Im August 2014 verlor die junge Palästinenserin Eman Hamad bei einem israelischen Angriff auf ihre Heimatstadt Beit Hanun (links unten) im Gazastreifen ihr Bein, als eine Bombe neben dem Transporter, in dem sie saß, explodierte. Foto: Eman Hamad/Matthias Kapaun

Dies ist die Geschichte von Eman Hamad, einer 22-jährigen Palästinenserin, die bei einem israelischen Angriff auf ihre Heimatstadt im Gazastreifen ihr rechtes Bein verlor. Eine wahre Odyssee führte sie nach Stuttgart, wo sie sich Schritt für Schritt in ihr Leben zurückkämpfte.

Stuttgart - Eman Hamad war eine fröhliche junge Frau mit Zielen und Träumen. Mit sieben Schwestern und drei Brüdern aufgewachsen in der Stadt Beit Hanun im Gazastreifen, hatte die 22-Jährige trotz des nicht immer einfachen Lebens in dieser Konfliktregion ihre Zukunft fest im Blick: Im Juli 2014 schloss Eman das Studium zur Grundschullehrerin an der al-Azhar Universität in Gaza ab.

Zu diesem Zeitpunkt war der Gaza-Krieg bereits in vollem Gange, zu diesem Zeitpunkt konnte die 22-Jährige jedoch noch nicht ahnen, dass am 23. August ihre Ziele und Träume bei einem israelischen Angriff auf Beit Hanun vorerst wie Seifenblasen zerplatzen sollten.

Eman und ihre Familie mussten ihre Heimatstadt verlassen

Doch drehen wir die Zeit ein paar Wochen zurück: Im Juli wurde Emans Heimatstadt, die im Nordosten des Gazastreifens direkt an der Grenze zu Israel liegt, von den Israelis im Zuge der Operation Protective Edge zu militärischem Gebiet erklärt. Die israelische Militäroperation wurde am 8. Juli als Reaktion auf andauernden Raketenbeschuss Israels durch radikale palästinensische Gruppen aus dem Gazasteifen gestartet.

"Mitte Juli warf das israelische Militär Flugblätter über meiner Heimatstadt ab und gab uns zehn Tage Zeit, Beit Hanun zu verlassen", berichtet Eman, "meine Eltern und ich packten unsere Sachen und gingen zu meiner Schwester in die rund vier Kilometer entfernte Nachbarstadt Beit Lahiya". Dort kamen sie für einige Wochen unter. 

Die Raketenangriffe auf die Region im Nordosten des Gazastreifens hielten in dieser Zeit an. Doch es gab auch ruhigere Phasen, die von vielen Palästinensern genutzt wurden, um für kurze Zeit zurück in ihre Häuser nach Beit Hanun zu gehen - und einer dieser Besuche sollte für Eman zum Verhängnis werden.

Am 23. August schlug das Schicksal unbarmherzig zu

Es war der 23. August 2014, ein heißer Samstag im Gazastreifen. Die Sonne brannte vom Himmel und die Angriffe des israelischen Militärs ließen deutlich nach. So entschloss sich Eman gemeinsam mit ihrem Vater, zwei Brüdern und einer Schwester den Weg von Beit Lahiya in ihr Elternhaus nach Beit Hanun auf sich zu nehmen.

"Es war erstaunlich ruhig an diesem Tag", sagt Eman, "Und so stiegen wir in den Kleinlaster und fuhren nach Beit Hanun" - nichtsahnend, was wenige Minuten später auf sie zukommen würde. "Wir waren keine 40 Meter von unserem Elternhaus entfernt, als ich plötzlich eine laute Explosion hörte", erzählt die 22-Jährige mit zittriger Stimme, "dann ging alles sehr schnell". Die Bombe explodierte in der Nähe des Kleinlasters, Splitter flogen durch die Luft und einer dieser Splitter schlug direkt in das Fahrzeug ein.

Eman befand sich in einer Schockstarre

Eman und ihre Angehörigen wollten nur noch eines: Schnell aus dem Laster heraus - was ihrem Vater, den Brüdern und der Schwester gelang. Als die 22-Jährige gerade aussteigen wollte, spürte sie einen dumpfen Schmerz im rechten Unterschenkel und verlor auf der Stelle das Bewusstsein. Was sie nicht sehen konnte, war, dass ihr rechter Unterschenkel durch den Einschlag komplett abgerissen und ihr rechtes Knie total zerfetzt wurden. Drei Tage nach dem Angriff endete die israelische Militäroperation mit einer unbefristeten Waffenruhe.

