne die Politik auch künftig das Ziel der gleichwertigen Lebensbedingungen aufrechterhalten.

Wohnformen, die auch Dauer finanzierbar bleiben

Aber auch der demografische Wandel mit seinen zunehmenden Einpersonenhaushalten auf der einen Seite und bunten Patchwork-Strukturen auf der anderen werde ein spannendes Thema. Wohnen sei an sich eine sehr konservative Angelegenheit. 'Ich glaube, es ist an der Zeit, darüber nachzudenken, ob die Wohnungen, die heute gebaut werden, auch künftig gut nutzbar sind. Es gibt bereits gelungene neue Ansätze im Land. Diese müssen nur publik gemacht und weiterentwickelt werden', regt er an. Man könne bereits jetzt an vielen Stellen die Stadt der Zukunft sehen, weil man in einer Gesellschaft lebe, in der sich ganz unterschiedliche Prozesse parallel zueinander abspielten. 'Ich glaube, alle gelebten Nachbarschaften, die in Stadtquartieren und Gebäuden stattfinden, sind sehr zukunftsfähig.' Künftig werde es zudem wichtig sein, Wohnformen zu finden, die auf Dauer finanzierbar bleiben. Aber auch der Wandel der Mobilität werde die Stadtplanung und Architektur stärker beschäftigen.

Dabei gehe es weniger um Verkehrsfragen, sondern darum, wie öffentlicher Raum als potenzieller Lebensraum zu sichern sei und auch die Kleinteiligkeit der Stadt. Hier werde es noch viele Diskussionen geben, wie zum Beispiel auch der Strukturwandel im Einzelhandel zeigt. 'Wir Architekten retten nicht die Welt. Vielmehr geht es für uns zunächst darum, Entwicklungen klar zu erkennen und zu benennen.' Deshalb sei es wichtig, dass sich die Architekten nicht nur auf ihren eigenen Fachbereich konzentrieren, sondern sich auch mit anderen Disziplinen vernetzen. 'Das wird eines der ganz großen Themen der Zukunft sein, das, wenn es gut läuft, zu einer lebenswerteren Stadt führt', ist sich Müller sicher. Wichtig ist dem neuen Kammerpräsidenten beim Thema Energiewende, den 'ideologisierten Diskussionen' den Wind aus den Segeln zu nehmen.

"Wir sind mitten in einem Umdenkungsprozess"

'Es muss uns bewusst sein, dass sich durch die Schaffung von regenerativen Energien auch die Landschaft verändern wird.' Und das betreffe längst nicht nur die Windkraft. 'Wir brauchen auch Energietrassen. Bei diesen Veränderungen einfach nur global dagegen zu sein, ist zu kurz gedacht.' Landschaftsarchitekten können Strategien entwickeln, wie die durch die Energiewende bedingten Veränderungen landschaftsverträglich gestaltet werden können. Bürgerbeteiligung ist Müller aber wichtig. Letztlich ist es erfreulich, wie viel Bedarf in der Bevölkerung bestehe, über städtebauliche Zusammenhänge informiert zu werden. 'Wir sind mitten in einem Umdenkungsprozess, wenn es um die Diskussion über Stadtentwicklung und architektonische Qualität geht. Unser Expertenwissen wird nicht mehr einfach nur hingenommen, sondern will erklärt sein', sagt er.

'Ich glaube, wir durchlaufen im Augenblick einen Lernprozess.' Mit welcher Vorgehensweise man Erfolg habe, sei dabei gar nicht so wichtig. Viel entscheidender sei, welche Ziele und Hoffnungen der Auftraggeber mit dem Bau verbinde oder welchen konkreten Nutzen das spätere Objekt einmal haben solle. Gerade bei öffentlichen Bauwerken könne dieser Prozess nicht öffentlich genug sein, betont Müller. Allerdings müsse es auch einen Punkt geben, an dem schließlich nicht mehr diskutiert, sondern entschieden werde. 'Das müssen Politiker noch lernen.' Spätestens, wenn ein Wettbewerbsverfahren in einen Planungsauftrag münde, könne die Arbeit nicht unendlich diskutiert und immer weitere Wünsche in das Projekt hineingetragen werden.

Sonst dürfe sich niemand wundern, wenn Projekte immer teurer werden als ursprünglich veranschlagt. Architektur erkläre sich auch nicht über den Geschmack. 'Architektur ist wie Malerei oder Musik.' Dem einen gefällt Howard Carpendale besser als Mozart, allerdings sage das nichts über die Qualität der jeweiligen Musik aus, sondern nur über deren Konsum. 'Das ist aber das Schicksal von Architekten. Wir lernen relativ früh, dass wir es nie allen recht machen können.'