In Griechenland gelingt es den Menschen kaum noch, die Flammen aufzuhalten. Foto: dpa/Lefteris Partsalis

Ob in Südeuropa, Nordafrika oder Amerika – weltweit ächzen Menschen und Natur unter extremen Temperaturen. Unsere Korrespondenten erleben es hautnah und berichten.

Italien – Wenn Roms Asphalt schmilzt

Wenn Roms Asphalt schmilzt

Mitte der Woche wurde in Rom der Rekordwert von 43 Grad gemessen – zwölf Grad über den durchschnittlichen Tageshöchsttemperaturen im Juli. Die Messstation befindet sich bei dem kleinen Stadtflugplatz Urbe. Der liegt in einem wenig bebauten, recht grünen Gebiet im Norden Roms, in einer Schleife des Tibers. In den engen, von der Sonne aufgeheizten Gassen des historischen Zentrums der Ewigen Stadt lag die effektive und vor allem die gefühlte Temperatur noch weit darüber: Wer sein Haus verließ, hatte das Gefühl, gegen eine Mauer zu laufen.

 

Die meisten Römerinnen und Römer ertragen die extreme Hitze gelassen. Der Barista in einer Bar im Zentrum ist sogar noch zum Scherzen aufgelegt: „Es ist Juli. Wann, wenn nicht jetzt, darf es ein wenig warm werden?“ Die Touristen, die in einer langen Schlange unter der sengenden Sonne vor den Eingängen zum Kolosseum stehen, wirken indes strapaziert. Sie werden von Straßenhändlern belagert, die Mineralwasser und Strohhüte „made in China“ anbieten. Die Wasserflaschen, die man normalerweise für zwei Euro bekommt, kosten nun fünf Euro. Der Preis der Hüte ist von fünf auf 15 Euro gestiegen.

Viele Straßen und Plätze Roms sind immer noch mit Kopfsteinen gepflastert. Die schwarzen Steine glühen zwar unter der Sonne, aber sie bleiben fest. Nicht so der Asphalt, vor allem, wenn er noch relativ frisch und dunkel ist: Wer drauf tritt, sinkt ein. Das Fernsehen zeigte Bilder von einem Fünfjährigen, der auf dem aufgeweichten Asphalt eines Bürgersteigs hingefallen ist: Er hat sich gerötete Brandmale an den Händen, Armen und Beinen zugezogen. Ältere Menschen wurden von den Behörden gebeten, ihre Häuser nicht zu verlassen – oder, wenn doch nötig, gekühlte Supermärkte aufzusuchen.

Die große Hitze kommt erst noch

Griechenland – Die große Hitze kommt erst noch

Schwarze Baumgerippe, ausgeglühte Autowracks, schwelende Ruinen: Die Gegend um die Ortschaft Dervenochoria im Nordwesten der griechischen Hauptstadt bietet ein Bild der Verwüstung. Ein Feuersturm fegte vorige Woche über die Region hinweg. Starke Winde fachten die Flammen immer wieder an. Die Feuerwehren schienen trotz des massiven Einsatzes von Hubschraubern und Löschflugzeugen machtlos. Erst nach drei Tagen gelang es, das Feuer unter Kontrolle zu bringen. Wo die Flammen gewütet haben, ist nichts als Zerstörung. Viele Menschen haben alles verloren. Ein Foto in den griechischen Medien löste im ganzen Land Betroffenheit aus. Es zeigt einen Mann bei der Ortschaft Mandra, der im Morgengrauen auf der Terrasse seines abgebrannten Hauses schläft. Nur eine Matratze und ein Bettlaken hatte er vor den Flammen retten können.

Zuletzt brachen in Griechenland über 500 Waldbrände aus. Löschflugzeuge aus Italien, Frankreich und Israel waren im Einsatz. Auch Rumänien, Polen und die Slowakei schickten Feuerwehren nach Griechenland, um bei der Bekämpfung der Brände zu helfen. Die Situation könnte sich in der kommenden Woche weiter verschärfen.

