Herbert Grönemeyer elektrisiert am Dienstagabend die ausverkaufte Hanns-Martin-Schleyer-Halle und begeistert seine Fans. Sie bekommen einen 67-Jährigen zu sehen, der es noch einmal wissen will.
Plötzlich ist er da, Herbert Grönemeyer, am Dienstagabend. Er schlendert auf die Bühne der ausverkauften Hanns-Martin-Schleyer-Halle, so wie andere in ihr Wohnzimmer schlendern. Er wird sofort erkannt. 13 500 Menschen jubeln. Ein Abend beginnt, der zu einer langen, energischen, oft überraschenden Wanderung durch das musikalische Gesamtwerk des meistverkauften deutschen Popstars wird.
Von den 13 Titeln seines neuen Albums gibt es elf, dazu noch viele andere, jeden Hit. Mehr als 35 Songs hat Herbert Grönemeyer im Programm. „Kinder an die Macht“ wird er zum ersten Mal auf seiner „Das ist los“-Tour singen, die am 16. Mai in Kiel begann; der Klang einer Spieluhr mischt sich in das harte Rockstück ein. Wieder einmal wird Grönemeyer den Titelsong seines ersten Erfolgsalbums von 1984 mit dem Steigerlied beginnen, dem traditionellen Lied der Bergarbeiter, und bei „Bochum“ dann werden Tausende Stimmen den Refrain singen, gerade so, als ob Stuttgart mitten im Ruhrpott liege. Das Saxofon schreit auf, bei dieser Hymne, und wenn Grönemeyer singt: „Du hast nen Pulsschlag aus Stahl“, setzt kalt und hart die E-Gitarre ein.
„Das ist los“ – so heißt das neue Album, erschienen Ende März. Herbert Grönemeyer kehrt mit ihm fast zu seinen Ursprüngen zurück: Die Songs sind schnell, rhythmisch, die nostalgischen Momente bewusst gesetzt, die Botschaften klar, politisch wie persönlich. Auch im Konzert. Grönemeyer lobt den Protest der jungen Generation, er nennt die Öffnung Deutschlands für Flüchtlinge eine „enorme, wirklich historische humanistische Leistung“, spricht von seiner eigenen Mutter, die einst aus Estland fliehen musste, singt ein Lied auf Deutsch und auf Türkisch.
Grönemeyer rast über die Bühne
Oft sitzt Herbert Grönemeyer alleine an seinem Keyboard, trägt eine Ballade vor, dann wieder springt er auf, scheint außer sich zu sein, vor Energie zu bersten, rast über die Bühne. Seine Stimme klingt fast rauer noch als sonst. Er spart nicht mit seinen spitzen Schreien, er knetet die Luft.
„Ihr seid zu heiß, ich muss mich umziehen“, ruft er seinen Fans zu. Dann lobt er zur Abwechslung sich selbst, spricht davon, dass die Zuschauer in den ersten Reihen geblendet sein müssten: „Ich sehe unfassbar gut aus, ich habe eine schöne Oberschenkelmuskulatur, sehr fein gezeichnet.“ Dies natürlich ist seine Einleitung zum Lob des Mannes an sich. Er schreit es hinaus: „Männer sind schon als Baby blau!“ Es folgt sein Lied des hysterischen Hahnreis: „Was soll das?“, schimpft er, und alle schimpfen mit ihm.
Für ein anderes Stück – „Herzhaft“ – hat Herbert Grönemeyer sich einen kleinen Tanz ausgedacht, den er seine Fans lehrt. Der Tanz heißt „Schulterwalzer“: „Kann man auch im Sitzen machen.“ Er weiß außerdem: „Es gibt Tanzkurse in Deutschland, die machen Grönemeyer-Tänze. Das dauert zwölf Minuten und kostet 72 Euro.“
Herbert Grönemeyers Energie erschöpft sich nicht, am Dienstagabend. Sein Konzert endet nur scheinbar mit „Bleibt alles anders“ – die Musiker sind fort, die Halle scheint schon hell zu werden, aber irgendwo ist da noch immer Grönemeyer und summt die Melodie des letzten Stückes. Und bald schon kehren die Musiker zurück, geht es weiter, und immer weiter. Er gibt Zugaben mit akustischen Begleitern, die bei ihm auf der Vorbühne stehen, das Akkordeon seufzen, die Gitarrensaite sirren lassen; es gibt Zugaben mit voller Bandbegleitung, bei denen die Lightshow noch einmal kunterbunte Farben ausschüttet, Grönemeyer den Mambo spielt, den Mambo tanzt und seinem Perkussionisten zujubelt.
„Einmal nur im Leben“
Es scheint, er möchte sich niemals von Stuttgart verabschieden. Zuletzt singt er „Einmal nur im Leben“, ein Lied mit einem Text von Goethe, das den Augenblick feiert, singt „Der Mond ist aufgegangen“, was mittlerweile zweifelsohne der Fall ist. Länger als zweieinhalb Stunden steht Herbert Grönemeyer auf der Bühne, und seine Fans können sich ganz sicher sein: Dieser 67-jährige will es noch einmal wissen.
Lange zuvor aber schon, bei seiner ersten Zugabe, sitzt er am Keyboard und lässt sich begleiten vom Kontrabass, verwandelt seinen alten Herzschmerzklassiker „Flugzeuge im Bauch“ in lässigen Bar-Jazz, spielt mit den Silben, grollt einer Dame, die ihn niemals wirklich liebte – um plötzlich, knapp, in einen Klassiker aus anderer Feder einzuschwingen. Er singt: „I can’t help falling in Love with you.“
In sein Stuttgarter Publikum hat Herbert Grönemeyer sich an diesem Abend offenbar wirklich verliebt. Er schwärmt von der Begeisterung, mit dem es seine Lieder singt, schwärmt davon, wie gut es die Töne trifft. Und er gibt ihm einen Rat: „Gründet einen Verein. Dann singt ihr einmal im Monat in der Schleyer-Halle!“