Wieder bei Bewusstsein fand sich Eman Minuten nach der Attacke neben dem Auto auf dem Boden liegend. Wie sie sich in diesem Moment fühlte? "Schreckliche Angst und eine unglaubliche Schockstarre machten sich in mir breit", sagt die auch noch Monate nach der Katastrophe deutlich aufgewühlte Eman mit Tränen in den Augen, "was mit meinem Bein passiert war, sollte ich allerdings erst Tage später realisieren."

Mit einem Rettungswagen in ein funktionierendes Krankenhaus wäre im Idealfall die logische Konsequenz gewesen, doch weder ein Rettungswagen noch eine intakte Klinik standen den Einwohnern des Gazastreifens in dieser Zeit zur Verfügung. Also schnappten die beiden Brüder ihre lebensgefährlich verletzte und mittlerweile wieder ohnmächtige Schwester und fuhren sie in dem kaputten Transporter ins nahe gelegene Krankenhaus von Beit Hanun. Dort war an eine Operation nicht im Entferntesten zu denken, Stromausfälle im Minutentakt und so gut wie keine medizinische Versorgung hatten aus der Klinik nichts als ein kaputtes Gebäude gemacht.

Eman sprang dem Tod von der Schippe

Bei Eman ging es jedoch um Leben und Tod. Immer noch blutete die junge Palästinenserin stark und war bewusstlos. Glücklicherweise konnten die Ärzte die Blutung stoppen und damit Emans Leben retten. Fünf Tage blieb die 22-Jährige in dem Krankenhaus, fünf Tage ohne Bewusstsein, dann wurde sie in das Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt verlegt, wo sie endlich operiert werden sollte.

Doch was für die Klinik in Beit Hanun galt, galt ebenfalls für das Al-Shifa-Krankenhaus: Das Gebäude ähnelte einer Ruine, das Dach war undicht, Wasser drang in die Operationssäle und das Krankenhaus war mit mehr als 11.000 Verletzten heillos überbelegt. "Ich war gemeinsam mit acht weiteren, ebenfalls teils schwer Verletzten in einem Zimmer", sagt Eman, "die Menschen schrien vor Schmerzen und Schmerzmittel waren Mangelware."

Die junge Palästinenserin befand sich zu dieser Zeit immer noch in einem dermaßen heftigen Schockzustand, dass sie den Verlust ihres Beins noch nicht realisiert hatte. Außerdem klagte sie immer wieder über Schmerzen in ihrem rechten Bein. Dabei handelte es sich um den sogenannten Phantomschmerz, den Betroffene häufig in amputierten Gliedmaßen empfinden. "Doch anstatt mir die Wahrheit zu sagen, beruhigten mich die Ärzte und versicherten mir, dass meine Beine gesund seien", erzählt sie.

Auch Emans linkes Bein war schwer verletzt

Schließlich wurde Eman operiert. Bis zum Oberschenkel wurde ihr rechtes Bein amputiert. Um ihr linkes Bein, das bei dem Angriff ebenfalls verletzt worden war, kümmerten sich die Ärzte im Al-Shifa-Krankenhaus ebenfalls. Ein sogenannter Fixateur - ein aus Metallstangen bestehendes Haltesystem - stellte ihr Bein für die kommende Zeit ruhig, um den Heilungsprozess zu beschleunigen.

Die schreckliche Gewissheit über den Verlust ihres rechten Beines erlangte die junge Frau erst nach der Operation: "Eman, du hast bei dem Angriff dein Bein verloren", sagte ihr Vater. Und die junge Frau fiel in ein noch tieferes Loch - vor allem, weil genau an jenem Tag die Feier für die Absolventen des Grundschullehrer-Studiums stattfand, auf die sie sich so gefreut hatte. Die 22-Jährige war am Boden zerstört.

Am Tag nach der OP musste Eman wegen der Überbelegung auch schon das Al-Shifa-Krankenhaus verlassen. Ihre Familie kümmerte sich darum, dass sie in einem Privatkrankenhaus in Gaza-Stadt unterkam. Von diesem Moment an ging es langsam bergauf.

