Wenn die Familie aus dem Gleichgewicht geraten ist, sind meist die Kinder die Leidtragenden. An sie richtet sich das neue Angebot der Stiftung Tragwerk. Foto: dpa/Patrick Pleul

Die Stiftung Tragwerk hat ein Angebot für Kinder ins Leben gerufen, die unter der psychischen Belastung oder Krankheit ihrer Eltern leiden.

Plochingen/Nürtingen - Niederschwelliger geht kaum: „Einfach kommen und Dabeisein“, beschreibt die Sozialpädagogin und Diakonin Margret Huber die Idee, die hinter „Mobile“ steht. Die Stiftung Tragwerk, eine in Kirchheim ansässige Jugendhilfeeinrichtung, hat in Plochingen und Nürtingen ein Gruppenangebot für Kinder ins Leben gerufen, die unter der psychischen Belastung oder Erkrankung ihrer Eltern leiden. In den Kleingruppen, die an den Erziehungshilfestellen der beiden Standortstädte angedockt sind, helfen Fachkräfte den Kindern, ihr seelisches Gleichgewicht wiederzufinden.

 

Der Name Mobile ist mit Bedacht gewählt. „Die Idee kommt aus unserem Mitarbeiterkreis. Ein Familienleben ist in der Regel gut austariert, wie ein Mobile. Wenn es eine Seite nach unten zieht, dann gerät das ganze Gebilde schnell aus dem Gleichgewicht“, sagt Margret Huber, die pädagogische Leiterin der Erziehungshilfestellen. Nach unten zieht es in diesen bedrückenden Zeiten mehr Väter und Mütter als zuvor. „Psychische Krankheiten und Belastungen haben schon vor Corona stetig zugenommen. Jetzt sind zerbrechliche Familiengemeinschaften einem noch größeren Druck ausgesetzt“, sagt Jürgen Knodel, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung.

Kinder haben kein Netzwerk

Während die Erwachsenen immerhin von den auf sie zugeschnittenen Angebote der sozialpsychologischen Dienste aufgefangen würden, fehle es an einem entsprechenden Netzwerk für die betroffenen Kinder. „Dabei ist bekannt, dass psychologische Erkrankungen in der Familie weitergegeben werden“, sagt Margret Huber. Betroffene Kinder können durch die Erkrankung ihrer Eltern vielfältigen Belastungen ausgesetzt sein und haben statistisch gesehen ein drei- bis vierfach höheres Risiko, im Laufe ihres Lebens selbst psychisch krank zu werden. Zudem seien Kinder empfindliche Seismografen. An ihrem auffälligen Verhalten lasse sich früh ablesen, wenn in dem System Familie etwas aus dem Gleichgewicht geraten sei.

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In den Mobile-Treffen fangen erfahrene Mitarbeiter die Kinder auf. In wöchentlichen Gruppentreffen können die Kinder ihre Gefühle und Bedürfnisse zum Ausdruck bringen und ihnen nachgehen. In der Gruppe werden kindgerechte Informationen und Hilfestellungen zum Leben mit einem psychisch belasteten oder psychisch erkrankten Familienmitglied gegeben. Mit Spiel und Spaß geht es dabei unter anderem um die Stärkung des Selbstbewusstseins des einzelnen Kindes und die Erfahrung, mit diesem Thema nicht allein zu sein.

Kinder sind nicht für ihre Eltern verantwortlich

Während noch bis Anfang Januar das Kennenlernen im Vordergrund stehen soll, beginnt im neuen Jahr die pädagogische Aufarbeitung anhand von fünf Modulen. Durch erlebnispädagogische Angebote wird das Selbstwertgefühl gesteigert und dann über die immer noch mit einem Makel versehene psychischen Probleme offen gesprochen. In einem nächsten Schritt lernen die Kinder, welche Netzwerke ihnen in ihrer Not helfen können, bevor es abschließend um den Versuch geht, die Konflikte zu lösen. „Kinder müssen lernen, dass sie nicht für ihre Eltern verantwortlich sind“, fasst Margret Huber die Leitidee zusammen.

Die hilfebedürftigen Kinder können einerseits von den bekannten Hilfsdiensten und Anlaufstellen an Mobile weiterempfohlen werden, andererseits aber steht das Angebot auch ausdrücklich jeder Familie offen, die unter einer psychischen Belastung aus dem inneren Gleichgewicht zu geraten droht. In Ergänzung zu den Kindergruppe gibt es eine begleitende Elternarbeit, die an sechs Terminen im Jahr stattfindet und von psychologischen Fachkräften der Beratungsstelle der Stiftung Tragwerk in Kirchheim und der Beratungsstelle der Caritas in Nürtingen betreut wird. „Wir wollen Familien Mut machen, sich an uns zu wenden. Eine psychische Erkrankung ist keine Schande. Es gibt ein Angebot. Wir wissen, was hilft“, so lautet der eindringliche Appell von Jürgen Knodel.

Anmeldung und Information zur Mobile-Gruppe in Plochingen gibt es unter Telefon 07 153/23 59 9 oder per Mail unter Ehs-pl-hindenburg@stiftung-tragwerk.de . Die Anmeldung in Nürtingen ist unter der Telefonnummer 07 022/ 20 85 6-250 und unter ehs-nt-stadt@stiftung-tragwerk.de möglich.

Kostenlose Hilfe und Unterstützung in einem geschützten Raum

Tragwerk
 Die Stiftung Tragwerk ist eine diakonische Einrichtung, die aus den beiden traditionsreichen Stiftungen Paulinenpflege Kirchheim und Wächterheim hervorgegangen ist. Sie bietet ein breit gefächertes Leistungsangebot an flexiblen und dezentralen Hilfen an. Dazu zählen ambulante und stationäre Erziehungshilfen, Tagesgruppen und Soziale Gruppenarbeit, Einzelfallhilfe, Altenhilfe, die Janusz-Korczak-Schule als Schule für Erziehungshilfe, eine Sonderberufsfachschule, eine „Straßeneckenschule“ für Schulverweigerer, psychologische Beratungsstellen, Kindertagesstätten und eine Reihe von Projekten im sozialen Umfeld.

Angebot 
Mobile ist ein Gruppenangebot für Kinder im Alter von sieben bis zwölf Jahren. Es bietet den Kindern die Möglichkeit, in einem geschützten Rahmen Hilfe und Unterstützung zu bekommen – und die Erfahrung, mit diesem Thema nicht allein zu sein. Das Angebot ist kostenlos und frei zugänglich.