Lager statt Parkplatz: Markus Knapp muss seit Monaten improvisieren. Besserung ist nicht in Sicht. Foto: Gottfried Stoppel/Gottfried Stoppel

Viele Aufträge, dankbare Kunden: Heizungsbauer sind mächtig am Schwitzen. Alle Welt, so erscheint es, will einen neuen Ofen. Unterwegs mit Markus Knapp aus Waiblingen, der ein zufriedener Mann sein müsste. Oder?

Wäre Markus Knapp ein ganz normaler Arbeiter, wäre sein Tag schon zur Hälfte rum, als er um halb elf am Morgen an einem Reihenhaus in Leutenbach (Rems-Murr-Kreis) klingelt. Doch Markus Knapp ist Geschäftsführer. Und weil er zudem nicht irgendein Geschäft führt, sondern ein Heizungsfachgeschäft, reicht die Zeit manchmal selbst dann nicht, wenn er von morgens um sechs bis abends um acht schafft. Alle Welt, oder zumindest ganz Deutschland, so erscheint es, will eine neue Heizung.

 

Selbst der Profi kommt ins Schwitzen

Natürlich gibt es Schlimmeres, als volle Auftragsbücher zu haben. Markus Knapp formuliert es so: „Besser ins Schwitzen kommen als Däumchen drehen.“ Doch das, was zurzeit abgeht, schlaucht selbst ihn, der seit 36 Jahren im Geschäft ist. Es ist ja nicht so, dass nur seine Firma kaum hinterherkommt. Und das alles passiert nicht erst seit gestern, und es wird mutmaßlich nicht so schnell besser. Denn das alles passiert ja, weil so ziemlich alles von dem, was wir als Ordnung kannten, in Unordnung ist.

Markus Knapp trägt feste Schuhe, eine seriöse Arbeitshose und ein Poloshirt, auf das das Firmenlogo gestickt ist. Er wirkt wie ein Geschäftsmann, ein bodenständiger Handwerker. Von einem wie ihm hängt das Wohl des Planeten maßgeblich mit ab. Er ist derjenige, der die Energie im Kleinen wendet: fossile Brennstoffe raus, nachhaltige rein. „Wir sind praktische Klimaschützer“, sagt Markus Knapp, der schon seit Jahrzehnten für Wärmepumpen, Solaranlagen oder Pelletheizungen wirbt. Allerdings wurden seine, nun ja, alternativen Vorschläge noch nie so offen aufgenommen wie jetzt.

In Leutenbach etwa soll er helfen, eine Ölheizung gegen eine Wärmepumpe zu tauschen. „Schauen wir uns den Übeltäter mal an“, sagt er und steigt in den Keller des Reihenhauses hinab. Zwei Stunden zuvor durfte er ein Ehepaar beraten, das eine alte Gasheizung ersetzen möchte. Und später möchten potenzielle Kunden alles über Solarthermie erfahren. Am nächsten Tag wird es ähnlich sein, und am übernächsten und am überübernächsten auch.

Putin treibt das Geschäft an

Genau genommen führt Markus Knapp einen Heizungs- und einen Sanitärbetrieb. Seine Eltern haben das Unternehmen 1967 gegründet. Fast immer in dieser Zeit haben sich das Bäder- und das Wärmegeschäft die Waage gehalten. Inzwischen ist das komplett anders. Neuer Kessel schlägt schicken Whirlpool – um Längen. Erst waren da die Aktivitäten von Fridays for Future, die bei manchem ein grünes Gewissen weckten. Dann kamen die viele Freizeit in der Coronapandemie, die Angst vor Strafzinsen sowie attraktivere Fördermöglichkeiten hinzu. Schließlich noch die steigenden Preise für Energie und zuletzt der Krieg in der Ukraine. „Putin tut den Rest dazu“, sagt Markus Knapp.

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Neulich, kurz nachdem der grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck die Frühwarnstufe des Notfallplans Gas ausgerufen hatte, sollte Knapp einem Kunden ein Angebot für den Einbau einer Wärmepumpe machen. Einem Kunden, dem er vor drei Jahren erst eine hochmoderne Gasheizung eingebaut hatte. Von der wollte er sich nun trennen. Das fand selbst Knapp krass. „Das hat mit Nachhaltigkeit nichts zu tun.“ Er hat dem Kunden von dem Vorhaben abgeraten.

Kein Platz mehr auf dem Parkplatz

Der Hof , in dem sonst Knapps Firmentransporter stehen, hat sich ebenfalls verändert – er hat sich in einen Hindernisparcours verwandelt. Man muss jetzt aufpassen, dass man nicht an einem der Kartons hängen bleibt, die dort stehen. Oder an einer Palette strauchelt oder über ein Lüftungsrohr stolpert, das auf seine Weiterverarbeitung wartet. Denn natürlich ist der Hof kein Parcours, sondern ein Lagerplatz. Markus Knapp nennt ihn Saustall, so zuwider ist ihm die Situation. Aber was soll er tun, wenn alles durcheinandergeht und gar nichts mehr planbar ist?