Der lange Weg nach Deutschland

Mit dem Wissen, dass es im Gazastreifen für die immer noch schwer verletzte Eman kaum Heilungschancen und noch weniger Möglichkeiten für eine Versorgung mit einer ordentlichen Prothese gab, versuchte ihre Familie alles menschenmögliche, die Tochter zur weiteren Behandlung ins Ausland zu bringen. Der Vater ließ im Gesundheitsministerium Emans Namen eintragen und erreichte schließlich gemeinsam mit den Vereinen Help Sans Frontieres (HSF), PalMed und Hoffnungsbrücke Berlin, dass seine Tochter gemeinsam mit ihrer Mutter zur weiteren Behandlung über Ägypten ins Vivantes Klinikum nach Berlin-Neukölln reisen durfte. Der Kontakt nach Berlin kam über Dr. Saher Khatib zustande, der im Vivantes Klinikum als Arzt arbeitet und sich als Vertreter des HSF sowie PalMed-Mitglied auch darum bemüht, kriegsverletzte Kinder und Jugendliche aus Gaza zur Behandlung nach Berlin zu holen.

Doch vom ersten Kontakt bis zur Ankunft in Berlin sollte Eman noch einen langen und beschwerlichen Weg auf sich nehmen müssen. Die junge Palästinenserin war damals schon annähernd einen Monat in dem Privatkrankenhaus untergebracht und musste nun warten, bis der Grenzübergang Rafah zwischen Ägypten und Gaza geöffnet wurde. Dann kam der Anruf, dass sie nach Deutschland ausreisen darf. Gemeinsam mit ihrer Mutter und fünf weiteren Verletzten samt deren Angehörigen machte sie sich in einem Krankenwagen von Gaza-Stadt auf den Weg nach Kairo. Nach acht Stunden hatten sie den Grenzübergang Rafah erreicht - dort gab es bereits die ersten Hindernisse: Der Krankenwagen durfte den Übergang nicht passieren, und so mussten die Verletzten zu Fuß über die Grenze gehen.

In Ägypten wartete allerdings kein Krankenwagen auf die Gruppe. Die Verletzten mussten ihre Reise nach Kairo mit dem Auto fortsetzten. "Ich hatte massive Probleme mit dem Sitzen", erklärt Eman, "deshalb wurden die Schmerzen während der langen Fahrt nach Kairo beinahe unerträglich." Und an Schmerzmittel war nicht zu denken.

Sitzplatz zu eng - Flug gestrichen

Nächster Stopp: Das Palästina-Krankenhaus in Kairo. Nach einem Tag in der Klinik ging es endlich in Richtung Kairoer Flughafen. Am Flughafen angekommen, erreichte Eman die nächste Hiobsbotschaft: Der Rollstuhl, in den sie gesetzt werden sollte, um zum Flugzeug zu gelangen, war nicht breit genug - das linke Bein mit dem Fixateur passte einfach nicht hinein. "Wenn der Rollstuhl zu eng ist, ist der Sitz im Flugzeug auch zu eng", stellte das Flughafenpersonal die junge Frau vor vollendete Tatsachen - Flug gestrichen.

Eman musste wieder zurück nach Kairo, während die anderen fünf Verletzten das Flugzeug in Richtung Berlin besteigen durften. Da war sie wieder, diese Schockstarre, die sie ein weiteres Mal lähmte. Abends in einem Hotel in Kairo angekommen, stieg die psychische Belastung ins Unermessliche. Die 22-Jährige brach bewusstlos zusammen. "Es war einfach zu viel für mich", erzählt sie rückblickend.

Nach drei Tagen im Hotel - am 26. September - fiel die Anspannung von Eman ab, eine tiefe Erleichterung machte sich breit: Die Palästinenserin, die in den vergangenen Wochen so unvorstellbar leiden musste, bekam endlich einen Business-Sitz in einem Flugzeug zugewiesen und konnte gemeinsam mit ihrer Mutter die lang herbeigesehnte Reise ins ferne Deutschland antreten.

In Berlin und Stuttgart auf die Beine gekommen

Angekommen im Vivantes Klinikum in Berlin-Neukölln wurde Eman dann auch gleich untersucht. Kommunizieren konnte die 22-Jährige, die nur Arabisch spricht, über Dr. Khatib, der als Dolmetscher zwischen der jungen Frau und den behandelnden Ärzten fungierte. "Die Ärzte sagten mir, dass ich an einer bakteriellen Infektion litt, die unbedingt mit Antibiotika behandelt werden müsse", erklärt Eman. Der nächste Schock: Das bedeutete 20 Tage Quarantäne - dann konnte ihr linkes Bein endlich operiert werden. Eman bekam zwei Metallplatten in das Bein und musste wieder 20 Tage warten, bis sich ihr Zustand gebessert hatte.

