Horst Heldt (li.) im Trikot des VfB Stuttgart, Streicheleinheit für Cacau Foto: Baumann

Bis vor vier Jahren war Horst Heldt Sportvorstand beim VfB Stuttgart. Dann wechselte er in gleicher Funktion zum FC Schalke. Am Sonntag trifft er mit den Königsblauen auf den VfB. Er ist sicher, dass sein Ex-Club in der Bundesliga bleibt – und er ist bis heute überzeugt, dass er damals einen guten Job gemacht hat. Aber die Bedingungen, die der VfB-Aufsichtsrat stellte, behinderten in seinen Augen die Personalpolitik.

Stuttgart. - Guten Tag, Herr Heldt. Wie geht es Paul?
Super, er ist neulich vier Jahre alt geworden. Der Kleine macht meiner Frau und mir sehr viel Freude.
Kickt er schon beidfüßig?
(Lacht) Ich arbeite dran. Jedenfalls ist er schon ein großer Fußballfan . . .
. . . und er trägt das Schalke-Trikot.
Selbstverständlich. Er ist ein großer Fan von Julian Draxler, und er spielt unsere Partien immer nach.
Vielleicht wird er ja selber einmal Teil der Knappenschmiede. Sie haben die Nachwuchsarbeit auf Schalke neu aufgestellt. Mit großem Erfolg. Was ist das Geheimnis?
Eigentlich ist das ganz einfach. 2010 haben wir bei der Zertifizierung unserer Nachwuchsabteilung durch den Deutschen Fußball-Bund sehr bescheiden abgeschnitten . . .
. . . ein heilsamer Schock?
Das kann man so sagen. Wir haben anschließend keinen Stein auf dem anderen gelassen. Es wurden Personalentscheidungen getroffen, wir haben die Jugendabteilung dann im Bereich der Trainer und Scouts mit Spitzenkräften verstärkt, Inhalte unserer Arbeit verändert – und für das alles auch Geld in die Hand genommen.
Eine Investition, die sich nun refinanziert.
Wir haben sehr hart gearbeitet und ernten jetzt den Lohn dafür.
Der Strom an Talenten scheint auf Schalke nicht zu versiegen.
Ja, das kann sich schon sehen lassen: Matip, Draxler, Höwedes, Fährmann, Meyer. Wir hatten schon Aufstellungen, da standen sieben, acht Spieler aus der eigenen Jugend auf dem Platz. Wir bieten eine hervorragende Ausbildung und haben in Norbert Elgert den vielleicht besten U-19-Trainer in Europa. In der Youth League sind wir neulich erst im Halbfinale unglücklich mit 0:1 am FC Barcelona gescheitert, demnächst stehen wir im DFB-Pokalfinale gegen den SC Freiburg.
Warum funktioniert das auf Schalke gut, beim VfB eher mäßig?
Die Arbeit eines anderen Vereins aus der Entfernung zu beurteilen, maße ich mir nicht an. Für uns kann ich sagen: Unser Profitrainer setzt die Talente konsequent ein. Er ist ständig im Dialog mit den Jugend-Coaches. Das ist Teil unserer Philosophie. Die jungen Spieler brauchen diese Perspektive nach oben. Trotz allem darf man natürlich nicht den Fehler machen, nur auf die Jugend zu bauen und die Bedeutung der älteren Spieler zu unterschätzen. Man braucht ein tragfähiges Gerüst aus erfahrenen Persönlichkeiten, um die Talente an größere Aufgaben heranzuführen.
Wer bildet dieses Gerüst auf Schalke?
Das sind in erster Linie die Spieler, die schon international Erfahrung gesammelt haben wie Klaas-Jan Huntelar, Benedikt Höwedes, Roman Neustädter oder Kevin Prince-Boateng. Sie sind enorm ehrgeizig und wissen um die Bedeutung einer funktionierenden Hierarchie innerhalb des Teams.
Und der Coach?
Das ist ein weiterer Vorteil. Jens Keller kennt als ehemaliger U-17-Coach beide Seiten des Geschäfts und weiß, wie man sie am sinnvollsten zusammenbringt. Er hat ein Gespür dafür, wie er welchen Spieler anpacken muss. Mit Max Meyer muss man eben anders umgehen als mit Kevin-Prince Boateng.
