Ein junger Handwerker stirbt an Multiorganversagen, in Pflegeheimen leiden die Bewohner, die Notaufnahmen laufen voll: Hitzetage sind deutlich tödlicher als viel beachtete Fluten und Stürme. Worauf müssen wir uns einstellen?
Hitze tötet – das hat spätestens der „Jahrhundertsommer“ 2003 gezeigt, als Europa schätzungsweise über 70 000 Hitzetote zu beklagen hatte. „Es ist ein regelrechtes Massensterben“, berichtete damals ein Sprecher der Polizeigewerkschaft aus Paris. Frankreich hatte es mit 20 000 Opfern besonders hart getroffen, aber auch in Deutschland starben rund 9000 Menschen infolge der extremen Hitze. Laut einer aktuellen Studie von Robert-Koch-Institut, Umweltbundesamt und Deutschem Wetterdienst ist es in Deutschland von 2018 bis 2020 jeweils zu Tausenden hitzebedingter Sterbefälle gekommen: 2018 etwa 8700, 2019 rund 6900 und 2020 etwa 3700. Zum Vergleich: Verkehrstote verzeichnet Deutschland rund 3000 pro Jahr.
Der Flüssigkeitsverlust an immer häufiger auftretenden Hitzetagen kann zu Kreislaufproblemen, Gefäßverschlüssen oder sogar zu Herz- oder Nierenversagen führen. Schafft es der Körper nicht mehr ausreichend zu schwitzen, droht eine tödliche Überhitzung.
40 Grad auf Chemotherapie-Stationen direkt unter dem Dach
Dennoch wird Hitze im Vergleich zu anderen gefährlichen Folgen des Klimawandels deutlich unterschätzt, weil die verursachten Schäden weniger sichtbar sind als bei Überflutungen oder Stürmen. So mangele es manchmal selbst Medizinern am Bewusstsein für die Gefahr, wie Claudia Traidl-Hoffmann, Chefärztin der Hochschulambulanz für Umweltmedizin am Universitätsklinikum Augsburg, sagt: „Ich kenne Berichte von Chemotherapie-Stationen, die direkt unter dem Dach 40 Grad im Sommer haben.“ Eine Assistenzärztin aus dem Norden Deutschlands habe die Kühlung der Räume gefordert, berichtet Traidl-Hoffmann, „doch ihr Chef meinte, in Afrika funktioniere die Chemo doch auch“.
Dazu kommt das Problem, dass auf dem Totenschein nicht „Hitze“ steht, Hitzetote also nicht explizit registriert werden. Doch zeigen selbst Schätzungen: Die Gefahr durch Hitze ist real. Dennoch scheint der Schutz der Bevölkerung in Deutschland eher eine untergeordnete Rolle zu spielen. „Deutschland ist nicht vorbereitet, wir laufen in einen Katastrophenfall rein“, warnt Traidl-Hoffmann. Schon die erste Hitzewelle dieses Jahres, etwa am Wochenende des 18. und 19. Juni während des Hochs Efim, ließ die Notaufnahmen volllaufen, berichtet die Ärztin.
„Die Hitzewelle 2003 hat Westeuropa wachgerüttelt“
Besonders ältere Menschen, Kinder oder Kranke seien gefährdet. Aber es kann auch diejenigen treffen, bei denen man nicht unbedingt eine Gesundheitsgefahr durch Hitze erwartet: „Bei uns wurde einmal ein junger, völlig gesunder Handwerker im Außenbereich mit 43 Grad Körpertemperatur eingeliefert. Am Ende ist er an Multiorganversagen gestorben“, berichtet Traidl-Hoffmann aus dem Klinikalltag.
Das Statistische Landesamt Baden-Württemberg schätzt, dass in den nächsten Jahren die Zahl der Hitze-Todesfälle zunehmen wird – schon allein aus demografischen Gründen und dem bei Hitze erhöhten Gesundheitsrisiko für die ältere Bevölkerung. Hinzu kommt, dass es die Menschen seit der Jahrtausendwende verstärkt in die Städte gezogen hat – wo sie überdurchschnittlich von Hitze betroffen seien. Der Schutz vor den heißen Temperaturen war in vielen europäischen Ländern lange überhaupt kein Thema, doch „die Hitzewelle 2003 hat Westeuropa wachgerüttelt“, sagt Prof. Andreas Matzarakis vom Deutschen Wetterdienst.
