Ein ehemaliger ehrenamtlicher Mitarbeiter des CVJM Esslingen sieht sich wegen seiner Homosexualität diskriminiert. Die Berufung auf Religionsfreiheit rechtfertigt keine Homophobie, kommentiert unser Autor Martin Mezger.
Es geht einem leicht über die Lippen, das schöne Wort Toleranz. Selbstverständlich nehmen sie alle für sich in Anspruch, großzügig gewähren wir sie jeder und jedem, das edle Motto der Rosa Luxemburg im Hinterkopf: „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.“ Nun kann man freilich alles Mögliche anders denken, zum Beispiel dass sich die Sonne um die Erde drehe oder dass die sogenannte weiße Rasse allen anderen Menschen überlegen sei. Krude Beispiele? Ja, inzwischen. Doch einst war’s Common Sense, ehrwürdige Wissenschaft. Jetzt: längst widerlegt, kompletter Quatsch.
Gebührt ihm trotzdem die Ehre der Toleranzaltäre? Bei einem rein formalen Toleranzbegriff, der seine Segnungen wie mit der Gießkanne über fruchtbaren Sinn wie furchtbaren Unsinn gleichermaßen verteilt, dürfte man nicht zögern. Es gibt aber auch, was Herbert Marcuse in einem berühmten Essay „repressive Toleranz“ nannte: die Toleranz gegenüber der Intoleranz, die jene einfordert, um sie abzuschaffen.
Patriarchal-machtorientierte Bibellektüre
Tatsächlich ist Toleranz nicht nur formal und vor allem nicht neutral, sondern parteiisch, nämlich für Emanzipation. Unter anderem für die der Homosexuellen und Queeren. Ihr steht eine Haltung entgegen, die von Gruppierungen innerhalb der Kirche und wohl auch im Esslinger CVJM eingenommen wird: Homosexualität ist wider die göttliche Ordnung, also Sünde. Die Vertreter dieser Haltung berufen sich ebenso auf Religionsfreiheit wie die katholische Kirche mit ihrer radikalen Diskriminierung von Frauen durch Verweigerung des Priesteramts. Wohlgemerkt: Es geht hier nicht um Kirche gegen den Rest der Welt. Die meisten Christen beiderlei Konfession wissen, was es mit religiös verbrämter Homophobie und Misogynie auf sich hat: eine schlampig-oberflächliche, patriarchal-machtorientierte Bibellektüre.
Lange Serie verhängnisvoller Irrtümer
Diskriminierungen, wie sie im Esslinger CVJM hoffentlich der Vergangenheit angehören, verdienen daher keine Toleranz. Ja, auch Homophobie war vor noch nicht allzu langer Zeit Common Sense, war „wissenschaftlich“, reiht sich ein in die lange Serie verhängnisvoller Irrtümer. Wer immer noch glaubt, ihnen frönen zu müssen und dafür die Religionsfreiheit in Anschlag bringt, hat dies als seine Privatsache zu betrachten. Der institutionelle Rahmen einer großen Jugendorganisation darf sich niemals für solche Positionen und ihre übergriffigen Absichten hergeben.