Hildegard Ruoff zum 95. Fotografin und Kunstvermittlerin

Von Nikolai B. Forstbauer 

Hildegard Ruoff mit Michael Maile Foto: Kraufmann
Hildegard Ruoff mit Michael Maile Foto: Kraufmann

Sie ist die Hüterin des Fritz-Ruoff-Nachlasses: An diesem Freitag wird die Fotografin und Kunstvermittlerin Hildegard Ruoff 95 Jahre alt. In einer Fabrikantenvilla in Nürtingen, die seit den frühen 1960er Jahren auch den Ruoffs Wohn- und Arbeitsraum bietet, wird das Gespräch mit ihr zum Raumerlebnis.

Nürtingen - Im Gespräch mit Hildegard Ruoff muss man auf der Hut sein. Leise ist sie im Ton, abwägend in der Wortwahl. Zugleich bestens informiert. Und – nicht bestimmend in der Akzentuierung, aber bestimmt.

Hildegard Ruoff lenkt die Fritz- und ­Hildegard Ruoff-Stiftung in Nürtingen. In der vormaligen Fabrikantenvilla Pfänder, die seit den frühen 1960er Jahren auch den Ruoffs Wohn- und Arbeitsraum bietet, wird das Gespräch mit Hildegard Ruoff zum Raumerlebnis. Kunst, Literatur, Musik – alles hat hier seinen Platz. Nicht aber das ­Ungefähre, das Irgendwie oder auch nur das Sowohl als auch.

„Die Dinge, die sich hier ereignen, müssen mich interessieren“, sagt Hildegard Ruoff. Und manchmal ergänzt sie noch – „ja, sie müssen mich berühren“.

Seit 2003 ist die Villa Pfänder als Ganzes Bühne der Ruoff-Stiftung. Schellingstraße 12 – das ist seitdem und in wachsender Selbstverständlichkeit Ort einer nur scheinbar überkommenen Begrifflichkeit: Ort des Kunstdialogs, Ort des Dialogs mit Kunst und über Kunst. Ausstellungen, Lesungen, Vorträge und Führungen – ein klassisches Programm. Aber doch eines, das hier eine eigene und zukunftsorientierte Ernsthaftigkeit erreicht. Hildegard Ruoff verkörpert diese Ernsthaftigkeit – und präsentiert so in diesem Herbst unter anderem Werke von Preisträgern und Ausgezeichneten des Walter-Stöhrer-Preises für Studierende der Kunstakademie Stuttgart und der Universität der Künste Berlin..

1919 in Stuttgart geboren, begegnet sie 1941 im Kunsthaus Schaller dem 13 Jahre älteren Bildhauer und Maler Fritz Ruoff. Seit 1933 hat Ruoff Ausstellungsverbot. Die 22-jährige Kunsthändlerin Hildegard Scholl weiß, was Ruoff sucht – über bei Schaller zu findende Reproduktionen der verfemten europäischen Moderne zumindest den Klang der ihn bewegenden Kunst.

1943 zieht das nun verheiratete Paar nach Nürtingen. Kein einfacher Schritt für die vormalige Hildegard Scholl. Ruoffs Eltern führen eine Metzgerei samt Gasthof – eine gänzlich andere Welt. Wohl weiß sich Fritz Ruoff seit der eigenen Studienzeit an der damaligen Kunstgewerbeschule auf eigenem Kurs. Dieser aber erweist sich auch nach 1945 als sehr steinig. Ruoff, der alles Kunstschaffen aus der menschlichen Existenz und dem Freiheitswillen des Menschen begründet sieht, bleibt die große Gestik der Kunst der 1950er Jahre fremd.

Hildegard Ruoff arbeitet für den Lebensunterhalt – und für Fritz Ruoff. Sie notiert, beobachtet, hält zusammen, ordnet, verzeichnet, empfängt, macht oft genug Mut und strahlt vielleicht mehr noch als Fritz ­Ruoff dessen Überzeugung aus, dass auch eine Linie, dass jede Linie beseelt sein muss.

Hildegard Ruoff fotografiert. Pflanzen, Landschaften. Schönes, das sich für stehen kann. Und sie macht Ausstellungen, wenn dies auch erst nach Fritz Ruoffs Tod stärker in den öffentlichen Blick rückt.

Fotografin, Kunstvermittlerin, Nachlassverwalterin. All dies verbindet sich im Schritt zur wesentlich von der Stadt Nürtingen gestützten Stiftung. Ihre Anrede ist Dauer- wie Zufallsgästen Verpflichtung: „Liebe Freunde . . .“. An diesem Freitag wird Hildegard Ruoff 95 Jahre alt, an diesem Sonntag um 11 Uhr ehrt die Stadt Nürtingen eine große Sachwalterin der Kunst mit einem Empfang in den Räumen der ­Ruoff-Stiftung.

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