Auch der Kältebus gehört zu den Angeboten des DRK in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Dem Stuttgarter Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) steht eine umfassende Strukturreform bevor. Grund sind anhaltende finanzielle Verluste. Die Änderungen dürften schmerzhaft werden.

Auf das Deutsche Rote Kreuz (DRK) stößt man in Stuttgart überall. Rettungsdienst, Seniorenzentren, Erste-Hilfe-Kurse, Hitze- und Kältebus, Hausnotrufe oder Sanitätsdienste bei Festen – in über 60 Feldern sind die fast 2000 ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitenden tätig. Doch auch eine Organisation, die Gutes tut, muss sich finanzieren. Und genau an dieser Stelle gibt es erhebliche Probleme. Und das offenbar bereits seit Jahren.

 

Im vergangenen Sommer ist der frühere Stuttgarter Polizeipräsident und Ordnungsbürgermeister Martin  Schairer  als neuer ehrenamtlicher Präsident angetreten. Eine Findungskommission hatte zuvor nach einer Persönlichkeit gesucht, die sich für diese Amt eignet. Nicht ohne Grund: Es war ein Jahr lang unbesetzt gewesen. Schairers Vorgänger Walter Sopp war nach einem Antrag interner Kritiker abberufen worden. Im Kreisverband hatten die Vorgänge für viel böses Blut gesorgt, gar von einer Spaltung war die Rede. Schairer und sein neu gewähltes Präsidium sollten den Verband versöhnen und in die Zukunft führen.

Das soll jetzt auch passieren – allerdings in drastischerer Form, als es die Beteiligten zuvor wohl erwartet hatten. Denn nach Informationen unserer Zeitung fährt der Verband erhebliche finanzielle Verluste ein. Das macht eine umfangreiche Neuorganisation nötig, die in ihrer Ausprägung offenbar nicht jedem gefällt.

„Der Kreisverband steht finanziell unterm Strich noch gut da. Wir müssen die Leistungsfähigkeit aber auch in der Zukunft erhalten“, sagt Martin Schairer. Man habe viel aus Rücklagen gewirtschaftet. Es gebe „seit Jahren permanente strukturelle Verlustbringer“, die regelmäßig für hohe sechsstellige Verluste in manchen Bereichen sorgten. Der Rettungsdienst ist dabei nicht betroffen, er wird  von  den Krankenkassen finanziert. Allerdings bereiten der Bevölkerungsschutz und die derzeit noch zwölf Bereitschaften in den verschiedenen Stadtbezirken mit ihren ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern Sorgen.

Ehrenamtliche müssen selbst bezahlen

Beim Bevölkerungsschutz geht es offenbar um die Fahrzeuge, die vom Land zugewiesen werden. Die Mietkosten zum Beispiel für Garagen werden nicht erstattet. „Wir befinden uns da im Gespräch mit Stadt und Land“, sagt Schairer. Man müsse dringend einerseits Kosten sparen, andererseits die Einnahmeseite verbessern, etwa durch Zuschüsse, Kostenerstattung oder Spenden.

Das gilt auch für die Bereitschaften. Dort allerdings dürfte der Schmerz bei einigen deutlich spürbar sein. Bisher, so DRK-Präsident Schairer, bekommen die Ehrenamtlichen vor Ort ihre originären Kosten wie Miete für Gebäude, Heizung oder Reparaturen vom Kreisverband bezahlt. In Zukunft sollen sie diese Kosten selbst stemmen. „Das soll in den nächsten drei Jahren schrittweise erfolgen“, sagt der Präsident. Damit entspreche das Modell dem der anderen Kreisverbände im Land.

Einnahmen sollen die Bereitschaften durch Sanitätsdienste, Ausbildung, Spenden- und Mitgliederakquise oder Untervermietung von Räumen erzielen. Bisher konnten die Bereitschaften solche Einnahmen frei verwenden. In der Konsequenz kann das auch bedeuten, dass es Kooperationen, Zusammenlegungen oder Auflösungen geben wird. Schon in der Vergangenheit hatten immer wieder einzelne Bereitschaften aufgehört, zuletzt in Untertürkheim.

Schairer betont, der Weg sei schmerzhaft, aber unvermeidlich: „Wenn wir die bisherigen Strukturen beibehielten, wäre das unverantwortlich.“ Auch als Sozialunternehmen müsse man sich wirtschaftlich aufstellen. Dazu gehört auch, in der Verwaltung zu sparen und frei werdende Stellen teilweise nicht nachzubesetzen. Insgesamt trage der Verband die Pläne gut mit, betont Schairer. Der Beschluss im Präsidium sei einstimmig gefallen. In einer Sitzung der betroffenen Bereitschaften sei dem Programm „zwar mit Bauchgrimmen, aber auch mit großer Mehrheit zugestimmt“ worden. Für Unruhe sorgen die Beschlüsse gleichwohl.

Zwei Rücktritte im Präsidium

Und auch am neu gewählten Präsidium ist das Thema nicht spurlos vorbeigegangen. Sowohl der langjährige Justiziar als auch der neue Schatzmeister haben ihre Ämter rund um eine Präsidiumssitzung im Februar niedergelegt. Laut Schairer aus unterschiedlichen Gründen. Der Justiziar habe zwar die Notwendigkeit für Reformen ebenfalls gesehen, sei aber mit der Belastung der Bereitschaften nicht einverstanden gewesen. Er trat noch vor dem Beschluss zurück. Der Schatzmeister habe noch mitabgestimmt und habe sich danach zurückgezogen – aus „privaten und beruflichen Gründen“.

Beide Posten sollen nun satzungsgemäß bei der nächsten Kreisversammlung neu besetzt werden. Die ist allerdings erst für November geplant. Das Amt des Justiziars will der Jurist Schairer bis dahin selbst übernehmen. Für den Posten des Schatzmeisters sei eine Übergangslösung in Arbeit.

Auf die Suche nach Schuldigen an der Situation wollen Schairer und seine Mitstreiter sich bewusst nicht begeben. „Wir schauen nach vorn“, sagt er. Wenn die Reform gelinge, sei man überzeugt, „dass die Zukunft eines leistungsfähigen DRK in Stuttgart gewährleistet ist“. Das wäre nach all den Querelen wohl nicht nur eine gute Nachricht für das DRK, sondern auch für die Bevölkerung.