Für dieses Wochenende werden in der griechischen Hauptstadt und in Thessalien, traditionell eine der heißesten Gegenden des Landes, Werte von 43 Grad erwartet. Mitte kommender Woche könnten sogar neue Hitzerekorde aufgestellt werden. Für die Region Sparta auf der Halbinsel Peloponnes erwarten die Meteorologen 48 Grad. Damit wächst die Waldbrandgefahr.

Hitzewellen sind in Griechenland nicht ungewöhnlich. Aber ihre Zahl und ihre Dauer nimmt zu, wie Klimastatistiken zeigen. Nach einer Studie der Vereinten Nationen drohen infolge des Klimawandels 30 Prozent der Fläche Griechenlands zu „verwüsten“. Zu beobachten sei das bereits im Süden der Inseln Rhodos und Kreta und im Osten der Halbinsel Peloponnes, sagt der Geowissenschaftler Professor Efthymios Lekkas von der Universität Athen. Er macht sich besondere Sorge um die Zukunft der griechischen Hauptstadtregion Attika mit ihren viereinhalb Millionen Einwohnern. Brände haben hier die Waldbestände in den vergangenen Jahren immer weiter dezimiert. In Attika drohe deshalb „der Zusammenbruch des Ökosystems“, warnt der Wissenschaftler.

Ohne Ventilator schlaflose Nächte

Spanien – Ohne Ventilator schlaflose Nächte

Dass der Sommer in Madrid drei Monate Hölle sei, ist eine alte Weisheit. Dieses Jahr mussten die Einwohner der spanischen Hauptstadt wieder einen Höllenkreis tiefer steigen. Erst nachts um drei fällt die Temperatur auf unter 30 Grad. Wer da keinen Ventilator hat, schläft nicht.

Tagsüber laufen nur Touristen durch die Straßen. Die lassen sich bislang noch nicht schrecken. Aber die spanischen Tourismusplaner sehen für die kommenden Jahre Verschiebungen voraus: mehr Urlauber im Frühling und Herbst, weniger im Hochsommer, mehr Urlauber in den grünen Ecken Spaniens, weniger an den Stränden. Während der Fremdenverkehr trotz extremer Hitze noch nicht leidet, leidet die Landwirtschaft unter der Trockenheit. Die Lebensmittelpreise steigen nicht nur wegen des Krieges in der Ukraine, sondern auch wegen ausbleibenden Regens. Im Juni kam er dann doch noch, zu spät für die Getreidebauern, aber erholsam für die Natur und die Menschen. In der Sierra Morena im Norden der Provinz Córdoba liegt allerdings immer noch ein Stausee komplett trocken, hier bekommen 80 000 Menschen ihr Trinkwasser seit drei Monaten aus dem Tanklaster.

Diesen Sonntag wird in Spanien gewählt. Das hat es noch nicht gegeben: Hochsommerwahlen, Hitzewahlen. Für die Wahlhelfer wird es eine Qual werden. In den wenigsten Schulen, den üblichen Wahllokalen, gibt es Klimaanlagen, weil sie gewöhnlich keine brauchen: Im Sommer sind schließlich Ferien. So viele Wähler wie nie haben Briefwahl beantragt, weil sie für diese Tage seit Langem Urlaubspläne hatten, was die Post an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht hat. Die Briefträger schwitzen – in der höllischen Hitze Spaniens.

Abkühlung nur für Wohlhabende

Ägypten – Abkühlung nur für Wohlhabende

Die Straßen des normalerweise sehr belebten Kairoer Stadtviertels Zamalek sind um die Mittagszeit wie leer gefegt. Die Hitze steht zwischen den Häuserschluchten, ab und an bläst einem die heiße Abluft der ratternden Klimaanlagen ins Gesicht. Die Auslage einer Kioskbude ist mit Pappe bedeckt, damit Schokoriegel und Bonbons nicht in der prallen Sonne liegen. Drinnen sitzt der Verkäufer auf einem Plastikstuhl, den Kopf an die Wand gelehnt, die Augen geschlossen. Auf dem Handy zeigt die Wetter-App 39 Grad an.

