Zwei Hotels stehen für die wechselvolle Geschichte von Freudenstadt. Einst stieg die internationale High Society in dem Kurort ab. Jetzt soll die dänische Nationalmannschaft neuen Glanz in den Schwarzwald bringen. Eine persönliche Erinnerungsreise.
Herr Becker hatte auch einen Vornamen. Aber den kannte ich nicht. Wir Kinder waren gehalten, ihn artig mit seinem Nachnamen zu grüßen, wenn wir ihn im Treppenhaus trafen. Er bewohnte Mitte der 60er Jahre ein Zimmer im Haus meiner Eltern. Von dort ging er zur Arbeit ins Hotel „Waldlust“. Dieses thronte wie ein Schloss über der Stadt am Waldrand. An der hohen Fassade strahlten weiße Schindeln. Ich stellte mir immer vor, von einem der großzügigen Balkone weit übers Land zu schauen. Am liebsten wollte ich mich ganz oben bedienen lassen, hinter der geschwungenen Brüstung unter dem roten Ziegeldach, das mit seinem Walm die Geborgenheit eines Schwarzwälder Bauernhofs versprach.
Herr Becker kam aus Meran in Südtirol, arbeitete aber in Freudenstadt. Wenn ich ihn sah, trug er einen dunklen Anzug und ein fröhliches Gesicht. Ich glaube, dass er ein guter Kellner war. Genaueres weiß ich nicht, weil wir nie in die „Waldlust“ gingen. Es war zu mondän, und sein Restaurant „Zwitscherstube“ kam gar nicht in Frage. Zum einen war es zu teuer. Zum anderen schloss sich eine Bar an das Speiselokal an, sie hatte bis nachts um zwei geöffnet. Auch wenn der freundliche Herr Becker dort bediente – für meine Eltern lag die „Zwitscherstube“ auf dem Weg nach Sodom und Gomorrha.
Reservierungsbüro in New York
Die „Waldlust“ steht für die wechselhafte Geschichte von Freudenstadt. Von der Belle Epoque bis zum Zweiten Weltkrieg genoss der Kurort internationales Renommee. Die „Waldlust“ unterhielt ein Reservierungsbüro in New York. Der amerikanische Schriftsteller Louis Untermeyer stellte dieses Grandhotel über andere Sehenswürdigkeiten in Europa: „Wenn ihr klug seid, unterbrecht ihr hier eure Reise für ein paar Tage. Die Waldlust hat eine Lage, derer sich wenige Paläste rühmen können. So müde man sein mag, man sollte sich wenigstens zu einem Sonnenaufgang wecken lassen. Dann sieht man einen weiten Himmelsraum, ein Crescendo von Farben und das Wunder der täglichen Wiedergeburt, größer als das, wofür man eine dumme Nacht auf der Rigi verbringt.“
Mit dem Zweiten Weltkrieg begann ein quälend langer Niedergang. Die „Waldlust“ stellte 2005 den Hotelbetrieb ein. Seither kümmert sich der Verein der Denkmalfreunde rührig um die Erinnerung an einstige Größe. An einem Mittwochmorgen im Frühjahr begrüßt der Rentner Karl-Heinz Lammel zwei Dutzend Besucher zur Führung. Gleich am Portal mit den vergoldeten Ornamenten aus dem Jugendstil warnt er: „Nur hier am Eingang gibt es noch eine funktionierende Toilette.“Im Ballsaal von 1920 ist das Tanzparkett perfekt erhalten, ebenso die Musikmuschel für die Kapelle. Von den vier Panoramascheiben sind allerdings zwei gesprungen, eine ist erblindet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte die Betreiberfamilie Luz aus ihrem Grandhotel ein „Sanatorium für Schwache und Nervöse“ machen. Die wohlhabenden Gäste blieben weg. „Wer in den 60er Jahren Geld hatte, fuhr nach Italien“, erklärt Lammel. „Seit der Schließung wurden hier Gruselfilme gedreht.“ Das gefällt ihm überhaupt nicht: „Wir wollen ein anständiges Kulturdenkmal sein.“
Am einstigen Arbeitsplatz von Herrn Becker erfahre ich, woher die „Zwitscherstube“ ihren Namen hat: Auf den bröckelnden Putz sind Singvögel gemalt. Lammel träumt von einer Wiedereröffnung des Lokals: „In zwei Jahren wollen wir hier wieder zwitschern.“
Von der „Waldlust“ führt ein anstrengungsloser Spaziergang zur Sehenswürdigkeit des Orts: Freudenstadt hat nur 24 000 Einwohner, aber den größten Marktplatz Deutschlands. Das kam so: Herzog Friedrich I. von Württemberg reiste 1599 nach Italien, begleitet von seinem Hofbaumeister Heinrich Schickhardt. Der zeigte ihm die Architektur der Renaissance, und der Herrscher fasste einen kühnen Plan: Mitten im rauen Schwarzwald, gut 700 Meter über dem Meer, wollte er eine Idealstadt bauen.
Schickhardt zeichnete einen extravaganten Plan: kein Gewimmel krummer Gassen wie im Mittelalter, sondern eine Anlage mit geometrischem Grundriss. Im Zentrum ein quadratischer Marktplatz, umstanden von Häusern mit Arkaden, unter denen man lustwandeln kann wie südlich der Alpen.
Noch im Jahr der Italienreise wurden im Schwarzwald Bäume gefällt, der Baumeister machte sich ans Werk. Auf dem zentralen Platz wollte er eine Festung errichten, doch der Herzog hatte friedlichere Pläne. Er wollte ein Schloss „ohne fortifikatorischen Effekt“. Neun Jahre später starb Friedrich I., und der große Marktplatz blieb leer.
