Hunde und Pferde sind Botschafter der Stadt. Foto: dpa/Franz-Peter Tschauner

Beim Rundgang durch die Leonberger Altstadt hört man von Pferden und Hunden, sieht Löwen, Hirsche – und das Lamm Gottes.

Es erfordert viel Fantasie, sich den Marktplatz vor 500 Jahren vorzustellen – mit umherstreifenden Hunden und viel Kleinvieh: Hühnern, Gänsen, Schweinen und mehr. Nur Misthaufen durften auf dem Platz nicht gelagert werden. „Wenn’s mit dem Dreck wieder einmal allzu schlimm wurde, hat man die Sau rausgelassen, denn Schweine fressen ja ziemlich alles“, beschreibt der Stadtführer Gerd Jenner das Leben im alten Leonberg bei seiner Gedankenreise in die Vergangenheit, zu der er die rund 20 Gäste seines animalisch-historischen Stadtrundgangs einlädt. „Wir wären umgeben von tierischem Leben“, sagt er.

 

Wer, wie Gerd Jenner, aufmerksam durch die Altstadt geht, erkennt an vielen Stellen Tiere als Zeugen der Vergangenheit. Zuerst den Löwen im Wappen am Marktbrunnen von 1566. In der Heraldik ist das Tier ein Zeichen der Macht. Schon viel früher war der Ort als „Levinberch“ bekannt.

Ein ordentliches Pferd kaufen

Nicht nur der Löwe als Wappentier, auch Pferde gehörten zur einstmals landwirtschaftlich geprägten Stadt, von der in der Altstadt noch Ackerbürgerhäuser zeugen. Unterhalb des Marktbrunnens befand sich die Pferdeschwemme, durch die die Tiere auf ihrem Weg zur Weide außerhalb der Stadtmauer geführt wurden. „Die Stadt war damals ein Biotop“, sagt Gerd Jenner, „sie war umgeben von Wald und lag mitten im Grünen.“ 1684 erhielt Leonberg die Erlaubnis, einen Pferdemarkt zu veranstalten, nachdem man dem Verwalter des Herzogs von Württemberg geklagt hatte, dass es nicht sein könne, dass man bis Pforzheim reisen müsse, um ein ordentliches Pferd zu kaufen.

Werden heute etwa 130 Pferde zum Verkauf angeboten, so sei es damals ein Vielfaches gewesen. „Es war ein großer Viehmarkt mit allem, was es an Nutztieren gab“, beschreibt der Stadtführer das Treiben auf dem Marktplatz. Dazu kam ein großer Jahrmarkt. Obendrein ließen sich immer wieder auch die Landesherren mit viel Gefolge blicken. Die herzogliche Amtsstadt war verpflichtet, im Haus Marktplatz 16 ein Zimmer für den Herzog freizuhalten.

Pferde als Lebensretter und „Verkehrsteilnehmer“

Pferde waren in späteren Jahren nicht nur lebensrettend, wenn sie mit den Feuerreitern in die Nachbardörfer eilten, um bei Bränden um Hilfe nachzusuchen, sie waren es auch, die ab 1843 den ersten regelmäßig verkehrenden „Omnibus“ von Leonberg nach Stuttgart zogen.

Zwar sei Leonberg eine ganz alte Stadt, was Hundezucht und -handel betrifft, so Jenner, doch erst im 19. Jahrhundert betrat der Leonberger Hund die Bühne. Angelehnt an das Leonberger Wappentier züchtete zunächst Heinrich Essig seit 1846 einen ähnlich aussehenden Hund, in dem er Neufundländer, Bernhardiner und den Pyrenäenberghund kreuzte. Das Ergebnis war der große Leonberger mit dem löwengelben Fell und der schwarzen Maske. Die Gäste der Führung können sich davon überzeugen: Melanie Kaisser, die mit ihrem Mann die Tiere in Leonberg züchtet, ist mit Hundedame Charly mit von der Partie. Doch Heinrich Essig, der selbst keine Hündinnen verkaufte, hatte Konkurrenz – in der Schmalzgasse 20 lebte der Bäckermeister Friedrich Keinath, der sich auch als Hundezüchter betätigte, ebenso wie Carl Burger, der in der Bahnhofstraße einen großen Hundezwinger hatte. „Der Leonberger war ein richtiger Hund zum Eindruck machen, der rasch seinen Siegeszug antrat“, sagt Gerd Jenner. Viele große Persönlichkeiten jener Zeit wollten ihn haben, von Otto von Bismarck bis Napoleon III.

Der Hund als Botschafter der Stadt

Sind Pferde und der Leonberger bis heute Botschafter der Stadt, so weist Gerd Jenner beim Rundgang auf weitere tierische Zeugen aus der Vergangenheit hin, etwa auf die Luken im Giebel von Gebäuden, in die Eulen einfliegen konnten, die bekanntlich bessere Mäusejäger waren als Katzen. Am Turm der Stadtkirche ist die Einflugschneise für die Turmfalken zu sehen, Fledermäuse soll es dort auch geben. In der Kirche selbst sind Tiere mit christlicher Symbolik wie etwa das Lamm Gottes oder die Taube für den Heiligen Geist zu finden. Dort war es auch, wo die Leonberger schon 1711 die Worte ihres pietistischen Pfarrers Adam Gottlieb Weigen in Sachen Tierschutz gehört haben. Auf der Wappentafel am Schloss prangen zwei Hirsche, die auf die Jagdtätigkeit der Landesherren hinweisen. „Die Menschen hier haben das gehasst“, meint Gerd Jenner. Durch die hemmungslose Jagd habe man sie spüren lassen, wer der Herr ist.

Zum Thema Jagd passt auch der Abschluss der Führung am Hirschbrunnen, wo den Gästen vom Team des Gasthauses Unteres Tor „gzupfte Wildsau“ im Brötchen serviert wird. Dort stand früher der Torturm der Stadtbefestigung. Daran schloss sich der Stadtgraben an, in dem kein Wasser floss, sondern Kühe weideten.

Gab es wohl jemals Löwen in Leonberg? Schließlich lebte hier auf dem Rappenhof von 1907 bis 1910 die weltbekannte Löwen-Dompteurin Claire Heliot nach ihrem Rückzug von der Bühne. Ob sie dorthin Löwen mitnahm, bleibt ein Rätsel, so Gerd Jenner. Bekannt ist aber, dass sie Pferde züchtete.