Alkoholismus ist oft mit viel Scham behaftet: für die Süchtigen selbst, aber auch für Partner und Kinder. Was bedeutet es, mit trinkenden Eltern aufzuwachsen? Im Kreis Ludwigsburg gibt es Hilfe.
Probleme mit Alkohol machen nicht nur den Süchtigen selbst zu schaffen, sie belasten diejenigen, die dem- oder derjenigen am nächsten stehen – Freunde Partner, vor allem die eigenen Kinder – oft genauso, wenn nicht sogar mehr.
Nach Schätzungen leben in Deutschland um die 2,7 Millionen Kinder und Jugendliche mit mindestens einem alkoholkranken Elternteil. Hinzu kommen 40 000 bis 60 000 Familien, in denen Drogen den Alltag (mit)bestimmen. Auch wenn die Erwachsenen den Konsum meist versuchen zu verheimlichen, gelingt das in den seltensten Fällen. „Vor Kindern kann man eigentlich nichts verbergen“, sagt Lea Baggen. Die 23-Jährige arbeitet für das Projekt Kinder und Jugendliche suchtkranker Eltern (KisEl) des Kreisdiakonieverbands in Bietigheim-Bissingen (Kreis Ludwigsburg) . Es ist mit das ältestes seiner Art in Deutschland, im Kreis das einzige. In diesem Herbst feiert KisEl 25-jähriges Bestehen. Baggen und ihre Kolleginnen und Kollegen wissen, was es bedeutet, wenn Mama oder Papa – manchmal auch beide – an der Flasche hängt. In den Familien fehlt oft der Zusammenhalt, gemeinsame Freizeitaktivitäten sind häufig – auch wegen finanzieller Probleme – kein Thema. Dafür Gewalt, manchmal auch sexueller Missbrauch. Beides ist Untersuchungen zufolge wahrscheinlicher, wenn die Eltern Trinker sind, oft besteht ein Zusammenhang.
Keine Geburtstagsfeier, dafür viel Hausarbeit
Gleichzeitig bleibt oft viel an den Kindern hängen. Aufgaben, die sie eigentlich nicht leisten sollten, nicht leisten können: putzen, waschen, kochen, einkaufen. Wer jüngere Geschwister hat, kümmert sich um sie. Über all dem schwebt „das große Geheimnis“, wie es Maren Biedenbach ausdrückt, die Koordinatorin von KisEl. Meist schämen sich nicht nur die Eltern vor ihren eigenen Kindern, sondern auch die Kinder vor Gleichaltrigen. So käme es in Familien mit aktiven Alkoholikern nie in Frage, andere Kinder nach Hause einzuladen – nicht einmal zum Geburtstag. Auch in der Schule schweigen die Betroffenen das Thema lieber tot, aus Selbstschutz. Hänseleien seien programmiert, wenn das Kind als einziges in der Klasse mal wieder kein Pausenbrot dabei habe, weil die Mutter morgens nicht aus dem Bett gekommen sei. Bei den KisEl-Treffen ist all das, was die Kinder daheim erleben, kein Tabu. Sie sollen sogar darüber sprechen, mit den Betreuern, aber auch mit den Leidensgenossinnen und -genossen. Das müssen die Erziehungsberechtigten sogar schriftlich zusichern.
Oft wird das Problem verschwiegen
Ansonsten ist das Programm ähnlich organisiert wie eine Jungschar. Zum Angebot gehören Ausflüge, Kinobesuche, auch mal Übernachtungen am Wochenende. „Die Kinder dürfen einfach mal Kind sein“, sagt Lea Baggen. Derzeit nehmen regelmäßig bis zu 15 Kinder im Alter von sechs bis 15 Jahren teil. Die zwei Betreuerinnen und ein Betreuer versuchen dabei, den Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, dass sie selbst an ihrer familiären Situation keine Schuld haben. „Wir wollen die Kinder stärken, ihnen auch Wege aufzeigen, wie sie damit umgehen können“, sagt Baggen. Stressbewältigung und Selbstwertgefühl sind wichtige Stichworte. Dabei soll der Umgang mit Alkohol aber nicht verteufelt werden. „Wir wollen vor allem zeigen, dass man als Erwachsener auch andere Möglichkeiten hat, als zur Flasche zu greifen“, so Biedenbach.
Eltern sträuben sich kaum gegen die Teilnahme ihrer Kinder
Denn Studien zeigen, dass Kinder von Trinkern statistisch gesehen deutlich häufiger später ein Alkoholproblem entwickeln. Im Vergleich zu Kindern, die nicht betroffen sind, ist das Risiko, dass sie ähnliche Verhaltensmuster wie ihre Eltern entwickeln, vierfach höher – Alkoholabhängigkeit wiederholt sich in gewisser Weise also. Zudem zeigen die Kinder häufiger Symptome einer Depression, manche haben Schwierigkeiten, in der Schule mitzuhalten. „Wobei das nicht zwangsläufig so ist“, sagt Baggen.
Wenn das Thema mit so viel Scham belastet ist, wie kommen die Kinder dann überhaupt zu KisEl? Immerhin ist es für Süchtige oft sehr schwer, sich ihre Probleme einzugestehen. Die Eltern vieler KisEl-Kinder haben diesen Schritt geschafft und nehmen andere Angebote der Diakonie wahr. Dabei stoßen die Mitarbeiter häufig auf Kinder, die vom Programm profitieren könnten. „Sie wollen ja auch gute Eltern sein“, sagt Biedenbach. „Das bekommen sie durch den Alkohol einfach nicht so hin.“ Auf manche Fälle machen auch Jugendämter, Schulsozialarbeiter oder die Großeltern aufmerksam, in deren Obhut sich die Kinder befinden. Dass Eltern sich dagegen sträuben, ihren Kindern gar verbieten, an dem Programm teilzunehmen, das komme eigentlich nicht vor, sagt Biedenbach.
Sie und Lea Baggen wünschen sich, dass noch mehr Kinder alkoholkranker Eltern das Angebot wahrnehmen. „Die Last nehmen können wir ihnen nicht, aber sie ein Stück weit an die Hand nehmen“, sagt Baggen. Dass das hilft, zeige auch, dass es in den vergangenen 25 Jahren kaum ein Kind richtiggehend abgestürzt ist, das bei KisEl war. „Unsere erfahrenste Kollegin weiß von einem“, sagt Baggen. Die Teilnahme habe einige sogar dazu inspiriert, anderen helfen zu wollen. „Die haben dann Sozialpädagogik studiert“, sagt Biedenbach.
Wo es Hilfe gibt
Angebot
Das Programm „Kinder und Jugendliche suchtkranker Eltern“ ist größtenteils spendenfinanziert. In der Regel zahlen die Familien einen geringen Selbstkostenbeitrag. Das Angebot richtet sich an Kinder von sieben bis zwölf Jahren und an Jugendliche von 13 bis 18 Jahren aus dem Kreis Ludwigsburg. Vor der Aufnahme findet ein Gespräch mit den Eltern statt.
Kontakt
Weitere Informationen können Interessierte unter der E-Mailadresse kisel@kreisdiakonieverband-lb.de erfragen. Telefonisch ist KisEl unter 0 71 42/97 43 0 zu erreichen. Die Adresse lautet: Am Japangarten 6, 74321 Bietigheim-Bissingen.