Die Bürger der ältesten Renaissancestadt nördlich der Alpen wussten nichts Rechtes mit ihrer Attraktion anzufangen. Unter den Arkaden lagerten sie ihr Gerümpel, zwischen den parallelen Häuserzeilen legten sie Misthaufen an. Im 19. Jahrhundert hatte der Bürgermeister Alfred Hartranft die zweite kühne Idee: Aus der Stadt sollte ein Kurort werden. Er verbot das Aufhängen von Wäsche unter den Arkaden und kämpfte persönlich gegen die Misthaufen. Weil es weder heiße Quellen noch Bäder gab, propagierte er die sogenannte Luftkur: Die Gäste sollten in der gesunden Schwarzwaldluft spazieren gehen.
Alfred Hartranft hatte erstaunlichen Erfolg. Freudenstadt entwickelte sich zu einem Kurort von internationalem Rang. Vor dem Ersten Weltkrieg stieg der Hochadel in den Grandhotels ab, der Geldadel baute sich Villen. Die sozialen Verwerfungen zwischen Einheimischen und Touristen waren ähnlich groß wie heute auf Ferieninseln des globalen Südens. Im Jahr 1900 stellte die Stadt einen Nachtwächter an, weil Einbrüche in die Luxusvillen überhand nahmen.
Ein Spazierweg aus dieser Zeit führt durch den Palmenwald. Hier wurden nicht die Sehnsuchtsbäume des Südens gepflanzt – zwischen den Fichten wachsen Stechpalmen. Als Jugendlicher bin ich hier oft mit Skiern bis zum Abfahrtshang am Waldrand gerutscht. Der Lift läuft wegen Schneemangels heute nur noch selten. Aber das Waldhotel aus dem Jahr 1896 hat sich neben der verwaisten Piste gehalten. Bis zum ersten Stock ist es solide aus Buntsandstein gemauert, darüber erhebt sich eine romantische Holzkonstruktion im Schweizer Stil mit geschnitzten Balken und umlaufenden Balkonen. Auch dieses stattliche Hotel hat eine wechselvolle Geschichte. In den 60er Jahren bekam es einen Anbau, der irgendwann nur noch für Studenten gut genug war, die Universitäten Stuttgart, Karlsruhe und Tübingen hielten hier Tagungen.
Neues Hotel-Leben mit Infinitypool
Die ortsansässige Hoteliersfamilie Heinzelmann-Schillinger kaufte das Hotel und verhalf ihm vor fünf Jahren zu einem neuen Leben. Ein Designerkubus aus schwarzdunklem Holz setzt einen Kontrast neben den gut gealterten Bau aus der Belle Epoque. Die Zimmer befinden sich hinter bodentiefen Panoramafenstern. Der Infinitypool erzeugt die Illusion, man könne direkt in den Wald schwimmen.
Das ehemalige Waldhotel heißt jetzt „Fritz Lauterbad“ und sorgt für Aufbruchsstimmung. Zur Fußball-Europameisterschaft im Juni wird die dänische Nationalmannschaft hier Quartier beziehen. „Das wird ein spannendes Happening, das uns werbetechnisch viel Aufmerksamkeit bringen kann“, sagt Hotelier Steffen Schillinger, 40. Das EM-Team hat das ganze Hotel für sich. Bei der Vergabe der 143 Betten lässt sich die Mannschaftshierarchie aushandeln: Wer bekommt ein Zimmer mit Blick bis zur Schwäbischen Alb? Wer muss sich mit der Aussicht auf die Parkplatzfichten begnügen?
Die Fußballspieler nehmen die Rolle ein, die einst die Könige Europas spielten: Die Stadt sonnt sich im Glanz ihrer prominenten Gäste. Auf dem Marktplatz wird es Public Viewing geben. Außerdem haben die Dänen ein öffentliches Training versprochen. Ansonsten haben sie das städtische Stadion mit drei Plätzen für sich. Zwei davon haben Kunstrasen, vor der Tribüne aus den 50er Jahren liegt der Platz mit echtem Gras. Der war immer heilig – wir durften nie auf ihm kicken. Er wurde gepflegt und geschont für die Heimspiele der ersten Mannschaft. Heute fährt ein städtischer Arbeiter mit einem kleinen Traktor gewissenhaft Runde um Runde, um zwischen den Toren zu düngen. Er sagt: „Selbstverständlich trainieren die Dänen auf richtigem Rasen.“
Vor der Tribüne übt eine Klasse des Kepler-Gymnasiums Weitsprung. Fürs Sportabitur müssen die Schüler ausweichen nach Baiersbronn, die Dänen brauchen ungestörte Konzentration. Auch das Kassenhäuschen am Eingang wird gerade gerichtet für den hohen Besuch. Ein neues Fenster vermittelt eine doppelte Botschaft, in ihm vereinen sich Heimat und Welt. Hinter der Scheibe grüßt formatfüllend die dänische Fahne. Rechts unten wirbt ein kleines Schild für regionale Produkte: Honig aus eigener Imkerei.
Von Almen und Tannenwäldern
Autor
Johannes Schweikle ist 1960 in Freudenstadt geboren und dort aufgewachsen. 1980 machte er sein Abitur am Kepler-Gymnasium. Heute lebt der Autor auf Schloss Bühl in Tübingen. In seinem jüngsten Buch „Über den Schwarzwald – Entdeckungsreise auf dem Westweg“ hat er sich mit den Tannenwäldern, Almen, Wanderrouten, Kurorten und Höhenwegen seiner Heimat auseinandergesetzt.