Da ist die Palette mit dem Pufferspeicher und dem Heizkessel für eine Gasbrennwertheizung, inklusive Zubehör für die thermische Solaranlage. Was fehlt, ist die Elektronik, die alles steuern soll.

Oder die Palette mit der Wärmepumpe. Solange der Gasbrennwertkessel dazu fehlt, ist an den Einbau erst mal nicht zu denken.

Und die Pakete mit den zwölf Sonnenkollektoren. Auf der Baustelle werden sie erst in fünf Wochen benötigt, doch Markus Knapp hat sie schon jetzt bestellt. Wer weiß, ob es noch welche gibt, wenn er sie tatsächlich braucht.

Unternehmer und Jongleur

„Das ist die Realität seit einem Jahr“, sagt der Unternehmer, der zum Terminjongleur geworden ist. Denn zu den Lieferengpässen in seiner Branche kommen weitere. Stahl, Holz, Dämm- und Kunststoffe, Schrauben – alles ist knapp, und alles hängt mit allem zusammen. Auf einer Baustelle in Ludwigsburg zum Beispiel konnte Knapp vier Wochen lang nicht weiterschaffen, weil das nötige Dämmmaterial fehlte. Und nicht zu vergessen Corona. Auf einer anderen Baustelle ging zwei Wochen nichts, weil sechs von Knapps 22 Mitarbeitern gleichzeitig infiziert waren.

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Es sagt viel, wenn der Fachverband Sanitär-Heizung-Klima Kunden rät, noch abzuwarten. Bis „die Hysterie wieder etwas abgeflacht ist“. Man kann bemerkenswert finden, wie sich Fachvokabeln plötzlich in aktiven Wortschätzen tummeln: Absorptionsgrad, Kombispeicher, Monoblock, Splitgerät, Brennwerttechnik? Alles klar!

Skeptische Forscherin

Man kann rührend finden, wie hochrangige Politiker nun simple Tipps zum Energiesparen geben. „Wenn man die Wohnung heizt und abends die Gardinen zuzieht, spart man bis zu fünf Prozent Energie“, sagt etwa Robert Habeck.

Und man könnte ermutigend finden, dass in den Kellern das Umdenken begonnen hat. Nach verdrängten Klimazielen, überhörten Appellen und ignorierten Protesten. Doch Anita Engels ist nicht ermutigt. „Ich bezweifle, dass sich hier gerade ein Systemwandel vollzieht.“

Nicht jeder kann sich die beste Heizung leisten

Anita Engels ist Professorin für Soziologie, an der Universität Hamburg forscht sie zu Globalisierung, Umwelt und Gesellschaft. Im vergangenen Jahr hat sie mit Kollegen untersucht, was sich alles ändern müsste, damit die Welt bis zum Jahr 2050 klimafreundlich ist. Das Fazit: Es sei unrealistisch, dieses Ziel zu erreichen. Die Herausforderung: so groß – die Bereitschaft zur Veränderung: so klein.

Das war vor zehn Monaten, zuversichtlicher ist Anita Engels seither nicht geworden. Denn tatsächlich wird ja nicht in jedem Keller eine neue Heizung eingebaut. Sondern vornehmlich dort, wo das nötige Geld vorhanden ist. Die Soziologin formuliert es so: Es ist ein „ein Milieu, wo Bildungsniveau und Ressourcen so verteilt sind, dass die Leute darüber nachdenken und es sich leisten können.“ Und das ist nicht die Mehrheit.

Kommt die neue Heizung rechtzeitig?

Trotzdem: Könnte der Boom bei neuen Heizungen nun nicht ein Anfang sein? Wenn man bedenkt, dass ein Tempolimit als Zumutung gilt, Inlandsflüge noch immer erlaubt sind und autofreie Sonntage nicht realistisch, will man die Antwort von Anita Engels lieber nicht hören. „Es ist erschreckend“, sagt sie. „Letztlich sind wir als Gesellschaft fest verankert im alten System.“

Zum Schluss noch mal kurz nach Leutenbach. Eine Wärmepumpe würde die Familie geschätzte 45 000 Euro kosten. Selbst mit der bestmöglichen Förderung von 55 Prozent bleibt ein mächtiger Eigenanteil. Doch an diesem Vormittag interessiert die Kunden vor allem, bis wann Markus Knapp die Anlage installieren könnte. Vor der nächsten Heizperiode? Nicht, dass man doch noch mal Öl bestellen muss.