Niko Hüls (links) im Gespräch mit Namika , die selbst im Film auftritt. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die Doku „Back to Tape“ über die Anfänge des deutschen Hip-Hops hat in der Schräglage mit reichlich Prominenz Premiere gefeiert. Der Film entstand in Zusammenarbeit mit dem Autobauer Porsche.

Stuttgart - Es fällt schwer, eine Musikrichtung als Subkultur zu begreifen, die mehr Alben an der Spitze der deutschen Charts platziert als der heimische Schlager. Und wenn diese sogenannte Subkultur dann auch noch in engster Zusammenarbeit mit Porsche einen Dokumentarfilm über die eigenen Wurzeln produziert, dann hat das natürlich auch ein, sagen wir es schwäbisch, Gschmäckle.

Doch genau das ist „Back to Tape“: ein Hip-Hop-Roadtrip zu den deutschen Ursprüngen des Genres. Realisiert vom Fachblatt „Backspin“ und dem Zuffenhausener Autobauer für den größeren Geldbeutel, begab sich „Backspin“-Chefredakteur Niko Hüls auf eine Reise quer durch Deutschland, um in sechs Städten nach dem Ursprung, der Keimzelle deutschsprachiger Rapmusik zu forschen. Das zieht bei der Premiere des Films jede Menge Hip-Hop-Prominenz in den Stuttgarter Szeneschuppen Schräglage.

Pioniergeist und Mut

Die ersten Worte gehören dann auch Porsche-Pressesprecher Julian Hoffmann, der gleich mal versucht, Analogien zwischen Hip-Hop und Porsche herzustellen. Pioniergeist und der Mut, neue Wege zu gehen, das würde die beiden Lager verbinden. Stimmt natürlich, wenn man das so will, doch dieser Bezug ließe sich auch zwischen dem Erfinder der Waschmaschine und Reinhold Messner herstellen.

Nun, in einem Genre, in dem es allzu oft um dicke Schlitten, Pool-Partys und jede Menge Kohle geht, darf man auch mal einen Journalisten in einem todschicken Panamera 2300 Kilometer durch Deutschland cruisen lassen. Das durchaus mit Unterhaltungswert: In seinen Treffen mit den deutschen Hip-Hop-Wegbereitern zeichnet er anhand einiger weniger Ausnahmekünstler exemplarisch und aussagekräftig die Entwicklung dieses Genres nach.

Hip-Hop ist viel mehr als Musik

Natürlich mit Musikern wie Wasi von den Lokalhelden Massive Töne, dem Hamburger Rapper und Restaurantbesitzer Samy De­luxe, dem Frankfurter Moses Pelham oder dem Heidelberger Toni-L (Advanced Chemistry), der ebenfalls im Publikum sitzt. Er zeigt mit dem Wahl-Stuttgarter und Graffiti-Artisten Scotty 76 oder mit dem Breakdancer Beat Boy Delles aber auch gut auf, dass Hip-Hop viel mehr ist als Musik. Es ist eine Kultur, die mit ihrem Stil seit Jahrzehnten großen Einfluss auf die Mode, auf die Kunst, auf den Mainstream ausübt. Und längst auch dort angekommen ist. Das spiegelt sich auch in der Anwesenheit von Namika, die spätestens seit „Lieblingsmensch“ ein sehr großer Popstar ist und an diesem Abend lieber in der Schräglage sitzt, als Schampus auf dem Echo zu trinken.

Das ist dann auch das wirklich Herausragende an „Back to Tape“: Der Film zeigt in 90 Minuten all das auf, was Hip-Hop so wertvoll macht – von Jugendarbeit bis zum völkerverbindenden Gemeinschaftssinn. Das ist eine heilsame Antithese zu all diesen umnachteten Battle-Rap-Fanatikern, die mit ihrer schwulenfeindlichen, rassistischen und frauenverachtenden Musik Preise wie den Echo abstauben. Dass der ansonsten standesgemäß authentische und unaufgesetzte Film gleich zweimal von einem schlecht getarnten Porsche-Werbeclip unterbrochen werden muss, in dem Hüls vom Fahrkomfort des Wagens schwärmt, ist aber dann doch zu viel des Guten.

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