Durch den Klimawandel steigt in vielen Ländern die Zahl der Hitzetoten. In Japan stehen wegen hoher Temperaturen an fast jeder Straßenecke Getränkeautomaten. Die Branche verdient daran prächtig.
Tokios Sommer ist die Hölle. Spätestens nach fünf Minuten unter freiem Himmel sind die meisten Menschen schweißgebadet. Abhilfe schaffen allenfalls die an fast jeder Straßenecke aufgestellten Automaten, die gegen ein paar Yen-Münzen kalten Grüntee oder isotonische Getränke ausgeben.
Für die Menschen in Tokio und anderen Orten in Japan ist die Hitze unangenehmer und mitunter gefährlicher Alltag. Im Juli und August klettern die Temperaturen in der Hauptstadt oft auf 37 Grad, die Luftfeuchtigkeit erreicht nicht selten 90 Prozent. Durch Hitzschläge sterben in Japan jährlich um die 1200 Menschen. Ende Juli erregte der Fall einer 13-jährigen Schülerin Aufsehen, die mit dem Fahrrad fuhr, kollabierte – und starb. Da Japans Sommer in der Klimakrise immerzu heißer werden, denkt die Regierung aktuell über Maßnahmen nach, wie sie die Zahl der Hitzetode reduzieren kann.
„Bitte achten Sie auf Ihren Flüssigkeitshaushalt“
Dabei wäre die Situation längst viel prekärer, wenn es nicht diese Automaten gäbe, die im ostasiatischen Land praktisch omnipräsent sind. Denn wer zu wenig trinkt, erleidet eher einen Hitzeschlag. „Bitte achten Sie auf Ihren Flüssigkeitshaushalt!“, tönt es daher fast minütlich durch die Lautsprecheranlagen Tokioter Bahnhöfe. Entsprechend wird in die Verkaufsapparate – die von Wasser über salzhaltige Litschibrausen bis zu einem auf –5 Grad runtergekühlten Cidersorbet alles Mögliche anbieten – umso mehr Geld eingeworfen, je höher die Außentemperatur ist. „Im Moment ist unsere mit Abstand wichtigste Jahreszeit“, sagt Yoshiki Misue mit einem strahlenden Lächeln. Der Manager von Asahi, einem der führenden Getränkekonzerne Japans, sitzt in einem angenehm heruntergekühlten Besprechungszimmer eines Tokioter Wolkenkratzers. Und für das laufende Jahr ist Misue guter Dinge: „Nach der Pandemie kommen endlich wieder viele Touristen nach Japan, obwohl es so heiß ist!“ Das sei besonders gut fürs Geschäft. Denn die weniger Ortskundigen seien die Hitze weniger gewohnt und eilen daher häufiger zu einem Automaten.
„Das Geschäft begann in den 1970er Jahren zu boomen“
Yoshiki Misue, ein drahtiger Typ mit gelfrisiertem Haar, ist bei Asahi für das Automatengeschäft zuständig und gehört damit zu den wichtigsten Personen im Konzern. Was in anderen Ländern eher als randständige Tätigkeit eines Getränkeunternehmens gelten würde, ist in Japan eine entscheidende Einnahmequelle: Von den 1,8 Milliarden Getränkekisten à 24 bis 30 Flaschen, die 2021 japanweit vertrieben wurden, verkaufte sich branchenübergreifend fast ein Viertel über die Automaten. Bei Asahi, dem viertgrößten Player im Geschäft, macht diese Sparte ein Fünftel der Erlöse aus.
Ursprünglich war die landesweite Errichtung der Automaten keineswegs eine Reaktion auf den Klimawandel. „Das Geschäft begann in den 1970er Jahren zu boomen“, sagt Yoshiki Misue, „und damals ging es vor allem um Komfort. Die Anbieter wollen den Verbrauchern ihre Produkte möglichst überall anbieten können.“
Das Milliardengeschäft ist kaum auf Getränke beschränkt. Auch Pommes frites, Windeln, Spielfiguren aus beliebten Animeserien sind in den Automaten manchmal zu finden. Rund die Hälfte der landesweit gut vier Millionen Apparate sind aber auf Getränke ausgerichtet. Im Winter rüsten die Automatenanbieter dann um: Anstelle eiskalter Getränke kommen heißer Kaffee, Maissuppe oder in Dosen aufbewahrter Lachs ins Sortiment. Auch Erdbeerkuchen in der Dose oder Fischbrühe aus der Flasche sind zu haben.
