Ob alles gut geht? Das fragt sich wohl jeder, der in eine Achterbahn steigt. Immerhin: Unfälle sind selten. Und wenn die Bahn doch stecken bleibt, helfen die Höhenretter der Stuttgarter Berufsfeuerwehr. In Tripsdrill haben sie jetzt geübt.
Der Polizeihubschrauber steht 30 Meter hoch über der Holzachterbahn Mammut. Jetzt wird Edim Corak an der Winde heruntergelassen. Am höchsten Punkt der Bahn warten schon zwei seiner Kollegen von der Höhenrettung der Stuttgarter Berufsfeuerwehr. Sie haben einen Verletzten geborgen. Jetzt soll er mit dem Hubschrauber abtransportiert werden. Corak schnallt ihn an und nimmt ihn zwischen die Beine. Dann gibt er mit dem linken Arm ein Signal nach oben. Die Winde zieht an. Nach einer kurzen Kontrolle der Hubschrauber dreht mit seiner baumelnden Fracht endgültig ab. Die Person ist gerettet.
Wer in einen Freizeitpark geht, sucht den Nervenkitzel. Doch Berichte über Unfälle, die solche Rettungseinsätze erforderlich machen, sind nicht die Marketingbotschaft, die man sich als Betreiber wünscht. Das weiß natürlich auch Helmut Fischer. Er ist einer der beiden Seniorchefs von Tripsdrill, dem ältesten Freizeitpark Deutschlands. „Ich sage immer, die An- und Heimfahrt ist bei jedem Besuch eigentlich das Gefährlichste.“ In der Saison würden täglich alle Fahrgeschäfte genau kontrolliert, sagt Fischer. Und doch sollte man auf alles vorbereitet sein. Genau das wird an diesem Tag geübt, knapp drei Wochen vor der Eröffnung der neuen Saison.
Der Bergesack dreht sich wie ein Karussell
Auch Corak war schon in Tripsdrill, „aber nur als Besucher“. Deshalb sei es gut, den Ort einmal auch bei einer Übung gesehen zu haben, meint er. Grundsätzlich kommen die Höhenretter „überall zum Einsatz, wo herkömmliche technische Mittel der Feuerwehr nicht mehr ausreichen und spezielle Seiltechnik und Abseilverfahren angewendet werden müssen“ – also Orte, die außerhalb der Reichweite einer 30-Meter-Drehleiter liegen. Das können Baukräne oder Windkraftanlagen sein, aber auch Hochspannungsleitungen oder tiefe Schächte. Oder eben Achterbahnen, wie die „G’sengte Sau“: Die steht direkt neben der Mammutbahn und ist ebenfalls Übungsobjekt.
Dort haben sich, so die Rettungssimulation, in einer der engen Kurven zwei Wagen verhakt. Die Fahrgäste werden aus 15 Metern Höhe abgeseilt. Auch die Rettung im Bergesack wird geübt. „Das kann man auch nicht in der Halle simulieren“, sagt Jochen Dikel, der Chef der Höhenretter. Wenn der Helikopter die Fracht nach oben zieht, beginnt der Bergesack sich immer schneller zu drehen – schneller als jedes Karussell im Park. Der Retter muss dann mit einem kleinen Segel versuchen, die Drehung abzumildern. Erst wenn der Hubschrauber wieder nach vorne losfliegen kann, bringt auch der Fahrtwinde die Rotation zu einem Ende.
Heilbronn hat keine Höhenrettung
Jeder der Feuerwehrleute ist mal Retter, mal Geretteter. Eigentlich liegt Tripsdrill im Einzugsbereich der Heilbronner Berufsfeuerwehr. Doch dort gibt es gegenwärtig kein einsatzbereites Höhenrettungsteam mehr. Der springende Punkt sind die erforderlichen 72 Trainingsstunden, die jährlich von jedem Mitglied nachgewiesen werden müssen. Bei den vielen Einsätzen, die auch sonst zu leisten sind, ist das ein Kraftakt.
Die Höhenrettung selbst musste im vergangenen Jahr in Stuttgart 45-Mal ausrücken. Einsätze in Freizeitparks waren allerdings nicht dabei. Doch sie kommen hin und wieder vor. So blieb im Jahr 2019 im Freizeitland Geiselwind bei Würzburg die Gondel eines Aussichtsturms in 60 Metern stecken. Mehr als ein Dutzend Fahrgäste musste schließlich mit dem Helikopter geborgen werden. Bei einem Unfall auf einer Achterbahn im Legoland bei Günzburg im Jahr 2022 befanden sich die Verletzten lediglich in fünf Metern Höhe, doch auch hier musste die Höhenrettung eingreifen, diesmal freilich ohne Helikopter.
Erst Volldampf, dann Notbremse
In der Branche würden solche Vorfälle genauestens registriert und besprochen. „Gerade erst haben wir uns in Berlin bei einer Verbandsversammlung der Freizeitparks dazu ausgetauscht“, sagt Fischer. Bisher ging es in Tripsdrill immer glimpflich aus. Zuletzt war im Juni 2022 die Achterbahn Volldampf stecken geblieben. Ein Fahrgast hatte sich zu stark gegen eine Tür gestemmt, so dass eine Notbremsung eingeleitet wurde. Die Fahrgäste konnten vom Personal über eine Treppe aus der Achterbahn geleitet werden.
Spezialisierte Retter
Standort
Die Höhenrettungsgruppe der Stuttgarter Berufsfeuerwehr, kurz HörG-BF Stgt, wurde 1998 in Dienst gestellt und feierte 2023 ihr 25-jähriges Bestehen. Sie ist in der Feuerwache 5 in Degerloch stationiert, zieht aber bald nach Möhringen um.
Ausbildung
Die Gruppe besteht aus 40 hauptberuflichen Feuerwehrbeamten, die über drei Schichten verteilt arbeiten und dadurch rund um die Uhr einsatzbereit sind. Jeder Höhenretter hat eine fundierte medizinische Ausbildung als Rettungssanitäter, Rettungsassistent oder Notfallsanitäter und ist auch im Rettungsdienst tätig. Braucht die Gruppe einen Hubschrauber, greift sie auf einen der sechs Helikopter der baden-württembergischen Polizei zurück.