Kupferklau lohnt sich vor allem im großen Stil. Nur müssen die Überreste der Leitungen irgendwo entsorgt werden. In Leonberg werden sie häufig einfach ins Gebüsch geworfen – gemeinsam mit weiteren großen Müllmengen.
Der Anblick des verschandelten Gehölzes neben der kleinen Haltebucht in der Renninger Straße in Leonberg ist widerlich. Dicke Fleischfliegen laben sich an vergammelten Fast-Food-Resten – und es stinkt entsprechend, was auch von zwei aufgerissenen Tüten mit Hundekot kommt. Aber etwas sticht heraus: In Säcken und lose liegen sie im Gebüsch nahe einer Haltebucht. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie Schläuche, schwarz und gelb-grün. Unzählige sind es. Einige wurden meterweit ins Buschwerk hineingeschleudert. Aber beim Großteil wirkt es, als stecke eine Ordnung in dem Schlauchgewirr. Der umliegende Unrat wie Bauschutt, eine alte Autofußmatte, Zigarettenschachteln, weitere Abfallsäcke, Burger- und Pommesverpackungen und eine pinke, verbogene Kerze – all das wurde nicht so geradezu sorgsam drapiert wie die meisten der biegsamen Röhren.
„Das sind keine Schläuche, sondern Ummantelungen von Kupferkabeln“
Wie es der Zufall will, fährt an diesem Mittwochvormittag ein Mitarbeiter des Abfallwirtschaftsbetriebs des Landkreises Böblingen vor, der gerade seine Routinetour absolviert. Er steigt aus seinem Transporter, dessen Pritsche bereits mit allerlei Unrat beladen ist, geht zum Gebüsch und schüttelt den Kopf. „Das geht schon jahrelang so, dass hier Müll abgeladen wird“, sagt er, während er nach seinem Handy kramt und Fotos schießt. Aber das Wichtigste: „Das hier sind keine Schläuche. Das sind Ummantelungen von Kupferkabeln, die irgendwo gestohlen worden sind. Das ist völlig klar.“ Es ist also nicht nur Abfall, der hier illegal entsorgt worden ist: Es sind die Überreste eines Verbrechens. „Das findet man auch an dem Schotterparkplatz an der Bruckenbachstraße“, erzählt der Mann in seiner orangenen Warnjacke weiter, „und zwischen Leonberg und Rutesheim, und von Perouse in Richtung Heimsheim gibt es auch solche Stellen.“
Kupferdiebstähle sind laut Steffen Grabenstein, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Ludwigsburg, häufig. Und sie kämen stets in Wellen vor. „Gestohlen werden dabei nicht nur Kabel, sondern auch Dachrinnen und Kupferfiguren“, sagt er. Seine Recherche ergab: In diesem Jahr gab es im Landkreis Böblingen bislang rund 60 Kupferdiebstähle, einfache und schwere. „Da ist querbeet alles dabei, vom Diebstahl eines kupfernen Opferstocks aus einer Kirche über kupferne Blumenkübel oder Dachrinnen an Wohn- und Gartenhäusern bis zu tonnenschweren Kabeltrommeln von Baustellen“, präzisiert er.
Rund 60 Kupferdienstähle gab es im Kreis Böblingen dieses Jahr bereits
Auch im Bundesland ist Kupferdiebstahl fast zum Tagesgeschäft geworden. Vor Kurzem meldete etwa die Polizei in Esslingen, dass aus einer Fabrikhalle einige Tonnen Kupferkabel gestohlen worden sind. Wert der Beute: mehrere Zehntausend Euro. Anfang August bedienten sich Diebe auf einer Baustelle in Stuttgart in einem Lagerraum der Deutschen Bahn. Sie ließen Kartons voller Kupferverbindungen mitgehen – und sägten zudem ganz nonchalant ein 20 Meter langes Kabel auseinander. Leinfelden-Echterdingen, Rheinfelden, Heidelberg, Oberlenningen – die Liste in Baden-Württemberg ist allein seit April dieses Jahres lang.
Zurück nach Leonberg: Nur wenige Wochen ist es her, dass man aus dem Gebüsch nahe der Renninger Straße drei Tonnen Müll herausgeholt hat, mithilfe eines Krans, berichtet der Mitarbeiter des Abfallwirtschaftsbetriebs. Auch zwischen Leonberg und Rutesheim habe man aus dem Bachbett neben der Verbindungsstraße der beiden Städte 20 Säcke gefischt – ebenfalls gefüllt mit Kabelhüllen.
Als er erzählt, stoppt ein SUV an der Haltebucht. „Also das mit dem Müll hier, das ist wirklich schlimm“, sagt der Mann am Lenkrad, als er sich zum geöffneten Fahrerfenster herauslehnt. Seine Frau habe neulich einen Transporter gesehen, der mit offener Ladeklappe dort gestanden habe. Was genau dabei geschehen sei, habe sie jedoch nicht beobachten können. „Irgendwann stelle ich hier eine Wildtierkamera auf, damit diese Leute ertappt werden“, sagt er. Dass er damit möglicherweise auch gleich Verbrecher dingfest machen würde, erklärt ihm schließlich der Abfallexperte des Kreises.
Problem ist bei der Stadt bekannt, zuständig ist allerdings der Landkreis
„Bei den Kupferdiebstählen ist es häufig so, dass es so gut wie keine Täterhinweise gibt“, sagt Polizeisprecher Grabenstein. Das Diebesgut sei meist frei zugänglich. „Auch ist häufig die Spurenlage recht dünn. Daher kommt insbesondere Zeugenaussagen eine große Bedeutung zu.“ Bei Kabeln sei es meist so, dass ganze Trommeln aus Baustellen, Baustoffhandeln oder von Speditionsgeländen gestohlen werden. „In solchen Fällen muss man einen gewissen Grad der Organisation annehmen“, so Grabenstein. Aufgrund der Größe und des Gewichts seien mit Sicherheit mehrere Personen und auch entsprechende Transportfahrzeuge notwendig.
„Der Stadtverwaltung ist die Thematik bekannt“, entgegnet Leila Fendrich, stellvertretende Pressesprecherin der Stadt Leonberg, auf Anfrage unserer Zeitung. Die geschilderten Standorte befänden sich allerdings außerorts und somit in Zuständigkeit des Landkreises. „Die Stadt hat sich diesbezüglich schon mehrfach an den Landkreis gewandt, auch über den Mängelmelder ‚Leo-Oh!‘“, so Fendrich weiter.
Das können Zeugen tun
Das rät die Polizei
Kupferdiebstahl lohnt sich vor allem im großen Stil. Polizei-Pressesprecher Steffen Grabenstein weist darauf hin: „Solche Verladevorgänge gehen nicht gerade heimlich vonstatten. Wer also zufällig entsprechende Beobachtungen macht, die außerhalb der ‚normalen‘ Zeiten auf Baustellen liegen, sollte sich unbedingt bei der Polizei melden. Wir überprüfen lieber einen Hinweis zu viel als zu wenig.“
Künstliche DNA
Die Deutsche Bahn versieht ihre Kupferleitungen häufig mit einer Art „künstlicher DNA“ – also mit Aufdrucken, die nur unter UV-Licht zu sehen sind und Rückschlüsse auf die Herkunft geben.