Seit fast zwei Wochen liegen die Temperaturen in Ägyptens Hauptstadt um die 40 Grad. Lokale Medien und Einwohner berichten von einer „ungewöhnlich“ langen und heftigen Hitzewelle, im Fernsehen und Radio warnen Ärzte zur Vorsicht. „Der Sommer hier ist immer heiß, aber seit ein paar Jahren wird es schlimmer“, sagt Salma, 34, die für eine ägyptische NGO arbeitet. Rausgehen könne man nur noch abends.

Sich der Hitze entziehen zu können ist in Ägypten auch eine Frage des Wohlstands. Familien der Mittel- und Oberschicht sind häufig Mitglieder in Sportclubs, in denen es Schwimmbecken gibt, und fahren während der viermonatigen Schulferien an die Nordküste, wo zumindest ein laues Lüftchen weht. Wer es sich leisten kann, hat Klimaanlagen in der Wohnung, ein klimatisiertes Auto und einen Job, in dem die Büros heruntergekühlt werden. Zwei Drittel der Menschen in dem Land am Nil allerdings leben laut Weltbank unter oder an der Armutsgrenze, können sich kaum das Nötigste leisten – und arbeiten oft in einfachen Jobs im Freien, auch bei Hitze.

Im kleinen Lebensmittelgeschäft von Mohamed Elsayed ist gerade der Strom ausgefallen, alles ist dunkel, und die Luft steht, weil sich der Ventilator an der Decke nicht mehr dreht. „Die Stromleitung ist kaputtgegangen“, sagt er, „zu viele Klimaanlagen. In diesem Jahr ist es einfach zu heiß.“

Schutzsocken für Amerikas Hunde

USA – Schutzsocken für Amerikas Hunde

Mehr als 70 Millionen Amerikaner von Kalifornien am Pazifik bis Florida am Atlantik schwitzen unter einer brutalen Hitzekuppel. Seit am 10. Juni der Nationale Wetterdienst (NWS) erstmals vor extremen Temperaturen warnte, sind an mehr als 2300 Orten in den USA Hitzerekorde gebrochen worden.

In dem nach dem mythischen Sonnenvogel benannten Phoenix gleich zweimal. Dieser Tage überholte die Metropole im Bundesstaat Arizona mit knapp drei Wochen hintereinander über 43,3 Grad Celsius die längste Hitzestrecke seiner Geschichte. Mit knapp 48 Grad Celsius erreichte Phoenix auch eine der höchsten jemals gemessenen Temperaturen in der Stadt.

„Die Hitze verlangt einen hohen Preis“, sagt der Leiter der Notfallaufnahme des Valleywise Health Medical Center, Frank LoVecchio. Die Behörden registrierten zwölf Todesfälle, die eindeutig auf die Hitze zurückgehen, und 55 weitere, bei denen diese eine Rolle spielen könnte. Es ist so heiß auf den Straßen von Phoenix, dass die Einwohner aufpassen müssen, nicht zu fallen. Der glühende Asphalt kann in Sekunden zu Verbrennungen zweiten Grades führen. Ein Grund, warum besorgte Tierhalter, die es sich leisten können, ihren Hunden Schutzsocken über die Pfoten ziehen.

Extremtemperaturen über 40 Grad Celsius werden auch aus dem Death Valley in Kalifornien, El Paso in Texas, Grand Junction in Colorado und Las Vegas in Nevada gemeldet. „Diese Hitzewelle ist keine typische Wüstenhitze“, warnt dort das lokale Büro des Nationalen Wetterdienstes. Sowohl die Dauer als auch die extremen Temperaturen, die nachts kaum abkühlen, seien ungewöhnlich.

In Florida wiederum ist das Meereswasser teils fast so warm wie die Lufttemperatur. In Key Biscayne vor den Toren Miamis fühlen sich Touristen mit auf 32 Grad Celsius aufgewärmtem Wasser wie in der Badewanne. Forscher sorgen sich bereits um die Korallenriffe, die bei diesen Temperaturen bleichen, und warnen vor stärkeren Hurrikans.