Auch Keller war kurzzeitig nicht unumstritten.
Schalke 04 ist in jeder Hinsicht ein emotionaler Verein. Da wird es eben schwierig, wenn du auf Rang sieben stehst, der Anspruch aber ist, dass wir uns für die Champions League qualifizieren.
Die Vereinsführung hat trotzdem die Ruhe bewahrt.
(Atmet tief durch) Ja, auf allen Ebenen. Und das war gut so. Fußball ist ein Mannschaftssport. Entscheidungen muss man im Team treffen. Das haben wir getan.
Haben Sie Erfahrungen aus der Jugendarbeit des VfB Stuttgart auf Schalke eingebracht?
Keine Frage. Die Jahre beim VfB haben mich geprägt. Wir waren damals ja auch erfolgreich und haben einige Talente an die Profis herangeführt. Zum Beispiel Sami Khedira. Aber das alles lässt sich nicht eins zu eins übertragen. Wir haben hier eine andere Geschichte und in Teilen auch andere Voraussetzungen.
Beim VfB wird die Zeit nach der Meisterschaft 2007 immer wieder als eigentliche Ursache für die aktuelle Misere genannt. Damals waren Sie noch VfB-Manager. Trifft Sie das?
Den Schuh ziehe ich mir nicht an. Wenn ­jemand auf die Zeit nach 2007 verweist, ­sollte er sich 2014 auch an all dies erinnern: Es gab damals drei Kriterien, die der Aufsichtsrat dem Vorstand zur absoluten Bedingung gemacht hatte. Es gab die berühmte schwarze Null für den Fall, dass der Verein nicht europäisch spielt. Mindestens eine Million Euro Gewinn mussten wir erwirtschaften, wenn wir Euro League spielen, mindestens zwei Millionen Euro, wenn wir in der Champions League mitmischen. Das hat sicherlich die komplette Personalpolitik beeinflusst. Man konnte neue Spieler erst holen, wenn man andere abgegeben hatte. Wir konnten daher häufig erst spät auf dem Transfermarkt agieren. Darunter hat doch auch noch die Arbeit von Fredi Bobic ge­litten . . .
. . . Präsident Bernd Wahler hat das geändert.
Das wurde auch Zeit. Was nicht vergessen werden sollte: Wir haben eine Mannschaft mit Trainer übergeben, die in der Europa League spielte, während meiner Zeit haben wir zweimal Champions League und ­zweimal Uefa-Cup gespielt, sind deutscher Meister geworden, standen im Pokalendspiel und haben trotz der harten Vorgaben der Gremien satte Gewinne – teilweise in zweistelliger Millionenhöhe – gemacht. Was übrigens der Öffentlichkeit auf jeder Jahreshauptversammlung auch kommuniziert wurde.
Am Sonntag treffen Sie einen alten Bekannten.
Ich treffe beim VfB viele alte Bekannte.
Und einen, der mal Trainer auf Schalke war. Sie könnten was gutmachen bei Huub Stevens.
Wir haben uns von ihm getrennt, das war natürlich für uns alle sehr bedauerlich. Aber es gab Gespräche, wie wir ihn danach trotzdem in den Verein einbauen könnten. Er hat ja enorme Qualitäten und Verdienste um Schalke 04, er wurde hier von den Fans zum Jahrhunderttrainer gewählt. Er fühlte sich aber noch zu jung, er wollte weiter als Trainer arbeiten. Er ist und bleibt aber auf Schalke immer herzlich willkommen. Unser Verhältnis ist völlig unbelastet. Ich freue mich, Huub zu sehen.
Der FC Schalke ist Dritter und hat sieben Punkte Vorsprung auf Rang vier. Da könnten es die Knappen doch machen wie der FC Bayern.
Wir haben unsere eigenen Ziele, die wir mit maximalem Ehrgeiz anstreben. Wir wollen auch in Stuttgart eine gute Partie abliefern. Wir haben uns diese Position hart erarbeitet – und keiner hat Lust, das leichtfertig wieder aus der Hand zu geben. Im Übrigen bin ich felsenfest davon überzeugt, dass der VfB den Abstieg verhindert. Die Arbeit von Huub Stevens ist dafür die beste Garantie.
