In der Zeit des Lockdowns im Frühjahr wurde bundesweit der Krankenhausbetrieb stark runtergefahren, um Intensivbetten für die Versorgung von Covid-19-Patienten frei zu halten. Foto: freebird7977 - stock.adobe.com

Herznotfälle sollten auch in Pandemiezeiten schnell und gut behandelt werden. Dass dies nicht immer so ist, zeigt ein Patientenbeispiel. Wie lassen sich solche Fälle verhindern? Experten geben Rat.

Frankfurt/Main - Als die Schmerzen im Oberbauch nicht weniger wurden und sich dazu eine unerklärliche Übelkeit gesellte, war Wilhelm R. alarmiert. Schon vor einem Jahr war es ihm ähnlich ergangen, kurz darauf erlitt er einen Herzinfarkt. „Wir hatten Sorge, dass ein zweiter Infarkt droht – und riefen gleich den Notarzt“, sagt die Tochter. Der Vater wurde abgeholt – doch gut versorgt fühlte sich der Senior in der Klinik im Schwarzwald nicht: „Weil man erst auf das Corona-Testergebnis warten wollte, wurde bei meinem Vater nicht wirklich nach den Ursachen seiner gesundheitlichen Probleme geforscht“, sagt die Tochter.

 

Kurz darauf erlitt der 87-Jährige in der Klinik einen zweiten Infarkt – mit glimpflichem Ausgang. „Aber die Frage stellt sich, ob der Infarkt hätte unter anderen Umständen verhindert werden können“, so die Tochter. Sie habe den Eindruck, dass die Patientenversorgung in Kliniken unter den verschärften Corona-Schutzbestimmungen zu leiden hat.

Während des Lockdowns sind weniger Herznotfälle aufgetreten als sonst

Die Sorge der Tochter kommt nicht von ungefähr: In der Zeit des Teil-Lockdowns im Frühjahr wurde bundesweit der Krankenhausbetrieb stark runtergefahren, um Intensivbetten für die Versorgung von Covid-19-Patienten frei zu halten. Studien zufolge ist beispielsweise die Zahl der akuten Herzinfarktpatienten zurückgegangen. Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen wurden weniger diagnostiziert. Die Vermutung: Erkrankungen wurden seltener erkannt, weil Fachärzte kaum Vorsorgeuntersuchungen durchgeführt hatten oder die Patienten aus Angst vor Ansteckung gar nicht gekommen sind. Ähnliche Beobachtungen gibt es auch in anderen Fachbereichen – etwa bei Krebspatienten.

Und diese Erfahrungen könnten sich nun wiederholen, fürchtet das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS). „Wir haben nicht den Eindruck, dass wir uns bezüglich der Patientenversorgung besser auf die zweite Welle vorbereitet haben“, sagt die Vorsitzende Ruth Hecker. „Die Kliniken versuchen, alle Versorgungsangebote aufrechtzuerhalten, was von Woche zu Woche schwieriger wird, weil Personal auf die Covid-19-Bereiche verschoben wird.“ Die ersten Kliniken fangen an, die Angebote der Nicht-Covid-19-Patientenversorgung zu reduzieren und etwa geplante Operationen zu verschieben.

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Dennoch sollte die Notfallversorgung in jedem Fall gesichert sein, heißt es seitens der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK). „Normalerweise sind die Ärzte und das medizinische Personal in Kliniken so ausgerüstet, dass es zu keiner Ansteckung kommen könnte, falls der Notfallpatient Träger eines Coronavirus ist“, sagt der DGK-Vorsitzende, Andreas Zeiher. Bei der Einlieferung werde sofort auf den Erreger getestet – die medizinische Versorgung gehe derweil weiter.

