Er lässt es donnern, klingelt zur Pause, steuert die Maschinerie und hat sogar die gute Laune der Sänger im Blick: Cornelius Nitzsche ist als Inspizient an der Staatsoper Stuttgart das unsichtbare Scharnier zwischen Kunst, Technik und Handwerk.
Sind Sie Kontrollfreak? Wollen Sie immer den Überblick behalten? Lieben Sie es, wenn Menschen nach Ihrer Pfeife tanzen – sprich: nach Ihren Ansagen hierhin und dorthin springen? Möchten Sie bestimmen, wann das Licht aus- und angeht? Und mögen Sie blinkende Knöpfe, Maschinen und das Rattern des eisernen Vorhangs? Dann könnte es sein, dass Sie Inspizient oder Inspizientin am Theater hätten werden sollen. Aber wer wird das schon – ja, wer weiß überhaupt von diesem Beruf, ohne den auf der Bühne kein Schauspieler, kein Sänger, kein Tänzer rechtzeitig aufträte, kein Vorhang pünktlich aufginge, keine Kulisse rechtzeitig verschoben würde, kein Pausengong ertönte?
Digitalisierung? Gibt’s hier nicht
Inspizient ist kein Lehrberuf, sondern eine Arbeit für Quereinsteiger. Also zum Beispiel für ehemalige Sängerinnen und Sänger, Tänzerinnen und Tänzer, Statistinnen und Statisten, Souffleure und Souffleusen. Und für Menschen wie Cornelius Nitzsche, der während seines Studiums (Kulturarbeit) über eine Hospitanz in der Komischen Oper Berlin zu seinem Traumjob fand. Mit Barrie Koskys „Zauberflöte“ kam er 2020 nach Stuttgart – und blieb. Trotz der Sanierungsbedürftigkeit des Hauses, die auch an seinem Arbeitsplatz augenfällig ist. In der Staatsoper ist das Inspizientenpult, Jahrgang 1984, mit seinen Schaltern, Drehknöpfen und Leuchtdioden noch komplett analog.
Digitalisierung? Gibt’s hier nicht. „Irgendwie geht’s immer“, sagt Cornelius Nitzsche. Bisher hat er noch immer den Überblick behalten. Und – ganz wichtig – ein Höchstmaß an Empathie mit der Kunst und den Künstlern. Außerdem gilt für den 27-Jährigen: In der Ruhe liegt die Kraft. Das ist unabdingbare Voraussetzung seiner Arbeit.
Inspizienten sind Scharniere zwischen Kunst, Technik und Handwerk
Schließlich passiert bei Vorstellungen sehr viel auf einmal. Deshalb sind die Inspizientinnen und Inspizienten – in der Stuttgarter Oper gibt es insgesamt fünf, darunter drei Frauen, im Schauspiel vier, im Ballett zwei – bei Opernabenden immer zu dritt. Einer steuert am Inspizientenpult gleich neben dem Bühnenportal Technik und Maschinerie, gibt Zeichen an Bühnenarbeiter, Ton- und Videotechnik und macht außerdem die sogenannten Einrufe, mit denen er Technik, Darsteller, manchmal auch die Mitarbeiter von Maske und Garderobe vorab an Aktionen und Auftritte erinnert.
Inzwischen, sagt Nitzsche, kenne er sich im Stuttgarter Ensemble aus – und wisse deshalb sogar, welche Sänger er ein paar Minuten früher als andere auf die Bühne rufen müsse. Der zweite Inspizient steht als eine Art Kontrolleur des Kontrolleurs („das zweite Paar Augen“) an der Südseite der Bühne. Und der dritte im Bunde sorgt für Lichtstimmungen auf der Bühne. Noten müssen alle Inspizienten in der Oper lesen können. Von Beginn des Probenprozesses an wird eine sogenannte Inspizientenpartitur erstellt: In der steht alles drin von Beleuchtungsdetails bis zu Kulissenwechseln.
Inspizienten sind die unsichtbaren Scharniere zwischen Kunst, Technik und Handwerk, sind verlängerte Arme der Regie. Schon vor den Vorstellungen wird alles durchgecheckt: Sind die Requisiten an ihren Plätzen, knarrt womöglich noch eine Diele? Danach heißt es, über mehrere Stunden hinweg hoch konzentriert zu sein (und anschließend alle Ereignisse des Abends bis hin zu Verletzungen von Mitwirkenden in einem Bericht zu verewigen).
Inspizienten sind aber genauso Mädchen für alles – von ihrem Pult aus wird auch das Publikum mit Klingelzeichen in den Saal gerufen.
Die alte Windmaschine ist tipptopp
Nebenbei, sagt Cornelius Nitzsche, seien er und seine Kollegen sogar dafür zuständig, „dass die Laune auf der Bühne gut ist“. Bei der Premiere von „Die Verurteilung des Lukullus“ zu Beginn der vergangenen Spielzeit, einem Stück, bei dem der Inspizient während der ersten 35 Minuten eine Durchsage nach der anderen machen muss, stand zum Beispiel anfangs das Licht beim Dirigenten nicht, Bernhard Kontarsky konnte nicht anfangen, die Stimmung drohte zu kippen . . . – aber dann ist alles am Ende noch mal gut gegangen. Puh!
Auf eines, so Cornelius Nitzsche, könne man sich im Stuttgarter Opernhaus tatsächlich immer verlassen: Die alte mechanische Windmaschine funktioniere nach wie vor tipptopp. Sagt’s, drückt Knöpfe am Pult – und schon tosen Donner, Regen und Wind über die Bühne. Ein Bühnenarbeiter läuft vorbei, verdeckt im Scherz die Ohren und winkt dem Kollegen augenzwinkernd zu: „Mensch, Cornelius, heute lässt du aber wirklich die Sau raus!“