Sie haben die Bayern wegen ihrer Auftritte mit der B-Elf kritisiert. Sammer giftete zurück. Das wird keine große Freundschaft mehr.
Wenn wir uns sehen, begegnen wir uns immer sehr respektvoll, und die Erfolge des FC Bayern sind seit seinem Dienstantritt eng mit Matthias Sammer verknüpft. Trotzdem muss es auch möglich sein, seine Meinung zu sagen. Matthias hatte ja zuvor auch ungefragt Ratschläge an andere Vereine gegeben. Ich finde eben, dass man nicht sagen kann, die Liga ist gelaufen, das interessiert keinen mehr. Es gibt viele Clubs, die da noch sehr involviert sind.
Zum Beispiel der VfB.
Stellen Sie sich vor, der FC Bayern würde gegen den HSV mit der C-Mannschaft, gegen den VfB aber mit der A-Mannschaft antreten, weil er an diesem Tag die Meisterschale überreicht bekommt. Das ginge doch nicht.
Der FC Bayern hat das Meister-Abo und macht, was er will. In der Champions League spielen seit vielen Jahren ab dem Halbfinale fast immer die gleichen Teams den Titel aus. Ist das Gift für einen gesunden Wettbewerb?
Ganz so schlimm ist es nicht. Wir haben jetzt die Chance, zum dritten Mal in Folge in der Champions League zu spielen. Gut möglich, dass wir dann als Gesetzter in Lostopf eins kommen. Es geht also voran. Wahr ist aber auch: Wir sind nach wie vor ein Verein, der seine besten Spieler im Zweifelsfall abgeben muss, weil die ganz großen Clubs noch mehr bieten können. Wir arbeiten uns aber Stück für Stück voran. Das braucht seine Zeit, ist aber nicht aussichtslos.
Ein permanenter Drahtseilakt.
Den man mit Geschick meistern kann. Wir waren in den vergangenen drei Jahren national und international konkurrenzfähig und haben gleichzeitig 70 Millionen an Verbindlichkeiten abgebaut.
Ist der FC Bayern überhaupt einzuholen?
Kurzfristig nicht. Die Bayern haben ganz andere Voraussetzungen. Ein Personaletat von 180 Millionen Euro ist für uns nicht darstellbar. Die verkaufen kurz mal 9,5 Prozent ihrer Anteile, dann haben sie wieder frisches Kapital. Einen solchen Weg wollen wir als eingetragener Verein nicht ­gehen. Aber wir verbessern uns Schritt für Schritt.
Wo sehen Sie die Bundesliga im internationalen Vergleich?
Das Gesamtprodukt stimmt. Sie ist nach wie vor interessanter als die Ligen in Spanien, Italien und England. Wir haben viele junge und hochinteressante Spieler, es gibt nach wie vor etliche Duelle auf Augenhöhe, unsere Stadien sind moderner, die Stimmung ist besser. Dabei sind die Voraussetzungen ganz andere. Etliche Clubs aus diesen Ländern würden bei uns gar keine Lizenz bekommen.
Wie ernst nehmen Sie das Financial Fair Play der Uefa? Derzeit steh Paris St. Germain am Pranger.
Sehr ernst. Die Uefa wird Nägel mit Köpfen machen. Das hat sie schon mit der Transfersperre für den FC Barcelona bewiesen.
Putins Energieriese Gazprom ist Hauptsponsor des FC Schalke 04. Beschleichen Sie ambivalente Gefühle angesichts der Ereignisse in der Ukraine?
Das ist eine langjährige und faire Partnerschaft im Fußball-Sponsoring. Es gibt viele Unternehmen in Deutschland und Europa, die nach wie vor Geschäfte mit Russland ­machen. Das interessiert offenbar weniger. Machen wir uns nichts vor: Der FC Schalke 04 kann die Weltpolitik nicht beeinflussen.
Aber Zeichen setzen.
Das ist in erster ­Linie Aufgabe der Politik.
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