Die Heizzentrale des Wärmenetzes in der Bruchsaler Südstadt ist in einem denkmalgeschützten Gebäude untergebracht. Foto: Stadtwerke Bruchsal

Bruchsal ist in Sachen Wärmewende weiter als die meisten Städte Baden-Württembergs, schon vor fünf Jahren wurde dort ein Plan erstellt. Nun läuft die Umsetzung – doch die notwendigen Investitionen sind riesig. Und nicht alle Bürger jubilieren.

Jetzt im Sommer liegt das Holzhackschnitzelkraftwerk – was für ein Zungenbrecher – in der Bruchsaler Südstadt im Dornröschenschlaf. Denn außer ein wenig Heißwasser braucht gerade niemand Wärme, und diese kleine Menge liefern locker die Solarpanels, die neben der Anlage aufgebaut sind. Das eigentliche Kraftwerk kann so ausbleiben. Im Winter aber pocht dieses Herzstück der Bruchsaler Wärmewende mit ganzer Kraft und pumpt Wärme in ein gut drei Kilometer langes Rohrnetz, das zu den gewerblichen Schulen, einigen Unternehmen und zu vielen Privathaushalten führt.

 

Sebastian Heilemann von den Stadtwerken Bruchsal ist mächtig stolz auf diese grüne Heizzentrale, die seit zwei Jahren in Betrieb ist und die übrigens in einem denkmalgeschützten Gebäude des Architekten Günter Behnisch untergebracht ist. Und doch sagt er, dass die Südstadt hoffentlich bald zu einer Art Spielzeug-Wärmenetz werde: „Denn wir denken um den Faktor 20 größer.“

Ziel sind 58 Prozent Fernwärme

Im Jahr 2050 soll die Wärme ohne fossile Brennstoffe produziert werden

Im Jahr 2018, als der Begriff Wärmeplanung der breiten Öffentlichkeit noch gar nicht bekannt war und als Robert Habeck nicht einmal in seinen Albträumen das Chaos um das Heizungsgesetz vorausahnte, hatte sich die Bruchsaler Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick (parteilos) aufgemacht, ihre Stadt zur Vorreiterkommune zu machen. Der Wärmeplan, den bis Jahresende alle Großen Kreisstädte im Südwesten vorlegen müssen, ist in Bruchsal schon seit vier Jahren fertig und umfasst auch den Strom- und Verkehrssektor.

Es geht bei einem solchen Plan darum, dass nicht jeder Hausbesitzer und jedes Unternehmen vor sich hin werkelt, sondern dass Potenziale bei der Wärmeerzeugung erkannt und gehoben werden und dass eine Stadt den Umbau dann koordiniert und mit ihren Stadtwerken teilweise auch finanziert. Wo etwa könnte die Abwärme eines Betriebes genutzt werden, wo lohnt sich ein Wärmenetz, was machen wir als Erstes? So soll die Wärmewende beschleunigt werden. In Bruchsal ist es das Ziel, bis 2050 die Wärme ohne fossile Brennstoffe zu erzeugen. Dann sollen 58 Prozent der Bruchsaler mit grüner Fernwärme heizen, der Rest mit grünen Einzelheizungen. Natürlich wurde auch in Bruchsal zuerst der Status quo erhoben, und der ist alles andere als vorbildlich: 2019 wurde dort noch zu 90 Prozent mit Öl und Gas geheizt; bundesweit liegt die Quote „nur“ bei 75 Prozent.

Doch seither ist einiges geschehen. So sind drei weitere kleine Wärmeinseln entstanden. Vor allem wurden im Wärmeplan alle Quartiere in der Kernstadt und in den Stadtteilen danach bewertet, ob sie sich für den Aufbau eines Wärmenetzes eignen. Das heißt, die Quartiere, in denen langfristig keine Fernwärme verfügbar sein wird, stehen bereits fest – die Hausbesitzer wissen, dass sie selbst aktiv werden und perspektivisch etwa eine Wärmepumpe oder eine Pelletheizung einbauen müssen. In einem Onlinetool kann jeder nachschauen, was für ihn gilt. Bei den potenziellen Fernwärme-Quartieren sei es entscheidend, den Bewohnern zu sagen, wann das Netz gebaut werde, betont die Oberbürgermeisterin, damit die Menschen planen können. Noch in diesem Jahr solle für die Innenstadt entschieden werden, wo die zentralen Stränge verlaufen, ergänzt Renate Korin, die Arten- und Klimaschutzbeauftragte der Stadt Bruchsal.

