In Baden-Württemberg fallen 44 Prozent der Fahrschüler durch die theoretische Prüfung. Foto: dpa/Roland Weihrauch

Inzwischen fallen in Baden-Württemberg 44 Prozent durch die theoretische Prüfung. Zeigt sich daran die Bildungsmisere? Was sagt der Fahrlehrerverband? Und was meinen junge Leute selbst? Wir haben im Theorieunterricht in Stuttgart nachgefragt.

In Charly’s Fahrschule am Stuttgarter Marienplatz liegen Tütchen mit Süßigkeiten auf dem Tisch, daneben steht Cola, Wasser, Schorle. Ausreichend Nervennahrung – der Abend wird schließlich lang. Drei Stunden Theorieunterricht liegen an diesem Donnerstagabend vor den zehn Fahrschülerinnen und Fahrschülern im Raum. Die Fahrschulinhaberin Jennifer Spazier bietet inzwischen Blockunterricht an, verteilt auf sieben Werktage. Los geht es an diesem Abend mit der „Unfallursache Nummer Eins“, wie Spazier sagt – die Geschwindigkeit. Ob sie bereit seien? Alle nicken, ihre Smartphones haben sie griffbereit vor sich. Sie lernen auch mithilfe einer App und üben damit in ihrer Freizeit, wann immer es ihr Job oder die Schule zulassen.

 

Erst wenn sie ihr Soll in der App erfüllt haben, meldet ihre Fahrlehrerin sie zur theoretischen Prüfung an. Und die ist inzwischen alles andere als ein Selbstläufer. Am besten weiß das Felix, der ganz hinten sitzt. Er ist schon zweimal durch die Theorieprüfung gefallen. Beim zweiten Mal sei es denkbar knapp gewesen, berichtet der 19-Jährige. Da habe es nur an einem Fehlerpunkt gelegen, dass er durchrasselte, ärgert er sich. Weil er krank wurde, probiert er es nun zwei Jahre später wieder. Er hat die Fahrschule gewechselt und hofft, dass es beim dritten Anlauf klappt. „Ein Kumpel von mir ist schon sechs Mal durchgefallen“, sagt Felix. Seine Fahrlehrerin Jennifer Spazier, die auch Vorsitzende des Kreisvereins Stuttgart im Fahrlehrerverband ist, berichtet von einem Fall, in dem die Person sogar zehn Mal durchgefallen sei.

44 Prozent aus Baden-Württemberg sind durch die Theorie durchgefallen

Auch dieser Ausreißer nach oben passt ins Bild. Die Wahrscheinlichkeit, durch die theoretische Prüfung zu fallen, ist so hoch wie nie. In Baden-Württemberg lag die Durchfallquote 2023 laut einer aktuellen Auswertung des Tüv-Verbands über alle Klassen hinweg bei 44 Prozent – nochmal vier Prozent höher als in 2022 und zwei Prozent höher als der Bundesschnitt in diesem Jahr. Bundesweites Schlusslicht ist Berlin mit 49 Prozent. Seit Jahren geht die Kurve der Durchfaller in der Theorieprüfung nach oben. Zum Vergleich: 2013 rasselten bundesweit laut Kraftfahrt-Bundesamt 29,1 Prozent durch die theoretische Prüfung.

Woran liegt das? Zeigt sich hier etwa auch die Bildungsmisere? Um es vorweg zu nehmen: Nein, die Fahrschüler von heute sind nicht alle zu blöd für die theoretische Prüfung. Fragt man beim Fahrlehrerverband Baden-Württemberg an, werden eine Vielzahl an Gründen für die Entwicklung aufgeführt. Darunter ist aber auch ein Aspekt, der die Generationenfrage berührt. Bei den Fahrschülern von heute mangele es vielen am Verkehrsverständnis, erklärt der Vorsitzende des Verbands, Jochen Klima. Das Problem hängt für ihn mit dem Mama-Taxi zusammen. „Die sitzen von der Kita an hinten drin und werden irgendwo hingefahren – es ist ein passives im Verkehr mitfahren“, erläutert Klima. Was zu kurz komme: dass Eltern Wege mit ihren Kindern zu Fuß bewältigten und ihnen dabei die Verkehrsregeln erklärten.

