Die Entfernung der Graffiti wird mehrere Tage dauern. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Totenkopf, Vampirzähne und Schriftzüge sollen bald verschwunden sein: Die Reinigung der mit illegalen Graffiti besprühten Stuttgarter B 14-Tunnel hat begonnen. Wann der Verkehr wieder fließen kann, ist offen.

Achim Bitzer kann eigentlich nichts so schnell schockieren. Seine Firma Purify aus Althütte im Rems-Murr-Kreis ist auf Fassadenreinigung und die Entfernung von Graffiti spezialisiert. Insofern hat er schon einiges gesehen, was sich so an Wänden findet, dort aber nicht hingehört. „So etwas Großes wie hier ist mir aber noch nie untergekommen“, sagt er im Heslacher Viereichenhautunnel und betrachtet die Wände um ihn herum. Dort prangen Graffiti, soweit der Blick reicht.

 

Allerdings nicht nur dort. Auch im weiter oben folgenden Gäubahntunnel sieht es ähnlich aus. In den beiden derzeit wegen Sanierungsarbeiten stadteinwärts nicht befahrbaren B 14-Tunneln zwischen Schattenring und Heslach waren vor drei Wochen großflächig illegale Graffiti aufgebracht worden. Wohl über Nacht hatten Unbekannte etwa 50 Prozent der Tunnelwände besprüht. Das zuständige Regierungspräsidium Stuttgart (RPS) hat Anzeige erstattet. Die Polizei ermittelt, allerdings bisher ohne durchschlagenden Erfolg.

Auf über 1000 Quadratmeter schätzen Bitzer und sein Team die beschmierten Flächen. „Es ist sehr selten, dass sich die Graffiti-Szene derart organisiert. Das in einer Nacht zu machen, ist enorm“, sagt der Experte. Er vermutet, dass mindestens 20 bis 30 Leute beteiligt gewesen sein müssen, die sich vorher gut vorbereitet und möglicherweise die Tunnel sogar besichtigt haben. Ein kunstvoller roter Mund mit Vampirzähnen oder ein großer Totenkopf finden sich da ebenso wie der Schriftzug „Antifa“ oder massenhaft hingekritzelte Tags, also Kürzel oder Künstlernamen von Beteiligten aus der Szene.

Seit Mittwoch geht es den Hinterlassenschaften an den Kragen. Bis zu drei Reinigungsanlagen mit jeweils zwei Leuten sind im Einsatz. Das gestaltet sich nicht einfach: „Es gibt keinen festen Wasseranschluss, wir müssen alles herfahren“, sagt Bitzer. Man arbeite mit verschiedenen schonenden Reinigungsmitteln und im Niederdruckverfahren. Das dauert. „Graffiti werden in verschiedenen Schichten aufgesprüht – und genauso müssen wir die einzelnen Schichten auch wieder abtragen“, so Bitzer.

Freigabe der Strecke könnte sich verzögern

Das dauert voraussichtlich bis zum Wochenende. Spätestens am Montag wollen die Spezialisten fertig sein. Ob es damit dann getan ist, steht allerdings noch nicht fest. Die Tunnelwände sind im unteren Bereich mit einer speziellen Farbe angestrichen worden, um den Grad der Reflexion und die Helligkeit zu erhöhen. „Wenn diese Beschichtung nach der Reinigung erneuert werden muss, verlängern sich die Arbeiten“, sagt Andreas Klein, zuständiger Referatsleiter beim RPS. Einfach in den Tunneln lassen könne man die Graffiti nicht, weil sie Autofahrer ablenkten und gefährdeten. Zwischen den beiden Tunneln entlang der B 14 und an den Portalen, wo sich auch reichlich Bilder und Schriftzüge finden, verzichte man aber auf die Entfernung.

Geplant war das Ende der Baustelle Mitte September. Derzeit laufen noch Belagsarbeiten im Bereich Schattenring. Wann nach der Graffiti-Attacke, die neben Zeit auch eine wohl sechsstellige Summe kostet, der Verkehr wieder in Richtung Innenstadt rollen kann, ist offen. „Normalerweise wären wir mit den Tunneln jetzt fertig“, sagt Klein.

Kein vergleichbarer Vorfall

Der Baudirektor ist nach wie vor fassungslos über die illegale Nacht-und-Nebel-Aktion in den beiden Tunneln. „Das hatten wir bei all unseren Baumaßnahmen noch nie, auch nicht auf Tunnelbaustellen“, so Klein. Besonders ärgerlich sei, dass das auch noch „auf den letzten Metern“ der Sanierungsarbeiten passiert sei. Damit sich die ärgerliche Geschichte nicht wiederholt und man womöglich von vorn beginnen muss, werden die Tunnel jetzt von einem Sicherheitsdienst bewacht. „Auch das gab es bei uns noch nie“, sagt Klein.

Nebenan sind Achim Bitzer und seine Leute bei der Arbeit. Sie spritzen eine Schicht nach der anderen ab. Auch bei den Bildern, die auf den ersten Blick ein bisschen wie Kunst wirken. „Manches sieht zwar ganz cool aus, aber es tut einem trotzdem nicht weh, das zu entfernen“, sagt der Fachmann. Schließlich wisse man genau, welche enormen Sachschäden, wie viel Ärger und Kosten solche illegalen Aktionen verursachen.