Zum 50. Jubiläum kommt Horst Köhler nach Herrenberg. Für den ehemaligen Bundespräsidenten war der Weltladen eine Vorschule seiner späteren Karriere.
Als würde er zu seinen Wurzeln heimkehren – der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler kommt am Samstag, 16. März, zu den Jubiläumsfeiern des Weltladens in Herrenberg. Dort gibt es einen Festakt mit geladenen Gästen in der Stadthalle. Vor 50 Jahren half Horst Köhler als Mitarbeiter der Tübinger Universität, das Geschäft für fair gehandelte Waren zu gründen, damals noch unter dem Namen „Dritte-Welt-Laden“. Es war in einem anderen Land und wie es aus heutiger Sicht anmutet, in einer komplett anderen Zeit.
Damals, im Jahr 1974, war der hochrenommierte Vordenker der Friedensbewegung, Erhard Eppler, noch Wirtschaftsminister, Helmut Schmidt war Kanzler. Der Vietnamkrieg tobte, die Welt, so schien es, war unausweichlich in zwei Machtblöcke geteilt, die Länder Afrikas und Asiens waren verelendet. Über allem lag in dieser Zeit die Drohung der atomaren Vernichtung allen Lebens auf dem Planeten.
Kann man sich im Weltladen ein gutes Gewissen kaufen?
Ein gutes Gewissen ist kein Produkt, das über die Ladentheke wandert. Man kann es weder im Weltladen noch woanders käuflich erwerben. Aber ich glaube: Wer im Weltladen regelmäßig Kaffee und Honig für sein Frühstück kauft, kann dies guten Gewissens tun und darf davon ausgehen, dass sein Konsum nicht zulasten der Erzeuger geht.
Warum haben Sie sich 1974 gerade in Herrenberg engagiert?
In Herrenberg fanden meine Frau und ich 1970 ein Zuhause, erst in der Wilhelmstraße, kurz darauf bauten wir dann unser Haus im Ortsteil Mönchberg, wo wir nach der Geburt meiner Tochter Ulrike 1973 zu dritt lebten. Meine Frau engagierte sich für die SPD im Ortschaftsrat von Mönchberg und arbeitete in Herrenberg als Lehrerin. Ich sang im Mönchberger Männergesangverein. Wir wollten uns integrieren und engagieren.
Wäre denn Tübingen nicht auch eine Option gewesen?
In Tübingen hatte ich studiert und arbeitete bis September 1976 am Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung. Bis heute verbindet mich viel mit Tübingen. Aber in Herrenberg fanden wir ein günstiges Baugrundstück.
Gab es Spannungen zwischen Ihnen als eher konservativem Denker und dem eher linken Milieu der Dritte-Welt-Läden?
Zwischen den Beteiligten gab es Meinungsunterschiede im Detail, aber große Übereinstimmung in der Grundüberzeugung, dass die Bekämpfung der Armut in den Entwicklungsländern auch eine Front in den reichen Industrieländern haben muss. Unser Dritte-Welt-Laden sollte mit seinen Produkten und Informationen den globalen Süden anschaulich machen und über Zusammenhänge zwischen beiden Lebenswelten aufklären.
Was ist Ihr eindrücklichstes Erlebnis während Ihrer Arbeit im damaligen Dritte-Welt-Laden gewesen?
Am meisten hat mich bei unserer damaligen Initiative das vertrauensvolle Zusammenarbeiten von Menschen aus den verschiedensten Berufszweigen und Bildungshintergründen beeindruckt.
Wie hat sich diese Zeit auf ihre künftige Karriere ausgewirkt?
Bei der Gründung des Dritte-Welt-Ladens und bis zu seiner Eröffnung erfuhr ich sehr konkret, dass der Weg von einer guten Idee bis zu deren praktischen Umsetzung mancherlei – bisweilen auch überraschende – Hürden zu überwinden hat. Das verlangte viele Diskussionen und ich lernte, dass gutes Zuhören und Geduld Wege zu Lösungen öffnete. Im Grunde war das eine kleine Vorschule für meine spätere berufliche und politische Arbeit.