Deutlich mehr Fragen zum Lernen

Der Hauptgrund für die hohe Durchfallquote ist laut dem Verband aber ein anderer: „Die Prüfung selbst ist anspruchsvoller geworden“, sagt Jochen Klima. Früher habe es 700 bis 800 Fragen gegeben, auf die man sich vorbereiten musste, inzwischen seien es um die 1300. Die Umstellung auf die digitale Prüfung sei auch ein Faktor. Früher sei das Auswendiglernen relativ einfach gewesen, erläutert Klima, weil auf den Prüfungsbögen die gleichen Motive wie in den Übungen abgebildet waren. Nun sei die Umgebung unterschiedlich gestaltet, Autofarben wechselten. „Früher konnte man die Frage wiedererkennen, jetzt nicht mehr“, erklärt Klima. Zudem enthält die digitale Prüfung Videoaufgaben. Bis zu fünf mal darf man ein Video ansehen. Klickt man zur zugehörigen Frage, kann man die Szene nicht erneut aufrufen. „Auch hier ist Konzentration und Aufmerksamkeit gefragt“, sagt Klima. Und natürlich komme es auch darauf an, mit welcher Einstellung man an die Prüfung gehe. „Man kann im Prinzip alle 14 Tage die Prüfung machen“, so Klima. Er ist zwar dagegen, eine Zwangspause bereits nach einem Fehlversuch einzuführen, wie sie früher galt, aber eine Zwangspause nach drei Fehlversuchen fände er sinnvoll. Das würde den Effekt haben, „dass man anders an die Prüfung rangeht“, glaubt er.

55 Prozent fallen bei der Wiederholungsprüfung durch

Vor allem sogenannte Umschreiber, aber auch Erstbewerber erhöhten die Durchfallerquote, so Klima. Hinter Umschreibern verbergen sich Zugewanderte – Menschen mit einer ausländischen Fahrerlaubnis, die hier nicht gilt. Sie müssten nicht in den Theorieunterricht einer Fahrschule, sondern könnten die Prüfung direkt probieren, erklärt Klima. Da überschätzen sich offenbar viele. Doch auch die Erstbewerber tun sich schwerer. Wobei hier die 16-bis 17-Jährigen, die den begleiteten Führerschein B17 machen, erfolgreicher sind (Durchfallquote liegt bei 38 Prozent) als Über-18-Jährige (49 Prozent), bei denen die Schulzeit schon etwas her ist. Wer die Quote ebenfalls hoch treibt, sind die Wiederholer. „Wer einmal durchfällt, fällt oft wieder durch“, so Klima. Das galt 2023 laut Tüv-Verband für 55 Prozent der Wiederholer aus Baden-Württemberg.

Zurück in Charly’s Fahrschule. Rein statistisch gesehen, dürften also nur fünf bis sechs von den zehn Fahranwärtern, die an diesem Abend Unterricht haben, später ihre Theorieprüfung bestehen. Aber das ist die Statistik. Die Lernatmosphäre ist gut. Jennifer Spazier zeigt zur Einstimmung auf die Themen Geschwindigkeit und Abstandsregeln eine gerade, leere Straße auf dem Bildschirm, die durch eine flache, baumlose Landschaft führt. Eine Szenerie, die dazu führen kann, dass man zu schnell fährt. „Hat sich einer von euch schon als Beifahrer unwohl gefühlt“, will Jennifer Spazier von der Runde wissen.

„Steig aus und lauf“, sagt der Vater zum Sohn

Felix berichtet von seinem Vater, der „bisschen verrückt“ fahre. Aber das letzte Mal, als er ihn gebeten habe, langsamer zu fahren, habe der nur gesagt: „Steig aus und lauf.“ Barbaras Ex-Freund hat sogar schon ein Auto zu schrott gefahren. Einmal habe sie sich von ihrem Bruder abholen lassen, weil der Freund in den Kurven viel zu rasant gefahren sei. Später wird die Fahrlehrerin von einem ehemaligen Fahrschüler erzählen, der die Probezeit abgewartet hat und erst dann den Führerschein genutzt habe. Weil er unbedingt schnell unterwegs sein wollte – für die Polizei zu schnell. „Er musste schon nach einem Monat wieder laufen“, sagt Jennifer Spazier.

