Der Hochseilgarten des TSV Schmiden ruht eineinhalb Jahrzehnte nach seiner Eröffnung im Dornröschenschlaf. Das könnte auch so bleiben, zumal erste Pläne für eine Wiederbelebung gescheitert sind.
Schmiden - Wer sich dieser Tage auf dem Gelände des Hochseilgartens neben dem Schmidener Stadion umschaut, der wähnt sich fast schon in einem Naturidyll. Die Blüten im hüfthohen Gras bieten Schmetterlingen und anderen Insekten Nahrung. Seit dem allzu frühen Tod von Rainer Rückle am 6. September 2019 herrscht hier – von einem lange vorgebuchten Kindergeburtstag abgesehen – sportlicher Stillstand. Bis dahin hatte der Leiter des Hochseilgartens für den TSV Schmiden in luftiger Höhe Firmenevents, Familienfeiern und andere Veranstaltungen mit der ihm eigenen Kreativität organisiert.
In der Folge mühte sich Rolf Budelmann, der Anfang dieses Jahres ausgeschiedene und in der schleswig-holsteinischen Gemeinde Handewitt seinen Ruhestand genießende ehemalige TSV-Geschäftsführer, redlich um einen neuen Betreiber. Im Frühjahr 2021 hätte die Wiedereröffnung nach seiner Meinung gerne stattfinden können, rechtzeitig vor dem Beginn der Klettersaison.
Marc Sanwald hat seine Pläne enttäuscht verworfen
Daraus ist indes nichts geworden. Um den Hangelgarten entwickelt sich ganz offensichtlich eine Hängepartie. Interessenten für einen erweiterten Betrieb sind abgesprungen. Einer von ihnen war Uwe Scholz, der Inhaber einer Fellbacher Eventagentur, der zusammen mit Marc Sanwald den Stangenwald aus dem Dornröschenschlaf wecken wollte. Letzterer hätte als Leiter der Radsportabteilung des TSV Schmiden, Chef des Activity-Racing-Teams und ausgebildeter Küchenmeister radsportliche und gastronomische Kompetenz in das Gemeinschaftsunternehmen eingebracht. Zwischen den 16 Douglasienstämmen auf dem 4000 Quadratmeter großen Gelände plante Marc Sanwald einen Bikepark. Pedelecfahrer hätten Kurse absolvieren und Mountainbiker rasant durch die Kurven flitzen können. In einem neu zu errichtenden Gastronomiegebäude hätten sie an der Seite von Kletterbegeisterten ihre Energiereserven wieder auffüllen können. Daraus wird nun nichts. Die weiß-roten Bänder, mit denen Marc Sanwald eine mögliche Strecke bereits markiert hatte, sind längst wieder entfernt. Bei der Stadt Fellbach ist derzeit kein aktueller Antrag für das genehmigungspflichtige Bauvorhaben bekannt.
Der Hochseilgarten ist arg sanierungsbedürftig
Dass Marc Sanwald seine Pläne beerdigt hat, liegt an einem ganzen Bündel von Gründen. So ist inzwischen im Oeffinger Langen Tal eine Bikerbahn entstanden. „Es ist ein Pumptrack mit Asphaltbahn, wie man sich das vorstellt“, lobt der Fachmann die im Auftrag der Stadt Fellbach von der nur einen Steinwurf entfernt ansässigen Firma Schiller Gartenbau errichtete Anlage. Für Kinder biete sich hier eine perfekte Möglichkeit, technische Bewegungsabläufe auf dem Zweirad zu erlernen. Dass diese Anlage entstand, ohne dass der parallel an eigenen Plänen arbeitende Marc Sanwald von der TSV-Führung informiert wurde, enttäuscht den umfangreich ehrenamtlich Engagierten: „Ich bin aus allen Wolken gefallen.“ Insbesondere der Informationsfluss zwischen ihm und dem derzeit in einer dreimonatigen beruflichen Auszeit befindlichen TSV-Geschäftsführer Felix Hug scheint nicht optimal zu funktionieren. Hinzu kommt, dass Marc Sanwald nach überstandener Coronainfektion mittlerweile an einer weiteren, nicht minder gefährlichen Krankheit leidet und deshalb seine Zeit lieber auf eines seiner Lieblingsprojekte verwendet: ein Bergrennen am Kappelberg.
Nicht optimal scheint auch der Zustand des Schmidener Hochseilgartens zu sein. Vor rund einem Jahr hatte Rolf Budelmann mit Verweis auf regelmäßige sicherheitstechnische Prüfungen noch gesagt: „In relativ schneller Zeit wäre er wieder betriebsbereit.“ Davon ist inzwischen mit deutlich weniger Optimismus die Rede. Ein in der Obhut von Felix Hug befindlicher Untersuchungsbericht scheint von einem Investitionsbedarf auszugehen, der zwar nur einige tausend Euro beträgt, aber lediglich die Betriebssicherheit erhalten würde. Eine Besichtigung bestätigt den sanierungsbedürftigen Eindruck. An einzelnen Pfählen haben sich holzzersetzende Insekten eingenistet, und in den oberen Etagen scheint ein Specht am Werk gewesen zu sein. Er oder ein ähnlich hartnäckiger Artgenosse hat bereits vor etlichen Jahren in einen der Stämme ein Loch gehackt. Deshalb ist dieser Pfahl um etwa ein Drittel kürzer als die anderen 15 Stämme.
Auch ein Specht arbeitet mit am schlechten Gesamtzustand
Hinzu kommt noch ein ganz anderes Problem: Die aktuelle Konzeption des Hochseilgartens ist aus der Mode gekommen. Seit der Eröffnung des einstigen komplett von Sponsoren finanzierten und rund 100 000 Euro teuren Vorzeigeprojekts am 1. Mai 2006 hat sich die Konkurrenzsituation verändert. Landauf, landab sind neue, zusätzliche Klettermöglichkeiten entstanden. Entsprechend sank zuletzt auch der finanzielle Zufluss in den TSV-Haushalt von einem mittleren auf einen niedrigen fünfstelligen Betrag. Ob Fellbachs größter Verein vor diesem Hintergrund noch massiv investieren will, bleibt abzuwarten, denn die Kosten für eine komplette Neuausrichtung könnten eine sechsstellige Summe erreichen.
Ob und, wenn ja, wann wieder einmal Kletteraktionen im TSV-Hochseilgarten stattfinden werden, ist deswegen fraglich. „Wir haben die Entscheidung auf nächstes Jahr vertagt“, sagt Andreas Perazzo, der mit Vanessa Gerstenberger und Felix Hug die Geschäftsführung des TSV bildet.