Im Bereich des Sulzbachtals, über das sich die große Brücke in der Bildmitte spannt, sind Oberleitungskabel der Bahn gestohlen worden. Foto: Arnim / Kilgus

Diebstähle auf Baustellen kommen häufig vor. Was jetzt auf der neuen ICE-Strecke passiert ist, stellt die Ermittler aber vor Rätsel: Dort fehlen sage und schreibe 3,5 Kilometer bereits verlegte Oberleitungskabel.

Der Fall ist außergewöhnlich: Wie stiehlt man bereits verlegte Kabel in einer Gesamtlänge von 3,5 Kilometer von einer gut einsehbaren Baustelle direkt an der Autobahn? Das ist die Frage, die die Polizei aktuell zu klären hat. Der Vorfall hat sich im Zeitraum zwischen Freitagabend und Samstagmorgen in einem Abschnitt der im Bau befindlichen neuen ICE-Strecke zwischen Stuttgart und Wendlingen ereignet.

 

Die Täter kamen bei Nacht, zumindest soviel steht fest. Und sie müssen mit schwerem Gerät angerückt sein. Denn das Diebesgut besteht aus Oberleitungskabeln, die bereits montiert gewesen sind. Wie genau die dreisten Diebe auf die Baustelle gelangt sind, ob es womöglich Kameraaufzeichnungen gibt, all das will die Polizei noch nicht preisgeben. Gelohnt hat sich der Beutezug für die Täter allerdings: „Der Wert des Diebesguts liegt nach ersten Erkenntnissen im hohen fünfstelligen Bereich“, sagt ein Polizeisprecher.

Bei der Bahnprojektgesellschaft Stuttgart–Ulm, die für den Bau der Trasse verantwortlich ist, will man zu dem Vorfall noch nichts sagen. „Zu laufenden Ermittlungen äußern wir uns nicht“, sagt ein Bahnsprecher auf Anfrage. Tatsächlich stellen sich in dem Zusammenhang zahlreiche Fragen. Laut Polizei hat sich der Diebstahl im Bereich Denkendorfer Tal und Sulzbachtal ereignet. Die Bahnstrecke verläuft dort auf zwei großen Talbrücken, die die Einschnitte überqueren. Das macht die Strecke in diesem Bereich von außen nur schwer zugänglich. Nördlich der Bahnstrecke verläuft parallel dazu die Autobahn A 8.

In dem Abschnitt liegen bereits Gleise und auch die nun gestohlene Oberleitung, die später einmal die Züge mit Strom versorgt, war schon montiert. Die Kupferleitungen verlaufen in Deutschland bei dieser Art von Bahnstrecken in einer Höhe zwischen 5,3 und 5,5 Meter über den Gleisen. Zur Montage – aber eben auch zur Demontage – braucht es Geräte, die Arbeiten in dieser Höhe erlauben, etwa einen Hubsteiger. Das Gewicht des Diebesguts taxiert die Polizei auf rund 4,5 Tonnen, die erst einmal bewegt werden wollen. Die Polizei geht davon aus, dass zum Transport ein Lastwagen eingesetzt wurde, der „über die Baustellenzufahrt im Bereich der A 8/B 313 bei Köngen zu- und abgefahren sein dürfte“. Diese Baustellenzufahrten sind in der Regel mit einem Posten besetzt, die alle kontrollieren, die auf die Baustelle wollen.

Leitungen noch nicht unter Strom

Außer für gelegentliche Fahrten von Bauzügen, die von Diesellokomotiven gezogen Material anliefern, ist die Strecke noch nicht in Betrieb. Daher standen die Leitungen noch nicht unter Strom. Einmal eingeschaltet, liegt eine Spannung von 15 000 Volt an. Wer in die Nähe der Leitung kommt, erleidet einen in der Regel tödlichen Stromschlag.

Diebstähle von Baustellen kommen grundsätzlich häufig vor. Besonders Kupferkabel haben es den Tätern angetan – normalerweise aber noch nicht fix verlegt, schon gar nicht in über fünf Meter Höhe. Meist suchen sie sich für die Diebstähle Baustellen aus, die lediglich mit einem Zaun gesichert sind. Manche Firmen lassen ihre Baustellen deshalb inzwischen von Wachdiensten sichern oder statten sie mit Kameras aus.

450 Fälle bundesweit

Doch auch die Deutsche Bahn zählt zu den beliebten Zielen von Dieben. „Wir waren bundesweit im Jahr 2023 in rund 450 Fällen von Metalldiebstahl betroffen – ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr“, sagt ein Sprecher. Im langjährigen Vergleich seien die Fallzahlen aber stark um 90 Prozent zurückgegangen. Im Jahr 2013 seien es noch 3200 Diebstähle gewesen. „Die DB hat viel verändert: Wo es möglich ist, werden alternative Materialien eingesetzt, bestehende Anlagen und Baustellen werden technisch geschützt und besser bewacht. Dank enger Zusammenarbeit mit der Bundespolizei können regelmäßig Metalldiebe auf frischer Tat ertappt werden“, so der Sprecher. Der materielle Schaden habe 2023 bundesweit rund sieben Millionen Euro betragen.