Hitze wird vor allem in Städten zunehmend zum Gesundheitsproblem – nicht nur wie hier in Paris. Foto: dpa/Gao Jing

Kommende Woche steigen die Temperaturen wieder über 30 Grad. Dann wird es gefährlich für Ältere, körperlich Arbeitende oder Obdachlose. Die Kommunen und das Gesundheitswesen sind darauf bislang kaum eingestellt.

Beim Blick in die Medien ärgert sich Claudia Traidl-Hoffmann derzeit oft: Berichte zur Sommerhitze werden oft mit fröhlichen Menschen am Wasser bebildert. Temperaturen jenseits der 30 Grad Celsius gelten hierzulande vor allem als Badewetter. Das will die Umweltmedizinerin vom Münchner Helmholtz-Zentrum niemandem vermiesen. Hitze müsse aber auch als Gefahr für bestimmte Gruppen verstanden werden. „Lungenkranke sollten nächste Woche nicht zum Einkaufen gehen“, rät Traidl-Hoffmann. Für Dienstag sind in Baden-Württemberg derzeit bis zu 39 Grad vorhergesagt.

 

Dass es, bedingt durch die Klimakrise, mehr und längere Hitzeperioden gibt, gilt als ausgemacht. In der Stuttgarter Innenstadt werden ausweislich unseres Datenprojekts Klimazentrale im Schnitt 25 Tage mit mehr als 30 Grad Celsius im Schatten gemessen – Tendenz steigend. Allein dieses Jahr gab es schon 13 sogenannte heiße Tage. Zu den Folgen zählen nicht nur vielfach hitzebedingte Erkrankungen wie Hitzschlag oder Nierenversagen. Seit 2013 sind laut einer Schätzung des Statistischen Landesamts jedes Jahr mehr als 1000 Menschen hitzebedingt verstorben.

Frankreich zeigt, wie es geht

Weitaus weniger klar ist, wie Kommunen, das Gesundheitswesen und die Bürger reagieren können. Zwar mangelt es nicht an Infobroschüren – dafür aber an konkreten Hilfsangeboten oder Plänen für den Umbau der auf Hitzewellen nicht vorbereiteten Städte. Stadtverwaltungen können solche kurz- und mittelfristigen Maßnahmen in Hitzeaktionsplänen beschließen – so die Idee einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe vor einigen Jahren. Konkret können im Hitzefall etwa kühle Räume geöffnet werden oder Wasserstellen aufgebaut werden. Es geht aber auch um Kommunikation.

Frankreich macht vor, wie es geht: Seit dem für Tausende tödlichen „Jahrhundertsommer“ 2003 kontaktieren dort soziale Dienste auf Wunsch Ältere oder andere Risikogruppen während Hitzewellen täglich. Bei Bedarf bringen sie Ventilatoren und Getränke vorbei. Das kann Leben retten.

Hierzulande ist diese Form von Hitzeschutz, die laut einer Berechnung des Recherchenetzwerks Correctiv mindestens neun Millionen Menschen erreichen müsste, kaum vorstellbar. Kommunaler Hitzeschutz bleibt Stückwerk.

Kaum Hitzeaktionspläne bekannt

Nur eine Handvoll Hitzeaktionspläne sei bekannt, räumte das Sozialministerium jüngst in der Antwort auf eine CDU-Landtagsanfrage ein. Genannt wurden Mannheim, Karlsruhe und Freiburg samt dem Kreis Breisgau-Hochschwarzwald sowie der Zollernalbkreis.

In Stuttgart hat der Gemeinderat einen Hitzeaktionsplan bei den jüngsten Haushaltsberatungen abgelehnt. Die Forderung war von der Fraktion Puls gekommen. Neben Handlungsanweisungen für die Verwaltung „wäre der Plan auch ein politischer Beschluss“, sagt der Puls-Stadtrat Christoph Ozasek. Ein Vorbild könnte Barcelona sein, wo ein Großteil des öffentlichen Raums mit Bäumen verschattet werden soll.

Immer noch wird über einzelne Bäume gestritten

Nun ist das Wetter in einer Großstadt am Mittelmeer (noch) nicht mit Stuttgarter Verhältnissen zu vergleichen. Doch der Handlungsdruck steigt. Dafür, findet Ozasek, wird noch viel zu sehr über einzelne Bäume gestritten – weil ein Parkplatz wegfällt oder man wie am Marktplatz penibel auf Befindlichkeiten der Marktbeschicker achtet. Dabei gehe es darum, den Platz in länger werdenden Wärme- und Hitzeperioden überhaupt noch nutzen zu können.

Nicht nur Kommunen tun sich schwer. Ausgerechnet Krankenhäuser und Pflegeheime haben vielfach keinen ausreichenden Hitzeschutz – weil der in der Krankenhausfinanzierung standardmäßig nicht vorgesehen ist. Vergangenes Jahr ergab eine Studie des am Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) arbeitenden Arztes Clemens Becker, dass an heißen Tagen mit mehr als dreißig Grad ein Fünftel mehr Pflegeheimbewohner sterben als bei 20 Grad.

Pflegeheime haben Probleme

Im RBK selbst kommt die Lüftungsanlage bei Hitze an ihre Grenzen. „Wir müssen dann andere Maßnahmen ergreifen“, sagt der Geschäftsführer Mark Dominik Alscher: Jalousien herunterlassen, Fenster tagsüber schließen und nachts durchlüften, mehr Getränke anbieten, bei Älteren Trinkprotokolle führen, die begrünten Dächer bewässern. Zwecks nachträglich eingebauter Klimaanlage sei man mit dem Land „aktiv im Gespräch“, so Alscher.

An heißen Tagen mehren sich auch die Notfälle. Man sehe „eine deutliche Zunahme von Kreislauf- und neurologischen Beschwerden“, sagt Alexander Krohn, Oberarzt am Klinikum Stuttgart. Die Vidia-Kliniken Karlsruhe sehen bei Hitze „ein deutlich erhöhtes Patientenaufkommen in der Notaufnahme“. Eine Überlastung drohe aber nicht.

Obdachlose in Gefahr

Hitze kann für sehr unterschiedliche Gruppen zur Gefahr werden – für Kinder, die im Schulsport umkippen, ebenso wie für Menschen, die längere Zeit draußen arbeiten. Auch Obdachlose wissen vielfach nicht wohin. Noch ist es aber die absolute Ausnahme, dass wie seit Kurzem in Hamburg nicht nur im Winter ein Kältebus, sondern auch sommers ein Hitzebus fährt und Wohnungslose versorgt.

In jedem Fall gilt: wenn Beschwerden auftreten, ist das oft problematisch. „Es gibt auch bei Hitze Kipppunkte im Körper. Wenn sie überschritten werden, ist es zu spät“, sagt Claudia Traidl-Hoffmann. Spätestens dann endet an heißen Tagen die Freibadstimmung.