Das Herz schlägt gleichmäßig, Tag für Tag - doch was, wenn es aus dem Takt gerät? Wann Herzrhythmusstörungen behandelt werden müssen Foto: dpa

Bei fast jedem Menschen gerät das Herz ein- oder mehrmals im Leben kurzfristig aus dem Takt. Die Experten der Deutschen Herzstiftung erklären, mit welchen Stolperern man leben lernen muss und gegen welche medizinisch konsequent vorgegangen werden sollte.

Hamburg/Stuttgart - Scheinbar unermüdlich schlägt das Herz – etwa 60- bis 100-mal pro Minute, bis zu 140 000-mal an einem Tag. Ohne Pause. Da kann es hin und wieder aus dem Takt geraten, mal stolpern oder springen und manchmal sogar rasen. Herzrhythmusstörungen nennen Experten solche Unregelmäßigkeiten, die fast jeden Menschen im Laufe seines Lebens ereilen: „Wenn man den Leuten, die auf Stuttgarts größter Einkaufsstraße flanieren, das Herz gründlich untersuchen würde, könnte man bei 98 Prozent eine Herzrhythmusstörung nachweisen“, sagt Kersten Putze, Kardiologe am Herzzentrum Stuttgart. „Doch nur vier Prozent haben diese auch bemerkt.“

Wobei einzelne Stolperer, sogenannte Extrasystolen, meist harmlos sind, sofern diese in Ruhezeiten auftreten – etwa nachts im Bett. „Grundsätzlich ist es aber ratsam, solche Unregelmäßigkeiten untersuchen zu lassen“, sagt Kersten Putze. Etwa indem der Hausarzt ein Elektrokardiogramm, auch EKG genannt, macht.

Herzrhythmusstörungen sind wie die Fehlzündung eines Motors

Doch die Grenze zwischen harmlosen Störungen und gefährlichen Unregelmäßigkeiten ist fließend: „Zwar sind Herzrhythmusstörungen selten Vorläufer und Warnzeichen eines drohenden plötzlichen Herztodes“, sagt Thomas Meinertz, Kardiologe am Klinikum Stephansplatz Hamburg und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung. Aber sie sind, sofern sie nicht angeboren sind, oft Folge einer Herzkrankheit wie beispielsweise einer Erkrankung der Herzkranzgefäße oder eines Klappenfehlers. Auch Bluthochdruck, Diabetes, eine Schilddrüsenüberfunktion und Übergewicht können zu Herzrhythmusstörungen führen. Zudem bringen äußere Einflüsse wie Alkohol, Coffein und Nikotin sowie Medikamente das Herz nicht selten zur Raserei.

Meinertz, der ebenfalls unter Vorhofflimmern litt, vergleicht dieses Phänomen mit einer Fehlzündung eines Motors: „Normalerweise bilden die elektrischen Taktgeber im Herzen regelmäßig ihre Impulse und lassen so das Herz auch regelmäßig schlagen.“ Doch die elektrischen Taktgeber sind störanfällig: Manchmal führen sie zu Extraschlägen, doch sie können auch in ihrer Funktion versagen. „Dann kommt es zu einer Verlangsamung der Herzschlagfolge“, sagt Meinertz.

Nicht alle Störungen müssen behandelt werden

Heute behandeln Kardiologen solche Rhythmusstörungen nur, wenn dies zwingend erforderlich ist – etwa, wenn sie die körperliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigen oder wenn die Gefahr eines Schlaganfalls besteht. „Dieses Risiko haben insbesondere Patienten mit Vorhofflimmern“, sagt Thomas Nordt, Ärztlicher Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßkrankheiten im Katharinenhospital Stuttgart.

Vorhofflimmern ist die am weitesten verbreitete Herzrhythmusstörung. In Deutschland leiden nach Schätzungen der Experten etwa 1,8 Millionen Patienten daran, jedes Jahr werden dadurch etwa 30 000 Schlaganfälle verursacht. Denn durch den zu schnellen und unkoordinierten Puls reduziert sich die Fließgeschwindigkeit des Bluts in den Vorhöfen, so dass sich dort unter Umständen Gerinnsel bilden. „Werden diese in den Körper geschwemmt, können sie ein Blutgefäß verstopfen“, sagt Nordt. Am häufigsten passiert dies im Gehirn.

Mit Hilfe von Medikamenten lassen sich solche Herzrhythmusstörungen meist gut in den Griff bekommen: Sogenannte ­Anti-Arrhythmika können einen falschen Rhythmus unterdrücken oder zumindest die Häufigkeit der Störungen reduzieren. Hauptproblem der medikamentösen Therapie ist nach wie vor, dass die Patienten unterschiedlich auf die Tabletten ansprechen, teils lösen sie sogar selbst Rhythmusstörungen aus. „Es braucht Geduld und oft auch mehrfache Medikamentenwechsel, bis das richtige Mittel und die richtige Dosierung gefunden worden sind“, so der Herzspezialist Thomas Meinertz.

Ein medizinischer Eingriff macht Medikamente nicht unbedingt überflüssig

Viele Patienten lassen daher einen Eingriff vornehmen, um die Herzrhythmusstörungen zu verringern. Bei der sogenannten Katheterablation schieben Mediziner von den Leisten des Patienten Katheter ins Herz. Über die Spitzen werden Zellen in den Herzkammern verödet, um so falsche elektrische Impulse im Herz zu verhindern, erklärt Udo Sechtem, Chefarzt für Kardiologie am Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart. „Wobei die Ablation gegen viele, aber nicht gegen alle Rhythmusstörungen eingesetzt werden kann.“ Oft müssen die Patienten den Eingriff mehrmals wiederholen, auch die weitere Einnahme von Medikamenten machen eine solche OP nicht immer überflüssig.

Aber auch der Patient kann einiges tun, um sein rasendes Herz zu beruhigen, sagt der Hamburger Spezialist Meinertz. Rauchen, Alkohol, Coffein, Schlafmangel, üppige Mahlzeiten sollten vermieden werden. Dagegen sollten Betroffene darauf achten, ausreichend Elektrolyte – Kalium, Magnesium – zu sich zu nehmen. „Das Wichtigste ist ein gesunder Lebensstil, der eine Balance zwischen Stress und Entspannung herstellt.“

Neuer Ratgeber

Für Patienten mit Herzrhythmusstörungen bietet die Deutsche Herzstiftung den Ratgeber „Aus dem Takt: Herzrhythmusstörungen heute“ an. Darin informieren Kardiologen, Herzchirurgen und Pharmakologen über Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten. Der Band ist für drei Euro in Briefmarken erhältlich bei: Deutsche Herzstiftung e. V., Vogtstraße 50, 60322 Frankfurt/Main, Telefon 069 / 9 55 12 80, oder im Internet unter www.herzstiftung.de/Herzrhythmusstoerungen-Sonderband.html

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