Bis heute verfügt Deutschland nicht über einen nationalen Hitzeschutzplan
Es ist aber nicht genug geschehen, kritisieren Experten. „Viele Pflegeheime sind völlig unvorbereitet“, klagt Traidl-Hoffmann. Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz macht auf die vernachlässigten Altenheime aufmerksam: „Hitze belastet ganz besonders alte Menschen“, sagt Vorstand Eugen Brysch. Er kritisiert, dass etwa die Büros von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck ab 26 Grad Raumtemperatur gekühlt werden dürfen, wohingegen Pflegeheimbewohner „sich nicht einfach per Knopfdruck kühle Linderung verschaffen“ können. „Was für den öffentlichen Dienst gilt, muss erst recht für Hilfsbedürftige gelten. Die Politik ist gefordert, das Hitze-Leiden der 810 000 Pflegeheimbewohner endlich zu beenden.“
Doch neben den baulichen Anpassungen gibt es hierzulande weitere Baustellen: Bis heute verfügt Deutschland nicht über einen nationalen Hitzeschutzplan, der alle Akteure, besonders jene aus dem Gesundheitswesen, miteinbezieht. Nicht nur Traidl-Hoffmann fordert deshalb: „Der Bund muss da vorangehen, wir müssen eine Anpassungsstrategie entwickeln.“ Immerhin gibt es in direkter Nachbarschaft ein positives Beispiel: Frankreich hat eine solche nationale Strategie als Konsequenz aus dem Hitzesommer 2003 entwickelt. Auch Italien, England und Nordmazedonien seien Vorbilder, bei denen sich Deutschland etwas abschauen könne, sagt Franziska Matthies-Wiesler vom Helmholtz-Institut München.
Nur vereinzelte deutsche Städte haben einen Hitzeschutzplan
„Aber wir hinken bei der Umsetzung von Hitzeschutzplänen deutlich hinterher“, kritisiert sie: „Es wäre wichtig, solche Pläne für Kommunen verpflichtend zu machen.“ Bislang haben nur einzelne Städte einen Hitzeschutzplan – etwa Köln. Dabei ist Prävention überlebenswichtig – gerade mit Blick in die Zukunft. Denn, warnt Traidl-Hoffmann: „Wir müssen uns vor Augen führen, dass ein Sommer wie 2003 in zehn, 20 Jahren zu den kühleren Sommern zählen wird.“
Ist das noch Wetter oder schon Klima?
Kessellage
Stuttgart, das mit seiner Kessellage besonders von Hitzeeinwirkung betroffen ist, verfügt nicht über einen Hitzeaktionsplan. „Teilinhalte des Kölner Plans haben wir, aber für alles fehlen uns die Ressourcen, weil wir das nicht so nebenher machen können“, sagt Stadtklimatologe Rainer Kapp und glaubt, „dass wir das Thema noch mal angehen werden“.
Warnsystem
Derzeit verfügt Stuttgart immerhin über ein Hitzewarnsystem, das über das des Deutschen Wetterdienstes hinausgeht. „Aber wir haben da keinen Durchgriff auf eine konkrete Aktion. Wir bekommen zum Beispiel keine Rückmeldung, was das Klinikum macht, wenn die Warnung raus ist“, so Kapp.
Datengrundlage
Dieser Text ist Teil des Datenprojekts „Klimazentrale Stuttgart“ von unserer Zeitung. Die Klimazentrale macht deutlich, wie stark globale Klimaveränderungen bereits heute im Land spürbar sind. Das tagesaktuelle Wetter wird mit Langzeitmessreihen ab 1961 verglichen. Die Klimazentrale basiert auf Daten von 14 amtlichen Wetterstationen für die Region Stuttgart und die Region zwischen Heilbronn, Schwäbischer Alb und Nordschwarzwald. Die Daten sind frei zugänglich. Zur Klimazentrale