Während die junge Frau in den eineinhalb Monaten langsam wieder Hoffnung und Mut schöpfte, kümmerte sich die Hilfsorganisation HSF darum, Kostenvoranschläge für eine Prothese einzuholen - zuerst in Berlin und mit mäßigem Erfolg. Dann kam über Dr. Khatib schließlich der Kontakt zum Vital-Zentrum Glotz in Stuttgart zustande. Der Arzt kannte eine junge Palästinenserin, die zu dieser Zeit in dem Stuttgarter Sanitätshaus ihr Praktikum machte.

Die Verantwortlichen beim Vital-Zentrum Glotz waren gerne bereit zu helfen, die notwendige Prothese mitsamt der Behandlung konnte über spenden finanziert werden - und so reiste Eman gemeinsam mit ihrer Mutter im Dezember in die Schwabenmetropole, um dort im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf die Beine zu kommen.

Für die Unterkunft war auch schon gesorgt: In Stuttgart-Wangen stellte ein Landsmann den beiden Frauen eine leer stehende Wohnung zur Verfügung, vier weitere in Stuttgart und Umgebung lebende Palästinenser sorgten dafür, dass Eman regelmäßig zu ihren Terminen beim Vital-Zentrum Glotz kommen konnte. Mit diesem beeindruckenden Zusammenhalt zwischen den Landsleuten war es für die junge Frau natürlich viel einfacher, schnelle Fortschritte zu machen.

Orthopädietechnik-Meister Thorben Schenk nahm sich der 22-Jährigen an und steckte viel Zeit in die Arbeit mit ihr. "Aufgrund ihres kulturellen Hintergrunds war es für Eman nicht selbstverständlich, sich von einem Mann behandeln zu lassen", sagt Thorben Schenk. "Ich musste sie schließlich berühren und bekam unweigerlich auch nackte Haut zu Gesicht". Anfangs sei es schon ein komisches Gefühl gewesen, gibt die Muslima zu. Doch sie gewöhnte sich daran.

Körperlich ging es jetzt also bergauf, und auch psychisch machte die junge Frau Fortschritte. "Als wir ihre Prothese, die wir übrigens über Spenden finanzierten, fertiggestellt hatten und es zur Anprobe und schließlich zum Lauftraining kam, war Eman schon etwas ungeduldig", erzählt der Orthopädietechniker. Doch Tag für Tag konnte sich die junge Frau besser fortbewegen, Tag für Tag schöpfte sie mehr Hoffnung - und ihr Lächeln kehrte zurück. "Es machte mir richtig Spaß, mit Eman zu arbeiten und ihre Fortschritte zu sehen", freut sich Thorben Schenk.

Eman spürt keinen Hass auf das israelische Volk

Und auch ihre Mutter ist überglücklich und vor allem dankbar: "Ich möchte Deutschland von ganzem Herzen danken, dass wir hier aufgenommen wurden", zeigt sich Emans Mutter gerührt, "wir wurden herzlich empfangen und die Menschen in Berlin und in Stuttgart haben sich aufopferungsvoll um meine Tochter gekümmert".

Auf die Frage, ob sie nun Hass auf das israelische Volk verspürt, antwortet Eman versöhnlich: "Denjenigen, die für den Verlust meines Beines verantwortlich sind, werde ich wohl nicht verzeihen können", sagt die junge Frau, "doch Hass auf ein ganzes Volk zu hegen, davon bin ich weit entfernt."

Mittlerweile sind die beiden Palästinenserinnen wieder in Kairo und warten sehnsüchtig auf ihre Rückkehr nach Gaza. Momentan ist der Dienstag für die Heimreise angepeilt - vorausgesetzt der Grenzübergang Rafah ist wieder geöffnet. "Wir vermissen unsere Familie so sehr", sagen Mutter und Tochter im Einklang. "Wir würden sie lieber gestern als heute wieder in unsere Arme schließen."

In Gaza wartet neben der Familie natürlich auch noch eine Zukunft auf Eman. "Nachdem ich meinen Uni-Abschluss noch gar nicht feiern konnte, freue ich mich jetzt umso mehr, dies mit meiner Familie und meinen Freunden nachzuholen", sagt sie. Und dann will sie so schnell wie möglich eine Stelle als Grundschullehrerin finden.

Nun kann die Palästinenserin wieder hoffnungsvoll in ihre Zukunft blicken, denn Eman ist schließlich eine junge Frau mit Zielen und Träumen.

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