„1,69 Meter Schalke 04“: Manager Horst Heldt. Foto: dpa

Die vergangene Saison war für Schalke 04 ernüchternd, prompt geriet Horst Heldt heftig in die Kritik. „Jetzt ist die Euphorie auf Schalke wieder in Wallung gekommen“, sagt der Manager vor dem Duell gegen seinen Ex-Club VfB Stuttgart im Interview.

Herr Heldt, nach drei Jahren in der Champions League musste Schalke am Donnerstag in der Europa League ran. Wie exotisch ist das?
Dieser Wettbewerb ist ambitioniert – umso mehr, wenn zu den K.-o.-Runden die Teams aus der Champions League dazustoßen.
Aber?
Die Europa League wird leider seitens der Uefa nicht ausreichend gewürdigt – vor allem finanziell. Die Prämien stehen in keinem Verhältnis zu den immensen Summen, die es in der Champions League zu verdienen gibt.
Zum Spiel gegen den VfB sind Sie von Nikosia direkt nach Stuttgart geflogen. Heimatgefühle?
(Schmunzelt) Wir sind seit Freitag hier. Da kann ich viele alte Bekannte treffen. Mein Terminkalender ist ziemlich voll.
Sie spielen Europa League, weil Schalke in der Liga nur Sechster war – so schlecht wie seit 2011 nicht. Sie standen heftig in der Kritik.
Zuvor hatten wir unsere Ziele immer erreicht, deshalb ist Kritik normal. Der Stein des Anstoßes war aber mehr die Art und Weise, wie wir Fußball gespielt haben.
Ein Fan hat Ihnen auf einem Plakat mit Bezug auf Ihre Körpergröße vorgehalten: „1,69 Meter Inkompetenz“.
Meine Antwort kennen Sie ja.
Bei der Mitgliederversammlung haben Sie gesagt: „1,69 Meter Arbeit, 1,69 Meter Leidenschaft und 1,69 Meter Einsatz. Zusammengefasst: 1,69 Meter Schalke 04.“
Ausschlaggebend war aber etwas anderes: Ich konnte den Mitgliedern gewisse Dinge erklären und mein Versprechen geben, dass wir einiges verändern und dadurch in Zukunft wieder besser agieren werden. Danach gingen die Blicke nach vorn. Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie unfassbar leidenschaftlich und treu die Schalker Fans sind. Sie tragen eine unendliche Liebe und Begeisterung für den Verein in sich.
Trotzdem war es in dieser Situation riskant, auf André Breitenreiter als neuen Trainer zu setzen. Immerhin war er gerade mit dem SC Paderborn aus der Bundesliga abgestiegen.
Für mich hatte er nie den Makel eines Abstiegstrainers, im Gegenteil: Wie er es geschafft hat, dass der Verein bis zum letzten Spiel gegen den VfB die Chance auf den Ligaverbleib hatte, fand ich beeindruckend.
Was schätzen Sie an Breitenreiter?
Wie er die Mannschaft führt. Und dass er klare Prinzipien hat. Er hat den Löwenanteil daran, dass die Euphorie auf Schalke wieder in Wallung gekommen ist.
Die Sie durch den Transfer von Julian Draxler zum VfL Wolfsburg gleich getrübt haben – auch bei sich zu Hause.
Mein Sohn Paul ist fünf und ein Draxler-Fan. Er hat den Wechsel nicht verstanden.
Sie haben ihm vermutlich erklärt, dass 36 Millionen Euro Ablöse kein Pappenstiel sind.
Nein. Ich habe ihm erzählt, dass Schalke 04 anderen Vereinen gerne hilft, dass Wolfsburg Julian Draxler unbedingt braucht und dass er vielleicht eines Tages zurückkommt. Das hat er unter Krokodilstränen geschluckt – und ich habe schnell das Thema gewechselt.
Von Draxler abgesehen: Der milliardenschwere TV-Vertrag in England treibt die Ablösesummen in wahnwitzige Höhen. Wohin führt das?
Es wird immer schwieriger, Talente oder Spieler unterhalb der Top-Kategorie dauerhaft zu halten. Clubs wie Southampton oder Stoke City, die keine Topspieler bekommen, sind die neue Konkurrenz für jene Bundesligaclubs, die auch nicht international spielen. Die werden da finanziell nicht mithalten können. Deshalb gewinnt die Ausbildung von Talenten noch mehr an Bedeutung.
Geld öffnet nicht alle Türen. Mit den Millionen für Draxler wollten Sie Filip Kostic vom VfB loseisen, doch der Verein hat sich gesperrt.
Das galt und gilt es zu respektieren.
Haben Sie gerade vor dem Hintergrund des Geldflusses aus England Respekt vor der Haltung von VfB-Sportvorstand Robin Dutt, der sagt: Der Spieler ist uns wichtiger als Geld?
Das war eine Entscheidung des VfB. Wir haben ein Angebot gemacht . . .
. . . das Sie in der Winterpause erneuern?
 Ich weiß nicht, was im Winter sein wird.
Das hängt womöglich davon ab, wo der VfB dann steht. Wie bewerten Sie Ihren Ex-Club?
Natürlich ist jetzt die Enttäuschung groß, aber das Schöne am Fußball ist, dass sich alles schnell drehen kann. Der VfB verfügt über viel Qualität, das war in allen vier Spielen dieser Saison zu erkennen, die er zum Teil sehr unglücklich verloren hat. Das macht Hoffnung, dass der VfB den Trend jederzeit umkehren kann. Wobei ich hoffe, dass das nicht gegen uns passieren wird.
Wie sehr hängen Sie noch am VfB?
Ich habe in meinen sieben Jahren in Stuttgart einige unvergessliche Momente erlebt, allen voran den Sieg in der Champions League über Manchester United und die Meisterschaft 2007. Mein Herz hängt noch immer ein Stück am Verein. Was beim VfB passiert, lässt mich nicht kalt.
Der VfB strebt eine Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung an, Schalke nicht. Warum?
Weil wir uns als Verein mit unseren Mitgliedern in der Rechtsform e. V. wohlfühlen. Und weil der Verein in den Jahren, seit ich auf Schalke Verantwortung trage, seine Finanzverbindlichkeiten um mehr als 70 Millionen Euro gesenkt hat und dabei auch ohne Ausgliederung die Basis dafür gelegt hat, jedes Jahr international zu spielen, darunter dreimal in Folge in der Champions League.
Das Spiel gegen den VfB bedeutet für Sie eine Rückkehr, aber auch für Huub Stevens, der nun dem Schalker Sportbeirat angehört.
Daraus wird nichts. Huub ist bei der Taufe seines Enkels und kann nicht kommen.
Zweimal ist Stevens beim VfB als Feuerwehrmann eingesprungen. Was wäre, wenn der VfB noch mal versuchen würde, ihn zu holen?
(Lacht) Wenn es ihn noch mal juckt, als Trainer zu arbeiten . . . Aber diese Frage kann nur Huub Stevens beantworten.
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