Zu langes Warten hat bei Infarktverdacht fatale Folgen

Je nachdem, ob der Patient infiziert ist oder nicht, kommt er entweder auf die Normal- oder die Isolierstation. „Inzwischen sind Tests im Einsatz, die innerhalb einer halben Stunde das Ergebnis zeigen“, sagt Zeiher, der zudem Direktor der Medizinischen Klinik III am Uniklinikum Frankfurt am Main ist. Kein Patient müsse daher stundenlang auf seine Versorgung warten. Weshalb Zeiher unbedingt dazu aufruft, sämtliche Herzbeschwerden ernst zu nehmen und unbedingt eine Klinik aufzusuchen.

„Herzinfarkt, aber auch andere Herznotfälle wie lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen sind keine aufschiebbaren Krankheitsfälle, sondern unterliegen selbstverständlich weiterhin der Notfallversorgung“, sagt der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Herzstiftung Thomas Voigtländer. Zu langes Warten bei Herzinfarktverdacht sei immer gravierend. Der Infarkt könne in ein Kammerflimmern übergehen, das zum plötzlichen Herztod führt. Auch können größere Teile des Herzmuskels irreparabel zerstört werden: „Die Gefahr für dieses fatale Verzögerungsverhalten dürfte angesichts der zweiten Corona-Welle wieder deutlich wachsen“, so der Ärztliche Direktor des Agaplesion-Bethanien-Krankenhauses und Kardiologe am Cardioangiologischen Centrum Bethanien Frankfurt am Main.

Ärzte müssen auf eine bessere Kommunikation mit Patienten und Angehörigen achten

Ob im Fall von Wilhelm R. der Infarkt tatsächlich hätte verhindert werden können, kann im Nachhinein nicht beantwortet werden. Grundsätzlich sollte bei einem im Elektrokardiogramm (EKG) klar sichtbaren Infarkt sofort eine Herzkatheteruntersuchung durchgeführt werden, so Voigtländer. „In anderen Fällen, wenn im EKG keine klaren Infarktzeichen bestehen und keine Beschwerden vorliegen, kann bis zu 24 Stunden gewartet werden.“ Allerdings sollte dann der Patient mittels EKG-Monitor überwacht werden.

Wichtig wäre es in jedem Fall, auf eine gute Kommunikation zwischen Arzt und Patient zu achten – und gerade bei älteren Patienten die Angehörigen mit einzubeziehen. „Es ist essenziell, dass alle gut über das Vorgehen aufgeklärt werden.“ Das unterstreicht auch Ruth Hecker vom APS: „Schon zu Nicht-Covid-Zeiten ist die mangelnde Kommunikation ein erheblicher Treiber für vermeidbare unerwünschte Ereignisse bei der Patientenversorgung gewesen.“ In dieser Phase würde sich das Problem potenzieren. Als hilfreich hätten sich Telefonsprechstunden, E-Mails oder Nachrichtendienste wie Threema erwiesen – was allerdings noch nicht überall angeboten wird. „Dabei hätte man dies im Sommer für die Kliniken organisieren können.“

Telefonsprechstunden, E-Mails und Videotelefonie helfen weiter

Patienten sollten ein Smartphone oder ein Tablet mit in die Klinik nehmen, um die Möglichkeit der Videotelefonie nutzen zu können. „Das ist wichtig, um bei einem Arztgespräch einen Angehörigen spontan mit einzubeziehen“, sagt Hecker. Auch sollte geklärt sein, wie man als Familie mit den Pflegenden und dem behandelnden Arzt in Kontakt bleiben kann – etwa mit Telefonterminen. Ebenfalls hilfreich ist es, wenn die Krankengeschichte des Patienten aufgeschrieben und den Ärzten vorgelegt werden kann, ebenso die Fragen der Angehörigen.

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Für die Familie von Wilhelm R. steht fest: Künftig werden sie in Kliniken vehementer für eine umfassende Versorgung einstehen: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass in Pandemiezeiten die Angehörigen mehr gefordert sind, darauf zu achten, dass alles für den Patienten getan wird“, sagt die Tochter.