Klangpatina: Vintage-Saxofone begeistern Profis und Hobbymusiker. Foto: Martin Gerstner

Alte Saxofone – sogenannte Vintage-Instrumente – sind bei Musikern und Sammlern begehrt. Schlechte Behandlung allerdings verzeihen sie nicht. Ein Tüftler im Schwarzwald aber bringt auch deformierte Hörner wieder zum Klingen. Sein Job hält viele Überraschungen bereit.

Lahr - Eleganz, Coolness, Präzision – mit einem Saxofon ist man immer gut angezogen. Seine Geheimnisse aber behält es für sich. Was innerhalb des geschwungenen Körpers passiert, ist eigentlich nur Physik: ein Rohrblatt vibriert, eine Luftsäule schwingt, Ventile öffnen und schließen sich. Doch die Kunst spielt jenseits des Berechenbaren. Gute Saxofonisten schaffen einen Klang, den jeder kennt. Oder zu kennen glaubt. Er kann grell sein und rauchig, melancholisch oder vulgär, hart und aggressiv. Er kann sogar einer „schläfrigen Hummel gleichen“, wie irgendein Kritiker über den US-Saxofonisten Stan Getz gesagt hat. Das Saxofon ist eine Ikone. Sein Sound erzeugt Bilder wie Schattenrisse: von Zigarettenrauch vernebelte Silhouetten, die ihre Träume in Töne fassen, oder smarte Bandleader, die ihre Musiker aus dem Handgelenk heraus zu rasanten Synkopen antreiben.

 

Alles – nur kein Massenprodukt

Die Landesmusikräte von zehn Bundesländern haben das Saxofon zum Instrument des Jahre 2019 gewählt. Man will dem Instrument damit eine noch größere Beachtung zuteil werden lassen. Ob das nötig ist? Saxofone spielen in Big Bands, an den windigen Straßenecken der Metropolen, im Zwielicht der Jazzclubs, auf klassischen Orchesterbühnen, in Blaskapellen und privaten Wohnzimmern. Sie werden zu Zehntausenden hergestellt, maschinell – soweit es die komplizierte Mechanik zulässt. Sie sind ein Massenprodukt. Und was bei Massenprodukten angestrebt wird – eine möglichst serielle Fertigung, identische Qualität, Technik und Handhabung – wird bei einem Musikinstrument zum Problem.

„Vielen dieser modernen Saxofone fehlt etwas“, sagt Bruno Waltersbacher, Sammler und Restaurator von Saxofonen. Dieses Etwas könnte man als Seele bezeichnen. Die Suche nach dieser Seele, nach dem individuellen Klang hat Bruno Waltersbacher auf die Spur jener Instrumente geführt, die in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts vorwiegend in den USA gebaut wurden. Kenner bezeichnen sie als Vintage-Saxofone und begeistern sich für ihren individuellen, oft dunklen und warmen, dabei sehr tragfähigen Sound. Die großen Hersteller von damals, King, Buescher oder Conn, sind längst verschwunden. Ihre Instrumente aber findet man bei Waltersbacher, einem der wenigen Experten in Europa, der sie sammelt und repariert. Die Sehnsucht nach Individualität in einer digitalen Welt treibt Kunden aus Berlin und Stuttgart, aus Frankreich, den USA, Asien oder Neuseeland in seine Werkstatt. Sie sind Teil jener Vintagekultur, in der seit einigen Jahren Liebhaber viel Geld für alte Vinyl-Schallplatten, Fahrräder, Autos oder eben Musikinstrumente ausgeben.

Der erste Ton ist magisch

„Ich war von Anfang an auf der Suche nach alten Saxofonen“, sagt Waltersbacher, der ursprünglich Orgelbau gelernt hat, auch Geige spielt und alte Motorräder restauriert. Seine Werkstatt im badischen Lahr gleicht jener Wimmelszenerie, die man aus „Pettersson und Findus“-Büchern kennt. Doch anders als bei der zerstreuten Kinderbuchfigur hat bei Waltersbacher alles seinen Platz. Hunderte Instrumente stehen in den Regalen, andere musikalische Invaliden liegen in beschrifteten Kartons und warten auf ihre Genesung. Man sieht klassische Tenorhörner, schlanke Sopran- und riesige Bass-Saxofone, exotische Instrumente aus Silber oder Kunststoff und Prototypen aus vergangenen Zeiten, die nie in Serie gingen.

