Hilfe für Steillagen-Weinberge in Hessigheim Trollinger raus, Cabernet Sauvignon hinein

Von Claudia Bell 

Malerischer Arbeitsplatz: die Steillagen oberhalb von Hessigheim. Foto: factum/Granville
Malerischer Arbeitsplatz: die Steillagen oberhalb von Hessigheim. Foto: factum/Granville

Enge Treppen, steile Hänge, rutschiger Boden: Das Arbeiten in terrassierten Steillagen-Weinbergen ist kein Zuckerschlecken. Immer mehr Wengerter geben deshalb auf. Ein Konsortium soll nun helfen.

Hessigheim - Glitzernd schlängelt sich der Neckar im Tal, gemächlich tuckert ein Dampfer übers Wasser. Die Sonne strahlt von einem tiefblauen Himmel herab, die Luft inmitten der terrassierten Steillagen-Weinberge oberhalb von Hessigheim ist frisch und klar. Wer hier seine Reben bewirtschaftet, muss angesichts dieser traumhaften Arbeitsbedingungen doch pures Glück empfinden. Das sollte man zumindest meinen; doch die Realität sieht anders aus. „Steillagen zu bewirtschaften, ist extrem mühsam. Deshalb will das auch kaum noch einer machen“, sagt Herbert Müller aus Hessigheim. Immer mehr Wengerter gäben auf, und der Nachwuchs wiederum verspüre wenig Lust, das Erbe anzutreten und sich auf den etwa 45 Grad steilen Weinbergen mit den kleinen Treppchen krumm zu buckeln. Immerhin braucht ein Wengerter für die Bewirtschaftung eines Hektars in der Ebene zwischen 250 und 400 Stunden pro Jahr; für die gleiche Fläche in Steillagen muss er mindestens 1200 Stunden investieren.

Gemeinsam mit Freunden und Bekannten – allesamt Weinliebhaber – hat der pensionierte Jurist daher 2014 ein Konsortium zur Bewahrung der Steillagen gegründet. Das Consortium Montis Casei(Konsortium Käsberg) mit insgesamt neun Gesellschaftern beschäftigt sich mit der Frage, wie man die Wengerter dazu bringen kann, ihre steilen Weinberge nicht zu roden, sondern sie weiterhin zu bewirtschaften. Die Krux an der ganzen Sache ist aber die: Auf den 800 Hektar Fläche zwischen Esslingen und Gundelsheim wachsen zu 90 Prozent Trollinger. Der mag vielen Weintrinkern, hauptsächlich im Ländle, zwar schmecken, er ist aber eben nicht wirklich marktfähig.

Und viel Geld gibt es dafür auch nicht. „Die Wengerter bekommen weniger als einen Euro pro Kilo Trauben, und die Abnehmer bezahlen im Einkauf gerade einmal 1,80 Euro pro Liter Wein“, sagt Müller. Weitergegeben werde die Flasche an den Kunden dann für drei bis vier Euro. „Am durchschnittlichen Trollinger verdient niemand, das lohnt sich nicht.“ Das sähen zwar viele Wengerter ein, doch so mancher sage sich insgeheim: Was mir schmeckt, schmeckt auch anderen.

Sieben Partner machen mit

An der Änderung einer solchen Einstellung arbeitet das Konsortium nun seit drei Jahren, die ersten Weine mit schickem Konsortiums-Etikett sind auf dem Markt. Zu kaufen gibt es einen Zweigelt und einen Lemberger, einen Merlot und einen Cabernet Sauvignon sowie einen Syrah und hochwertigen Trollinger zu Preisen zwischen acht und 18 Euro. Sieben Weingüter und Genossenschaften machen bereits mit. Das Weingut Faschian etwa bewirtschaftet Flächen von Herbert Müller nach seinen Vorgaben, andere Partner bauen teilweise renommiertere Rebsorten an. Mit diesen hochwertigen Weinen sollen die Wengerter endlich eine größere Wertschätzung für ihre mühsame Arbeit erfahren.

Hilfe erhält das Consortium vom Land in Form von Zuschüssen durch das Integrierte Ländliche Entwicklungsprogramm (ILEK) sowie durch eine höhere Bewirtschaftungsförderung. Von 2018 an gibt es keine 900 Euro pro Hektar mehr, sondern 3000 Euro. Zustimmung kommt auch von der Tourismus Marketing Baden-Württemberg (TMBW). „Jede Initiative, die die Steillage in Wert setzt, ist zu begrüßen“, sagt deren Geschäftsführer Andreas Braun.

Er warne allerdings davor, den Trollinger komplett aus den Steillagen zu verbannen. „Der Trollinger ist ein heißes Thema und geht an die schwäbische Seele.“ Er empfehle daher, den Blick auf Rebsorten-Mischungen zu lenken. „Württemberg hat eine unglaubliche Power, was die Rotwein-Cuvées betrifft, darauf sollte man bauen.“

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