OB fordert eine Anschlusspflicht ans Fernwärmenetz

Was sich Cornelia Petzold-Schick aber wünscht, ist für die Haushalte eine Anschlusspflicht ans Fernwärmenetz, die das Land erlassen könnte. Dann hätten die Stadtwerke eine bessere Absicherung ihrer Investitionen. Denn selbst ein kleines Wärmenetz kostet schnell mal 20 Millionen Euro – das sei kaum zu stemmen. Daneben brauche es Fördergelder des Bundes. Claudia Hailfinger, die Sprecherin des Umweltministeriums, antwortet auf diesen Vorstoß aber ausweichend: Man werde alle Möglichkeiten zur Förderung von Wärmenetzen prüfen, sagt sie vage, aber alles müsse auch rechtlich machbar und für die Hausbesitzer zumutbar sein.

Bislang läuft es eher wie beim Breitbandausbau: Innerhalb einer Frist muss man entscheiden, ob man mitmacht. Alles ist freiwillig, weil der Bürger den Anschluss bezahlen muss. Das könne ein fünfstelliger Betrag sein, so Heilemann. Im Gegenzug fallen bei der Fernwärme die Kosten für eine neue Heizung weg, die bei einer Wärmepumpe bei 40 000 Euro liegen können. Dass ein Eigentümer bei der Fernwärme abhängig sei von der Preispolitik des Versorgers, lässt die OB als Argument nicht gelten: Beim Gas oder beim Wasser sei das auch nicht anders.

Doch das Netz zu bauen ist das eine, es mit grüner Wärme zu füttern das andere. Denn es nutzt ja nichts, ein Fernwärmenetz zu errichten, für das die Wärme aus einem Gaskraftwerk kommt. Und da besitzt Bruchsal ein gewaltiges Ass im Ärmel, das Städte wie Stuttgart, Tübingen oder Ulm nicht haben: Tief im Boden blubbert mehr als 100 Grad heißes Thermalwasser vor sich hin. Die tiefe Geothermie soll in Bruchsal die alles entscheidende Rolle spielen, sie sei der „Gamechanger“, wie Sebastian Heilemann sagt. Sie könnte allein fast zwei Drittel der benötigen Wärme in Bruchsal liefern. Der Rest könnte durch die Solarthermie, durch Abwärme aus dem Abwasser und eben durch grüne Einzelheizungen gedeckt werden.

Schon heute läuft in Bruchsal eines von bisher nur wenigen Geothermie-Kraftwerken in Baden-Württemberg. Es gehört der EnBW, produziert im Moment aber nur Strom. Geplant ist eine zweite Bohrung, um damit die Hochschule der Polizei und die Bereitschaftspolizei zu beheizen. Kostenpunkt: ebenfalls rund 20 Millionen Euro.

Geothermie als Ass im Ärmel

Daneben will sich Bruchsal über eine Fernleitung an die Geothermie-Anlage im zehn Kilometer entfernten Graben-Neudorf anschließen lassen, die derzeit von der Deutschen Erdwärme gebaut wird. Ab 2027 könnten das Kraftwerk und auch die Leitung, die noch weiter bis Bretten verlaufen soll, fertig sein. Auch hier geht es um viel Kapital. Deshalb haben sich erst vor wenigen Wochen die drei Stadtwerke in Ettlingen, Bruchsal und Bretten sowie zehn Städte und Gemeinden zu einer Projektentwicklungsgesellschaft zusammengeschlossen.

Gegen die tiefe Geothermie gibt es noch viele Vorbehalte

Dass viele Bürger Vorbehalte gegenüber der Geothermie haben, ist auch in Bruchsal eine Tatsache. Viele Menschen fürchten Erdbeben und in der Folge Schäden an ihren Häusern. Aber gerade Bruchsal zeige doch, argumentiert Cornelia Petzold-Schick, dass die tiefe Geothermie eine sichere Sache sei: „Seit Jahrzehnten beweisen wir, dass die Tiefengeothermie in Bruchsal funktioniert, ohne dass es seismische oder andere Probleme gibt.“ Und sie fügt hinzu: „Wir Kommunen haben gerade alle Probleme gleichzeitig – fehlende Kitaplätze, Flüchtlingsunterbringung, fehlendes Personal. Aber für den Klimaschutz gibt es nur ein sehr enges Zeitfenster. Das müssen wir deshalb jetzt anpacken.“