Mobilität ist sein dritter Vorname: Karl-Ludwig Haken hat den Rennstall der Hochschule Esslingen aufgebaut und geleitet. Foto: Roberto Bulgrin

So ganz nimmt er den Fuß nicht vom Gas: Professor Karl-Ludwig Haken, der „Vater“ des Rennstalls der Hochschule Esslingen, drosselt im Ruhestand zwar das Tempo. Doch völlig gibt er das Steuer nicht ab.

Privat mag er es retro. In seiner Freizeit setzt sich Karl-Ludwig Haken am liebsten hinter das Steuer eines Oldtimers, an dem er auch selbst herumschraubt. Beruflich aber war er lange Zeit mit blitzschnellen Rennwagen auf der Überholspur. Der Maschinenbauingenieur hat den Rennstall der Hochschule Esslingen aufgebaut, geleitet und an die Weltspitze gebracht. Nun ist der Professor zwar im Ruhestand – doch mit einem Lehrauftrag und verschiedenen Projekten möchte er noch ein paar seiner Finger am Lenker belassen.

 

Sein Ruhestand begann rasant. Zu seiner Verabschiedung in der Werfthalle Göppingen, so berichtet Karl-Ludwig Haken, wurden sieben Stallardos, die Rennwagen aus der Werkstatt der Hochschule Esslingen, aufgefahren. Jedes Jahr wird ein neuer flotter Flitzer von den Studierenden konstruiert und angefertigt – und einige der Boliden wurden zu seinem Abschied mobilisiert. Mit dreien der Straßen-Grufties durfte der Professor ein paar Runden auf dem großen Parkplatz der Werfthalle drehen. Für den Mann mit dem Schrauber-Gen wurde die Verabschiedungsfeier so zu einem ganz besonderen Fest. Denn nach einem langen PS-starken Einsatz legt der „Vater“ des Rennstalls nun einen teilweisen Boxenstopp ein. Seit März ist er im Ruhestand. Aber bis ein Nachfolger für seine Lehrtätigkeit gefunden ist, wird er noch in begrenztem Umfang an der Hochschule unterrichten. Dem Rennstall bleibt er im Rahmen von Projekten verbunden. Seinen Posten als Leiter wird sein Kollege Markus Nenzel übernehmen.

Dynamik pur

Stillstand ist nicht sein Ding. Denn das Berufsleben von Karl-Ludwig Haken war Dynamik pur. Dass er aber durchstarten und Gas geben konnte, lag am Urlaub eines anderen. Der heutige Rektor und damalige Dozent an der Hochschule Esslingen, Christof Wolfmaier, hatte Ferien an der Ostsee gemacht, sich eine örtliche Tageszeitung gekauft und darin einen Artikel entdeckt, der ihn elektrisierte. Studierende aus Stralsund, stand da zu lesen, hatten an einem Autorennen der Formula Student in den USA teilgenommen. Ein internationaler Konstruktionswettbewerb, für den Studierende in Teamarbeit jedes Jahr einen einsitzigen Formelrennwagen herstellen und damit bei verschiedenen Veranstaltungen starten. Die Idee hatte was, fand Christof Wolfmaier. Er wollte die Formula Student nach Esslingen bringen. Karl-Ludwig Haken war der geeignete Mann für die Einführung – und er musste nicht lange überredet werden. 2005, erinnert sich der Professor, fiel die Entscheidung zur Teilnahme der Hochschule Esslingen an der Formula Student. Zwei Jahre später ging der Rennstall mit seinem ersten Stallardo auf dem Hockenheimring an den Start.

Gebremst wurde nun nicht mehr. Anfangs war ein Team von bis zu 20 Studierenden am Start, sagt Karl-Ludwig Haken. Doch aktuell sind 40 junge Erwachsene intensiv als harter Kern an dem Konstruktionsprozess beteiligt, und noch einmal so viele agieren im Hintergrund. Meist ab dem vierten Semester mischen Studierende der Fachrichtungen IT, Fahrzeugtechnik, Betriebswirtschaft oder Maschinenbau mit und tüfteln am Stallardo herum. Bisher wurde in Göppingen immer ein Elektro-Auto und in Esslingen ein Verbrenner gebaut – 2023 wird erstmals nur ein Elektroauto in Esslingen konstruiert. Die Studierenden, sagt Karl-Ludwig Haken, bringen für den Rennstall noch einmal soviel Zeit auf wie für das Studium: „Sie brennen für diese Aufgabe.“ Noch immer ist 90 Prozent des Rennstall-Teams männlich, doch die Frauen holen auf.

Durchstarten nach Fehlstart

Die Chemie in der Crew stimmt meistens. Nur 2018 war es schwierig, erinnert sich Karl-Ludwig Haken. Da kam ein ganz neues Team zusammen, die „alten Hasen“ hatten alle aufgehört: „Da ist vieles schiefgegangen.“ Der Fehlstart aber hat den Ehrgeiz geweckt. Die Crew verbiss sich engagiert in ihre Aufgabe. Nach vielen Nachtschichten und unzähligen Wochenendstunden war ein De-luxe-Stallardo entstanden, der 2021 Platz eins in der Weltrangliste der Formula Student belegte.

Karl-Ludwig Haken war immer dabei. Die Studierenden seien im Rennstall mehr als nur Mitfahrer, sagt er. Er habe ihnen viel Freiraum gelassen, doch mit seiner fachlichen Expertise und seinem Rat sei er ihnen stets zur Seite gestanden. Ein einzelnes Erlebnis aus langen Rennstalljahren möchte er nicht herausgreifen. Doch der Teamspirit unter den Studierenden habe ihn all die Jahre beeindruckt. Und gefallen habe ihm auch, welche Fortschritte die jungen Erwachsenen fachlich und persönlich durch die Mitarbeit im Rennstall gemacht hätten. Darum hat er fast kein Rennen der Formula Student ausgelassen. Sogar in seinem Urlaub waren Karl-Ludwig Haken und seine Ehefrau vor Ort, um Support zu geben und die Daumen zu drücken. Nur ein einziges Mal musste er passen – da war er in Corona-Quarantäne. Im Ruhestand macht Karl-Ludwig Haken erst einmal Ferien ganz ohne PS und reist ins schweizerische Zermatt. Und er setzt noch mehr auf Retro und seine Oldtimer.

Der Rennstall der Hochschule Esslingen

Person
Karl-Ludwig Haken wurde 1957 in Erlangen geboren, kam aber 1963 nach Sindelfingen und wuchs im Schwabenland auf. Nach seinem Maschinenbaustudium mit Schwerpunkt Fahrzeugtechnik in Stuttgart-Vaihingen arbeitete er auch als Assistent an der Universität Stuttgart, bis er im März 2000 an die Hochschule Esslingen wechselte.

Rennzirkus
Die Formula Student ist ein internationaler Konstruktionswettbewerb für Studierende, die ein eigenes Auto anfertigen. Die selbst konstruierten Rennwagen treten bei verschiedenen Wettbewerben etwa am Hockenheimring an. Bewertet werden auch der Business Plan, Beschleunigungsvermögen oder Energieeffizienz.

Auto
Die Stuttgarter Königliche Baugewerkschule, ein Vorläufer der Hochschule Esslingen, war in einem Teil des ehemaligen königlichen Marstalls untergebracht gewesen. Darum hatte sich die Bezeichnung „Stall“ für die Lehreinrichtung etabliert. Diesen Spitznamen übernahm der Rennstall als Bezeichnung für seine Autos – Stallardo.