„Das Faszinierende an diesen Instrumenten ist ihre Individualität“, sagt Waltersbacher. „Wenn so ein Saxofon zum ersten Mal nach einer Restaurierung gespielt wird, hat das etwas Magisches.“ Ergründen kann man es nicht. Wer weiß: Vielleicht hängt es irgendwie mit den Händen jener Arbeiter zusammen, die mit Kraft und Behutsamkeit Bleche zurechtschnitten, sie zusammenlöteten und formten. Vielleicht auch mit dem Dampf der Drehbänke und Fräsen und der Geschicklichkeit jener Frauen, die damals die Lederpolster auf die Klappen klebten. Ein auf Youtube verfügbarer Stummfilm aus den 20er Jahren zeigt all diese Arbeitsschritte. „Heute werden die Rohlinge unter hohem Druck computergesteuert geformt,“ erläutert Waltersbacher. Hoch präzise – einerseits. „Aber die Molekularstruktur des Materials verändert sich durch diese Produktionsweise.“

Instrumente von der Baustelle

Natürlich könne man auch heute noch Saxofone in aufwendiger Handarbeit herstellen. Aber Saxofonisten seien schnell zufrieden, sagt Waltersbacher mit milder Missbilligung. „Die wenigsten würden mehr als 5000 Euro für ein Instrument ausgeben.“ Und viele können es wohl auch nicht, was der alte Witz belegt: „Kommt ein Musiker zum Arzt, der ihm sagt: Sie haben noch ein halbes Jahr zu leben. Der Musiker: Und wovon, bitte?“ Eine ständige technische Weiterentwicklung wie beim Autobau habe es deshalb nie gegeben. „Im Grunde nutzen wir alle noch einen Kadett B.“

Zur Faszination der Vintage-Instrumente trägt neben ihrer Individualität auch ihr oft staubiger Lebenslauf bei. „Teilweise wurden diese Instrumente 50 oder 60 Jahren nicht gespielt.“ Ein Bauunternehmer habe ihm einmal zwei Saxofone gebracht, die er auf einer Baustelle entdeckt hatte – verdreckt und verbogen. „Immerhin: Kein Laie hat versucht, sie zu reparieren und damit noch mehr Schaden angerichtet.“

Wenn Waltersbacher in die labyrinthischen Klappen und Verbindungen eines Saxofons blickt, sieht er zunächst mal keine Seele, aber jede Menge Verwundungen. Die sensible Mechanik muss neu justiert werden. Achsen, Klappen und Federn werden überprüft und ausgetauscht. Geringste Toleranzen, undichte Klappen verunreinigen den Ton, brechen seine Brillanz und dünnen ihn aus. Gewinde müssen in den Körper des Instruments geschnitten werden. Auf den Klappen werden neue Lederpolster mit Spezialklebstoff fixiert. Lötverbindungen werden aufgebrochen und neu fixiert. Ein verbeulter Schallbecher lässt sich über einem speziellen Konus glätten, der aussieht wie eine Schultüte. Am Ende der Runderneuerung steht die bange Frage: Wie ist der Klang?

Vom Motorroller gefallen

Meistens ist er gut und stabil – im Gegensatz zu all den Vorurteilen über die Unzuverlässigkeit historischer Instrumente. Waltersbacher: „Wenn die alten Hörner richtig restauriert sind, gibt es keine Probleme.“ Aber Experten sind rar, und Gefahren lauern überall. Einem Musiker hatten die Kollegen einen Weinkorken in sein Baritonsaxofon geworfen, der sich wie ein Nierenstein in den Körper des Instruments gearbeitet hatte und schmerzhafte Begleitgeräusche erzeugte. Eine Operation war nicht nötig: Mit einer flexiblen Bürste holte der Restaurator den Quälgeist heraus.

Eine Kundin verlor ihr frisch repariertes Saxofon, das sie auf dem Motorroller transportiert hatte, auf der Straße. Der folgende Lastwagen versetzte das Instrument in den Zustand der vorübergehenden Formlosigkeit. „Wir konnten es retten“, sagt der 58-Jährige und gesteht, dass ihn solche Momente glücklich machen. Erst recht, wenn das geheilte Instrument wieder klingt – auf der Bühne oder auf einer CD. Völlig ergründen wird er die Geheimnisse seiner Saxofone nie. Der Sound ist nicht planbar, aber er kommt immer. „Ein absolut totes Instrument, bei dem der Ton weg ist – das habe ich unter all den alten Hörnern nie in Händen gehabt.“