Pandemie bremste das Geschäft
So könnte man denken, das Automatengeschäft habe eine goldene Zukunft vor sich. Doch trotz aller für die Branche positiven Trends zeigen sich auch Schwierigkeiten. Statistiken zeigen, dass die Zahl in Betrieb befindlicher Automaten zwischen 2006 und 2021 um fast ein Zehntel gefallen ist. „In den nuller Jahren führte die Regierung automatische Passkontrollen bei Zigarettenautomaten ein, um Minderjährige zu schützen“, erläutert Yoshiki Misue. Da Getränkeautomaten oft neben Zigarettenautomaten stehen, wirkte sich dies auch negativ auf die Umsätze von Drinks aus. Ab 2022 hemmte dann eine Erhöhung der Mehrwertsteuer von fünf auf acht Prozent das Geschäft. „Unsere Kunden zeigten sich als sehr preisempfindlich“, sagt Misue. Ein weiterer Schlag war die Pandemie, als viele Menschen von zu Hause arbeiteten und weder am Bahnhof, auf dem Arbeitsweg noch auf dem Gang des Bürogebäudes einen Automatendrink brauchten.
Jetzt soll das Geschäft aber wieder aufblühen. Eine große Chance für die Branche steckt – so zynisch es auch klingen mag – in der Erderwärmung. „Es ist ja bekannt, dass unsere Automaten auch für die allgemeine Gesundheit einen Beitrag leisten“, formuliert es Yoshiki Misue. Auch die Konsumentenbehörde für Touristen wirbt mittlerweile auf ihrer Website: „Erhalten Sie Ihren Flüssigkeitshaushalt durch die Verkaufsautomaten.“ Zugleich schrumpft jedoch Japans Bevölkerung seit Jahren. Auch deshalb orientieren sich einige führende Anbieter verstärkt ins Ausland. GRN, ein kleinerer Wettbewerber auf dem heimischen Markt, beschloss im vergangenen Jahr, ins Geschäft in Australien einzusteigen. Auch der Anbieter Dydo schaut sich bereits jenseits der Landesgrenzen um. „Bis vor Kurzem haben wir auf dem russischen Markt getestet“, berichtet Manager Hajime Masamoto. „Pandemie und Ukraine-Krieg haben dem ein Ende bereitet.“ Vorerst, wie er betont. Fortan wolle man sich verstärkt in der Türkei umsehen. Wobei Masamoto den europäischen Markt zwar als prädestiniert für sein Geschäft ansieht, ihn aber zugleich als nicht ganz einfach erachtet: „In Europa ist man es noch nicht gewohnt, in jeder Straße und in fast jedem Gebäude einen Automaten zu haben. Und man vertraut den darin angebotenen Produkten auch nicht so, wie man es in Japan tut.“ Auf dem Heimatmarkt stünden die Automaten von Dydo seit Jahrzehnten für Zuverlässigkeit und Qualität, erklärt Masamoto. „Aber diesen Ruf aufzubauen erfordert viel Zeit.“
Expansion in ausländische Märkte
Tatsächlich könnte es dauern, bis man einen Italiener überzeugt hat, dass ein passabler Caffè Latte auch in der Dose kommen kann, oder eine Deutsche, dass eine Kartoffelsuppe selbst dann noch bekömmlich ist, wenn sie auf ihre Käuferin einige Zeit in einem Automaten gewartet hat. Eine weitere Herausforderung, so Hajime Masamoto, sei das höhere Umweltbewusstsein europäischer Konsumenten. Denn der Plastikverbrauch der Automaten ist hoch.
Asahi erwägt ebenfalls eine Expansion in ausländische Märkte. Neben den heißer werdenden Sommern mangelt es in Europa schließlich – ähnlich wie in Japan – zusehends an Arbeitskräften, die man für den Betrieb eines Automaten aber kaum benötigt.
Was die Umweltprobleme der Maschinen angeht, bietet Asahi seit diesem Jahr eine erste kleine Lösung: „Wir haben neue Maschinen mit Umluftsystemen entwickelt, die jetzt 20 Prozent der durch den Stromverbrauch verursachten CO2-Emissionen direkt wieder absorbieren kann“, berichtet Yoshiki Misue. Bis 2030 solle der Anteil 100 Prozent erreichen.
Falls, was zugegebenermaßen schwer vorstellbar ist, die Verkaufsautomaten eines Tages wirklich CO2-neutral sein sollten, könnte ein an jeder Straßenecke verfügbarer Eiskaffee aus der Dose wohl auch in Deutschland schneller Freunde finden.