Standen Sie damals der katholischen Befreiungstheologie nahe?
Nein, nicht bewusst. Aber die Fragen und Impulse, die von der befreiungstheologischen Bewegung in Lateinamerika ausgingen, hatten natürlich auch mich erreicht und nachdenklich gemacht. Die Gründer des Dritte-Welt-Ladens wollten den Armen in der Welt eine Stimme vor Ort in Herrenberg geben.
Ist Entwicklungshilfe heute überhaupt noch zeitgemäß in einer Welt, die keinen Unterschied zwischen Erster, Zweiter und Dritter Welt mehr macht?
Der Laden in Herrenberg heißt heute aus gutem Grund Eine-Welt-Laden: Weil Klimawandel, Pandemien und Armutsmigration nicht an Länder- oder Kontinentgrenzen haltmachen. Deshalb brauchen wir endlich auch eine Entwicklungspolitik für die Industrieländer, die strukturellen Veränderungsbedarf im globalen Norden als Voraussetzung für eine nachhaltige Armutsbekämpfung im globalen Süden begreift. Anschaulich wird das durch die Tatsache, dass die CO2-Emissionen in einem Industriestaat wie Deutschland im Jahr 2021 rund 8,1 Tonnen pro Kopf betrugen, während in Afrika im Schnitt nur rund 1 Tonne CO2 pro Einwohner ausgestoßen wurde.
Was müsste das Ziel sein einer deutschen Außenpolitik gegenüber den ärmeren Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika?
Die deutsche Außenpolitik sollte sich als unbeugsamer Anwalt für die Umsetzung der von den Vereinten Nationen beschlossenen Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung und den Pariser Klimabeschluss beweisen. Deren geistige Grundlage ist ein Weltethos, das für alle Menschen auf unserem Planeten ein Leben in Würde anstrebt. Glaubwürdig kann diese Rolle nur sein, wenn sie auch in der Innenpolitik Deutschlands klare Resonanz und Anstrengung demonstriert. Darüber hinaus sollte die deutsche Außenpolitik auch sichtbar und beharrlich für eine Reform der Vereinten Nationen eintreten, insbesondere auch mit dem Ziel, für Afrika und Indien ständige Sitze im Sicherheitsrat vorzusehen.
Können die Industriestaaten für eine gerechtere Welt sorgen?
Öffentliche Entwicklungshilfe allein ist kein Garant für eine gerechtere Welt, aber sie ist ein wichtiger Beitrag die notwendigen Eigenanstrengungen des globalen Südens im Kampf gegen Hunger, Armut und die Folgen des Klimawandels zu unterstützen. Schon in den 1970er Jahren haben sich viele Industriestaaten auf Vorschlag von OECD, Vereinten Nationen und Weltbank darauf verständigt, jährlich 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für Entwicklungshilfe aufzuwenden. Dieses Versprechen muss dringend eingelöst werden. Darüber hinaus sollten die Industriestaaten auf den noch immer vorherrschenden moralisch-belehrenden Ton in ihrer Entwicklungspolitik verzichten.
Wann waren Sie zum letzten Mal im Eine-Welt-Laden einkaufen?
Im Sommer letzten Jahres in Tübingen. Tatsächlich erfreuen sich meine Frau und ich aber auch an einer kleinen Sammlung afrikanischer Kunst von Bildern und Skulpturen.
Ein Ökonom wird Präsident
Kindheit
Horst Köhler kam 1943 als siebtes von acht Kindern einer bessarabiendeutschen Bauernfamilie zur Welt. Die Familie flüchtete nach Polen, dann in der DDR, schließlich floh sie nach West-Deutschland.
Ausbildung
Köhler studierte bis 1969 in Tübingen Politik und Volkswirtschaft. Bis 1976 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni.
Berufsleben
1976 wechselte Köhler ins Bundesfinanzministerium, nach mehreren Stationen wurde er im 2000 wurde Köhler Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF).
Präsidentschaft
2004 wurde Köhler zum 9. Präsidenten der Bundesrepublik gewählt. 2010 trat er Amt zurück, nachdem er wegen Äußerungen zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan kritisiert wurde.