Die Bahn hat mit Tests an den beiden neuen Brücken der ICE-Neubaustrecke zwischen Stuttgart und Ulm begonnen. Die Baufirma will die von ihr benutzte Eselsteige bei Mühlhausen wieder herrichten.
Mühlhausen - Die beiden Brückenbauwerke der Filstalbrücke werden seit einigen Tagen immer wieder in Schwingung gebracht. Das berichtete Thomas Reuschel von der Arbeitsgemeinschaft Eisenbahn-Überfahrung Filstal im Mühlhausener Gemeinderat. Mit Rüttelplatten werden die 485 und 472 Meter langen Brücken dazu gebracht, in verschiedenen Frequenzen zu schwingen. Die Ergebnisse werden dann mit denen verglichen, die man in der Theorie berechnet hat. „Die Versuche sollen zeigen, dass die Brücken sicher sind“, erklärte der Fachmann.
Einen anderen Test hat das zuerst fertiggestellte Tragwerk schon hinter sich: Der Güterzug, mit dem vor einigen Tagen 700 Tonnen Schotter angefahren wurden, brachte das Bauwerk an die „maximale Belastung“, was die Fahrt auf dem Längsgefälle von 2,5 Prozent angeht. Auch diese „Feuertaufe“ habe die Brücke bestanden, sagte der Projektleiter. Ende Januar sollen die Oberleitungen verlegt werden und ab Februar wolle man mit den Testfahrten beginnen. „Dabei geht es richtig zur Sache“, erklärte Reuschel. Die Züge rasten mit bis zu 275 Stundenkilometern in sieben Sekunden über die Brücke. Gleichzeitig werde dann begonnen, auch das zweite Brückentragwerk mit Gleisen und Schotter zu belegen. Reuschel geht davon aus, dass im Dezember 2022 mit dem planmäßigen Fahrbetrieb begonnen werden kann.
40 Bauwerke müssen wieder abgebaut werden
Doch damit endet die Arbeit der Arge noch nicht. Es müssen 40 Bauwerke wie Baustraßen oder Abstellflächen wieder abgebaut werden. Reuschel: „Das ist ein großer Aufwand, weil man nur eines nach dem anderen machen kann“. Man werde bis ins Jahr 2023 hinein brauchen, um alles wieder herzustellen. Das wiederum bedeutet, dass die Ende des Jahres auslaufenden Nutzungsvereinbarungen mit Grundstückseigentümern und der Gemeinde bis Ende 2023 verlängert werden. Bislang bezahlt die Arge 600 Euro pro angemietetem Hektar im Jahr. Wie Reuschel vorrechnete, habe sich laut Statistischem Bundesamt der Pachtpreis bei Ackerland seit 2014 um 70 auf 291 Euro und bei Grünland von 37 auf 154 Euro erhöht. Deshalb wolle die Bahn ihren Pachtpreis um 70 auf 670 Euro erhöhen. „Wir sind gute Zahler und liegen weit über dem Schnitt“, befand er. Man wolle ein fairer Partner sein, auch weil der Brückenbau doch viel anspruchsvoller war als geplant und es deshalb zu Verzögerungen kam. Der Gemeinderat stimmte der neuen Nutzungsvereinbarung zu.
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Mehr Gesprächsbedarf gab es in Bezug auf die Eselsteige. Für einen reibungslosen Ablauf der Baustelle hat die Gemeinde mit der Baufirma vereinbart, dass diese den rund 1,7 Kilometer langen unteren Teil der Steige nutzen darf. Auch diese Vereinbarung läuft nun aus und soll nach dem Willen der Arge bis Ende August 2022 verlängert werden. Danach wird die Arge die Steige in diesem Bereich von Grund auf neu ausbauen – mit einer Tragschicht, Deckschicht, Frostschutz, Wasserablauf und Schotter. „Wir haben sie auch kaputtgemacht“, erklärte Thomas Reuschel. Die jetzt schlechte Baustraße wolle man bis dahin „provisorisch flicken“.
Wie und in welchem Umfang wird die Eselsteige saniert?
Bürgermeister Bernd Schaefer verwies auf die Nachteile für Bewohner der Eselhöfe. Diese müssen schon seit geraumer Zeit Umwege in Kauf nehmen, um nach Mühlhausen zu kommen und wieder zurück. Auch die Gemeinde selbst sei betroffen: Sie habe den Winterdienst für die Eselhöfe der Nachbargemeinde Drackenstein übertragen müssen. Projektleiter Reuschel kann sich vorstellen, die Bewohner in Form von Geld oder Tankgutscheinen zu unterstützen. Der Gemeinderat Ulrich Schweizer, der selbst auf den Eselhöfen wohnt, erhofft sich von der Arge ein Entgegenkommen bei der Sanierung des oberen Teils der Steige. Diese ist etwa 1,2 Kilometer lang und von den Baumaßnahmen nicht betroffen.
Thomas Reuschel bot an, dass man der Gemeinde pro Monat künftig 1000 Euro bezahle, bis die Steige im unteren Teil wieder vollständig hergestellt ist. Da die Maschinen für den Straßenbau sowieso da seien, könne dann die Gemeinde dieses Geld dafür einsetzen, auch Teile der oberen Steige zu sanieren oder wenigstens zu asphaltieren. Damit waren nicht alle Räte einverstanden, sodass Reuschel die Mietzahlung auf 2000 Euro pro Monat verdoppelte. Uli Schweizer und Mike Geist schlugen vor, dass man auf die Mieteinnahmen verzichte und die Arge im Gegenzug dafür die Steige auch im oberen Teil mit einer neuen Deckschicht versehe. Für Reuschel bringt eine solche Schicht nur etwas, wenn der Untergrund entsprechend aufgebaut ist. Letztlich könne man das erst entscheiden, wenn im Sommer mit dem Wiederherstellen der Steige begonnen werde.
Dritthöchste Eisenbahnbrücke
Beauftragte Firmen
Die Arbeitsgemeinschaft Eisenbahn-Überfahrung Filstal (Arge EÜ Filstal) besteht aus den Firmen Max Bögl und Porr, die im Auftrag der Deutschen Bahn die Filstalbrücke errichtet haben.
Superlativ
Die Filstalbrücke ist die dritthöchste Eisenbahnbrücke in ganz Deutschland. Sie besteht aus zwei getrennten Tragwerken im Abstand von 30 Metern. Die Brücken sind 485 und 472 Meter lang. Die Brückenhöhe beträgt an der Talsohle 85 Meter. Für den Bau der Filstalbrücke wurden 55 000 Kubikmeter Beton und 7700 Tonnen Stahl benötigt. Die Baukosten belaufen sich auf 53 Millionen Euro.