Um das Vereinssportzentrum bauen zu können, hat der SV Leonberg/Eltingen viel Geld in die Hand nehmen müssen. Foto: Simon Granville/Simon Granville

Die Delegiertenversammlung des SV Leonberg/Eltingen fasst Beschlüsse, um den finanziell angeschlagenen Verein aus der Schuldenfalle zu manövrieren. Mitglieder kritisieren auch mangelnde Unterstützung der Stadt.

Nach 178 Minuten legte Michael Hager das Mikrofon aus der Hand. Zum letzten Mal an diesem Donnerstagabend. Um 22.06 Uhr war eine nicht einfache, eine diskussionsreiche und mitunter kontroverse Delegiertenversammlung des SV Leonberg/Eltingen zu Ende gegangen.

 

Und der Vorsitzende des mit 4844 Mitgliedern größten Vereins der Stadt blickte drein wie ein Kapitän, der seinen Supertanker durch tosende Gewässer manövriert hatte und der trotz massiven Gegenwindes und gefährlicher Untiefen das Schiff auf Kurs in Richtung ruhigerer See gesteuert hatte. „Ich bin mit den Ergebnissen zufrieden“, sagte Hager, „es waren sehr schwierige Themen und ich bin froh, dass alles beschlossen wurde.“

Mitgliedsbeiträge steigen deutlich

Es war klar, dass die Versammlung kein Ringelpiez mit Anfassen werden würde, sondern ein Schlagabtausch mit deftigen verbalen Hieben – zwei Tagesordnungspunkte waren explosive Bomben, die der Vorstand zu entschärfen hatte. Erstens: Der Beschluss zur Umschuldung eines Kredites von 368 000 Euro plus die Ermächtigung des Vorstandes, weitere Kredite bis maximal 250 000 Euro aufnehmen zu dürfen. Zweitens: eine Beitragserhöhung je nach Mitgliedsstufe zwischen 20 und 50 Prozent. Erwachsene sollten statt 110 dann 135 Euro jährlich berappen, Familien mit drei aktiven Mitgliedern statt 170 dann 260 Euro zahlen.

Der Club steht mit dem Rücken zur Wand, aber er muss handlungsfähig bleiben – die Vorstandsriege sah keinen anderen Ausweg, als die Mitglieder zur Kasse und die Banken um Kredite zu bitten, um enteilende Kosten sowie finanzielle Folgen des Neubaus der Sportwelt einfangen zu können. „Wir würden gerne das Flutlicht auf LED umrüsten oder einen Kunstrasenplatz bauen“, sagte Finanzvorstand Michaela Feller, „wenn wir das tun, kommen wir in Teufels Küche. Wir haben kein Geld.“

Die Umschuldung sowie die Möglichkeit einer Kreditaufnahme seien nötig, weil nur so der Wirtschaftsplan 2023 zu decken sei, der mit rund 111 000 Euro in tiefroter Farbe geschrieben ist – obwohl Rücklagen von rund 116 000 Euro aufgelöst und aktiviert wurden. Vier Millionen Euro Schulden drücken den Club ohnehin schon ziemlich heftig.

OB Cohn verteidigt Verhalten der Stadt

Zum Teil ist der Verein schuldlos in die Kostenfalle geraten. Etwa bei den horrenden Energiekosten, die 50 000 Euro höher waren als geplant, etwa bei der Inflation, die Instandhaltungen verteuerte, und bei den Auswirkungen der Pandemie, die den Start des Fitnessstudios Sportwelt ausgebremst hatte. Andererseits ist die Malaise hausgemacht, gerade in Bezug auf das Vereinszentrum, dessen Bau nicht wenige Mitglieder abgelehnt hatten wegen des finanziellen Risikos. Und bei dem es überdies in der Finanzierung zwischen SV und Stadt böse geknirscht hatte – was in einem Mindererlös beim Verkauf einer Vereinsliegenschaft sowie einer nicht zustande gekommenen Bürgschaft durch die Kommune gipfelte. Womit sich jene 368 000 Euro erklären, die der Verein nun umschulden muss.

Oberbürgermeister Martin Georg Cohn, als Gast anwesend, verteidigte in der Aussprache das Handeln der Verwaltung. „Dass die Bürgschaft vom Regierungspräsidium abgelehnt wird, war nicht erkennbar“, sagte der OB. „Die Stadt hat alles geleistet, was sie hat leisten können. Das operative Geschäft ist Aufgabe des Vereins.“

Viele Gegenstimmen zur Beitragserhöhung

Letztlich folgten die Mitglieder überwiegend dem Vorstand: Die Umschuldung erhielt bei 84 Delegierten 78 Ja-Voten bei einer Gegenstimme, die Kredit-Ermächtigung war mit 48 Ja-Stimmen bei 24 Nein-Stimmen umstrittener. Und auch der satten Beitragserhöhung erteilte das Gremium nach langer und kontroverser Diskussion schließlich das Plazet – wobei Geschäftsführer Tobias Müller mehrfach betonen musste, dass das Mehr an Geld nicht dazu verwendet würde, um die Finanzlöcher der Sportwelt zu stopfen: „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.“ Ein Delegierter polterte dennoch: „Wir wollen kein Verein werden, den sich nur Besserverdienende leisten können.“ 40 Ja- und 30 Nein-Stimmen belegten die Zerrissenheit der SV-Familie bei der Suche nach dem Weg aus der Schuldenfalle.

Bei der Wiederwahl des Vorstandes hatten die Delegierten zuvor ein Zeichen gesetzt, dass sie nicht uneingeschränkt hinter Hagers Team stehen. Der Clubchef war bei 21 Enthaltungen zwar ohne Gegenstimme im Amt bestätigt worden, doch Stellvertreter Matthias Groß hatte es nur auf 56 Ja-Stimmen gebracht – bei 19 Enthaltungen und zehn Gegenstimmen. Offenbar rechneten einige Mitglieder dem Vorstandsmitglied Liegenschaften negativ an, dass es den Bau der Sportwelt vorangetrieben hatte.

Auch an OB Cohn wurde Kritik laut: Zahlreiche SVler kritisierten die zurückhaltende Rolle der Stadt. „Man kann nicht von der Bedeutung des Sports für die Gesellschaft reden“, sagte ein Mitglied, „und wenn es schwierig wird, die Hände in den Schoß legen.“ Eines steht fest: Weder OB Cohn noch Clubchef Hager haben eine Aufgabe, für die sie Vergnügungssteuer entrichten müssten.