Nach und nach wird die Klosterseehalle Sindelfingen ausgeräumt. Drei Monate lang diente sie als Erstausstattungsstelle für ukrainische Flüchtlinge. Foto: Stefanie Schlecht

Nach drei Monaten hat die Erstausstattungsboutique von „Helfen statt Hamstern“ in der Sindelfinger Klosterhalle ihre Tore geschlossen. Nun werden letzte Ladungen mit Hilfsgütern für die Ukraine vorbereitet.

Umtriebig laufen Personen in gelben Warnwesten umher, verräumen Kisten oder fahren einen Hubwagen durch die Gänge. Doch so langsam leert sich der Bestand an Paletten, Kartons und Regalen in der Klosterseehalle. Drei Monate lang war die Erstausstattungsboutique des Vereins „Helfen statt Hamstern“ die Anlaufstelle für ukrainische Geflüchtete. Ob Kleidung, Spielsachen, Stühle oder Geschirr – in der Halle gab es so gut wie alles, was Menschen nach einer Flucht für den Neuanfang brauchen.

 

Mit dem Kompromiss von Bund und Ländern, ukrainischen Flüchtlingen ab 1. Juni Arbeitslosengeld II zu gewähren und damit vom Status der Asylsuchenden zu befreien, endet die Vor-Ort-Aktion von „Helfen statt Hamstern“ in der Klosterseehalle. Für die aus der Ukraine geflüchteten Menschen bedeutet das unter anderem, dass sie höhere Leistungen, Geld und je nach Bundesland auch Sachleistungen, und einen besseren Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten.

54 vollbepackte Lkws sind in die Ukraine gefahren

Die hauptsächlich von Privatleuten aus dem Kreis Böblingen gespendeten Alltagsgegenstände werden von jetzt an nicht mehr so dringend benötigt. Für „Helfen statt Hamstern“ heißt es nun, die letzten Paletten für das Kriegsgebiet abfahrbereit zu machen – und Bilanz zu ziehen. „In drei Monaten haben wir an sechs Tagen die Woche offen gehabt. Im Schichtsystem haben Freiwillige insgesamt 31 500 Kartons, 1750 Paletten und Gitterwägen und 54 Lastwägen gefüllt“, erklärt Heike Volz, einer der „HSH“-Ehrenamtlichen und so etwas wie die Hallenleiterin.

Zeitweise musste die Klosterseehalle die Annahme für Sachspenden einstellen. „Wir sind überlaufen, so viel haben Menschen spenden wollen“, lobt Volz die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung. Neben der Freude, dass sich die materielle Situation für viele Ukrainer verbessert, verspüren die Ehrenamtlichen ein Stück Wehmut, dass die Hilfsaktion ein Ende findet. „Es war eine intensive Zeit, in der man viele Freundschaften geschlossen hat und Menschen in der Not helfen konnte“, sagt Volz. 900 Helfer, ergänzt Heike Stahl, ebenfalls Ehrenamtliche, hätten sich registriert. Etwa 450 haben aktiv angepackt. „Jeder konnte etwas einbringen. Das hat uns als Gruppe bereichert“, so Stahl.

Unvergessliche Augenblicke auch für Freiwillige

Helfer Valentin, der gerade noch mit dem Hubwagen zwischen Paletten rangiert hat, fügt hinzu: „Wir sind alleine beim Beladen der Lkws, die nach Chelm und in die Ukraine gefahren sind, immer professioneller und effizienter gewesen. Es ist schon schade, dass das vorbei ist. Wir haben das Gemeinschaftsgefühl sehr geschätzt.“ Es seien Momente wie die Begegnung mit einer Mutter, die für ihre kleine Tochter ein Kinderfahrrad bekam und sich tief bewegt zeigte, die auch für Helfenden unvergesslich sind. „Ich erinnere mich auch an eine Szene, als eine Teenagerin sich so sehr über etwas Modeaccessoires freute, als ob es ein großes Geburtstagsgeschenk wäre“, erzählt Volz.

Anfangs hätte sich der Austausch mit den Flüchtlingen durchaus schwierig gestaltet. Das lag nicht nur daran, dass zu Beginn die Ukrainisch- und Russisch-Muttersprachler fehlten, sondern auch weil die vor Bomben und Raketen Geflohenen nicht viel reden wollten – zu traumatisch waren die Erlebnisse der Tage und Wochen zuvor. „Viele waren in sich gekehrt, fragten kurz nach bestimmten Dingen, die gerade gebraucht wurden und gingen wieder. Vor allem Kinder waren sehr eingeschüchtert von dem, was sie zuvor erleben mussten“, erzählt Volz von den ersten Märztagen, als das Hilfsprojekt in der Klosterhalle begann.

Ukrainische Flüchtlinge haben mitangepackt

Eine, auf die die Beschreibungen zutraf und die jetzt selbst Ehrenamtliche ist, ist Nadiia Semenchuk. Sie kam im März aus Kiew via „Zug, Bus, Bus, Bus, Zug“ nach Sindelfingen. Auf der kraftraubenden Flucht hatte Semenchuk 42 Stunden nicht geschlafen. „Ich habe Familie zurückgelassen. Da ich in Sindelfingen bereits Freunde hatte, bin ich hierher gekommen“, erläutert sie. Vor wenigen Monaten hatte sie noch in einer Firma für Mode und Schuhe gearbeitet. Nun verteilt sie in Warnweste Hilfsgüter an ihre Landsleute.

Frauen wie Nadiia Semenchuk waren auch wegen ihrer Sprachkenntnisse gefragt. „Als Übersetzerin habe ich einerseits zwischen Deutschen und Ukrainern vermittelt. Ich habe aber auch viel mit Geflüchteten gesprochen. Viele haben dann doch Redebedarf“, betont Semenchuk. Wie es für die alleinstehende Frau in Deutschland weitergehen soll? „Ich könnte mir vorstellen, hier zu bleiben und zu arbeiten.“ Sie könne sich aber auch eine Rückkehr nach Kiew vorstellen.

Im Moment könne aber niemand voraussagen, wann in der Ukraine ein normales Leben wieder möglich sein wird. Bei einem ist sich Nadiia Semenchuk aber sicher:„Wir Ukrainer wünschen uns einfach, dass wir wieder in Frieden leben können.“

Im Kreis Böblingen leben derzweit 3500 geflüchtete Ukrainer und Ukrainerinnen

Flüchtlinge
 Derzeit leben rund 3500 ukrainische Geflüchtete im Landkreis.

Unterbringung
 Der Großteil ist privat beziehungsweise in der Anschlussunterbringung bei den Städten und Gemeinden untergebracht. Da die Kapazitäten nahezu erschöpft seien, würden Neuankömmlinge verstärkt in vorläufigen Unterbringungen des Landkreises untergebracht, so das Landratsamt auf Anfrage. In Sindelfingen sind das derzeit zum Beispiel die Schulsporthalle an der Gottlieb-Daimler-Schule II oder die Eschenriedhalle.

Sammelaktionen
 Auch wenn die Hilfsaktion Klosterseehalle beendet ist, kann weiterhin gespendet werden. Geldspenden bei „Helfen statt Hamstern“ sind willkommen. Kontodaten: Förderverein der Initiative „Helfen statt Hamstern“ e. V., IBAN: DE 85603501300001110724. Weitere Infos auf der Website unter www.helfen-statt-hamstern.de/