Das Straßenverkehrsrecht ist umfangreich. Foto: Lichtgut/Julian Rettig/Julian Rettig

Wie schnell darf man auf der Landstraße fahren? Warum sollte man bei einer Allee die Geschwindigkeit drosseln? Wie viele Meter legt man pro Sekunde zurück, wenn man 100 Kilometer pro Stunde fährt? Wie viele bei Tempo 50 oder 30? Das sind nur vier Fragen von vielen, denen sich die Fahrschüler an diesem Abend widmen. Sie lernen die Formel für den Reaktionsweg (Geschwindigkeit geteilt durch 10 Mal 3) und den Bremsweg (Geschwindigkeit geteilt durch 10 Mal Geschwindigkeit durch 10),um den Anhalteweg zu bestimmen. Jennifer Spazier macht sie darauf aufmerksam, dass sie in der Prüfung mit einer Frage wie dieser rechnen müssten: „Inwiefern erhöht sich der Bremsweg, wenn man die Geschwindigkeit verdoppelt? Er erhöht sich um das Vierfache.“

Die Prüfungsangst hat zugenommen

Nach eineinhalb Stunden ist Pause. Ob sie Angst haben vor der theoretischen Prüfung? Da nicken so einige im Raum. Es seien zu viele Fragen zum Lernen, findet eine Fahrschülerin. Eine andere findet die Videosequenzen positiv, auch die App helfe. Rafail, er ist 21 Jahre alt, sorgt sich weniger um die Theorie als um die praktische Prüfung in Stuttgart mit den vielen Fahrspuren und Verkehrsteilnehmern. In der Theorieprüfung könne er sich die Videos mehrmals anschauen, aber wenn er tatsächlich hinterm Steuer sitze, müsse er direkt reagieren. „Man hat keine Zeit zum Nachdenken“, das stresst ihn. Kathrin – die 42-Jährige ist die älteste in der Runde – geht optimistisch in beide Prüfungen. Sie fährt schon lange Auto, sattelt den Motorradführerschein drauf. Das werde sie schon hinbekommen. Felix macht die praktische Prüfung zwar ebenfalls keine Sorgen. „Fahren kann ich“, sagt der 19-Jährige. Aber vor der theoretischen Prüfung hat er „Angst“. Was, wenn er auch zum dritten Mal durchrasselt? „Was wird mein Vater dann sagen“, sorgt er sich. „Wenn ihr gelernt habt, müsst ihr keine Angst haben“, beruhigt Jennifer Spazier. Die Prüfungsangst, stellt sie fest, habe in den vergangenen Jahren aber zugenommen: „Die ist enorm gestiegen.“

Zahl der Prüfungen auf Höchststand

Zahlen
Laut dem Tüv-Verband wurden im Jahr 2023 bundesweit fast zwei Millionen Theorieprüfungen abgenommen, davon 287 801 in Baden-Württemberg. Besonders häufig fielen demnach Prüflinge in der Führerscheinklasse B durch. Die Prüfung besteht aus 30 Fragen: 20 zum Grundstoff und zehn zur Führerscheinklasse B. Zehn Fehlerpunkte darf man sich erlauben, wobei nicht zwei Fragen mit jeweils fünf Fehlerpunkten zusammenkommen dürfen. Die theoretische Prüfung darf laut ADAC nicht früher als drei Monate vor Erreichen des gesetzlichen Mindestalters absolviert werden. Wer den Führerschein B17 macht, muss also spätestens in einem Vierteljahr seinen 17. Geburtstag haben. Wer mal eine Beispielprüfung probieren will: Hier gibt es einen Link zu Testfragen.