Ein alltägliches Bild in Stuttgart: Stau im Berufsverkehr wie hier im Bild auf der Heilbronner Straße. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Zu viele Autos, zu wenig Parkplätze, schlechte Radwege und marode Straßen: Die Verkehrssituation in Stuttgart schneidet bei unserer Umfrage Heimat-Check schlecht ab – dabei stehen einigen Stadtbezirke besonders im Fokus. Doch wie kann das Chaos in geordnete Bahnen gelenkt werden?

In Sachen Verkehr hatte Stuttgart nicht den besten Ruf. Jahrelang stand die Schwaben-Metropole im bundesweiten Stauranking an erster Stelle. Mit diesem durchaus fragwürdigen Titel darf sich laut dem Verkehrsanalyse-Spezialisten Inrix seit 2022 München schmücken. Stuttgart taucht in dieser Liste nicht einmal mehr in den Top Ten auf. Dennoch brennt offensichtlich beim Thema Verkehr der Baum nach wie vor auf Stuttgarts Straßen. Das zeigt das Ergebnis des Heimat-Checks unserer Zeitung. Diese Kategorie steht auf dem drittschlechtesten Rang. Gerade einmal 4,49 Punkte vergaben unsere Leserinnen und Leser – nur Digitalisierung/Energie/Klima (4,48) und der Immobilienmarkt (3,95) schnitten noch schlechter ab.

 

Mehr als 11 000 Teilnehmer beim Heimat-Check Stuttgart

An dieser Stelle sei noch einmal betont, dass trotz der mehr als 11 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Umfrage nicht repräsentativ ist. Die Ergebnisse sind die Summe von persönlichen Wahrnehmungen und Einschätzungen aus den 23 Stadtbezirken und sind mehr als Stimmungsbild zu bewerten. Dennoch, wenn das Thema Verkehr von zehn möglichen Punkten im Durchschnitt nur 4,49 Punkte ergattert, so sollte das einen Handlungsbedarf für Stadtverwaltung und Kommunalpolitik aufzeigen.

Zwei Fragen galt es für unsere Leserinnen und Leser zu beantworten: „Wie hoch ist die Belastung durch den Straßenverkehr?“ und „Wie bewerten sie die Parkplatzsituation in ihrem Stadtbezirk?“. 5,82 Punkte sammelte der Stadtbezirk Botnang und erzielt damit das beste Ergebnis von den insgesamt 23 Stadtbezirken. Die 5-Punkte-Marke übersprungen haben auch noch Birkach (5,69), Obertürkheim (5,44), Stuttgart-Nord (5,11) und Münster (5,08).

Nur wenig Punkte aus den Innenstadt-Bezirken

Stuttgart-West und Stuttgart-Mitte liegen am Ende des Rankings mit 3,40 und 3,28 Punkten. In beiden Innenstadtbezirken wird oft kritisiert, dass es zu viele Autos und zu wenig gut ausgebaute Radwege gibt. Die Folgen: Fahrradfahrer benutzen die Gehwege, zumal viele Fahrbahnbeläge, vor allem im Stuttgarter Westen, teilweise in einem katastrophalen Zustand sind („Überall sind Schlaglöcher“). Ein Teilnehmer aus der Innenstadt schlägt vor, aus der Tübinger Straße (bisher ein Shared Space) eine Fußgängerzone zu machen: „Die Lebensqualität könnte durch Reduktion des Autoverkehrs massiv verbessert werden.“ Allerdings warnen auch etliche Leserinnen und Leser vor einem weiteren Rückbau von Parkplätzen in der City.

Hauptproblem ist der Wilhelmsplatz

Dass zwei Innenstadtbezirke über zu viel Verkehr und unter einem hohen Parkdruck leiden, war nicht überraschend. Ebenso verwundert es nicht, dass die Mängelliste in Bad Cannstatt ziemlich lang ist und die 1022 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht viele Punkte vergeben wollten. 3,45 Punkte reichten nur zum drittletzten Platz. Ob auf Haupt- oder Nebenstraßen, Autofahrer brauchen in Stuttgarts größtem Stadtbezirk starke Nerven und viel Zeit.

Als Stau-Hotspot wird von den „Heimat-Checkern“ der Wilhelmsplatz genannt, der täglich von mehr als 40 000 Fahrzeugen überquert wird und stündlich 80 Stadtbahnfahrten verarbeiten muss. „Macht den Wilhelmsplatz autofrei“, forderte deshalb ein Teilnehmer mit dem Hinweis, dass Auto, Fahrrad und ÖPNV dort niemals unter einen Hut zu bekommen sind.

Tunnellösung wohl viel zu teuer

Ob sich das Chaos rund um den Verkehrsknoten in absehbarer Zeit in geordnetere Bahnen lenken lässt? Die CDU lässt hierbei nicht locker und hat vor wenigen Monaten erneut eine abgespeckte Tunnellösung angeregt. Stephan Oehler, Leiter der Abteilung Verkehrsplanung und Stadtgestaltung beim Amt für Stadtplanung und Wohnen, ist da skeptisch. „Was Mineralwasser und Tunnelportale angeht, halte ich es für schwierig“, so der Verkehrsexperte. „Aber vielleicht sollte die Stadt einmal untersuchen lassen, was in diesem Bereich mit einem Tunnel möglich wäre.“

Eine Chance sieht Stephan Oehler dagegen im neuen Verkehrsstrukturplan (VSP), den die Stadtverwaltung erstellen lässt und den sie bis Ende 2024 dem Gemeinderat zur Diskussion präsentieren möchte. Neben Bad Cannstatt soll laut dem Verkehrsexperten auch für die Stadtbezirke Mühlhausen (Platz 6 im Ranking mit 4,99 Punkten) und Feuerbach (Platz 16 mit 4,06 Punkte) ein neuer VSP erstellt werden – natürlich jeweils mit großer Bürgerbeteiligung.

Baustellen und marode Brücken in Stuttgart

Was in Bad Cannstatt den Bürgern ebenfalls auf den Nägeln brennt, sind neben den vielen Baustellen (allen voran der Leuzeknoten) auch die marode Rosensteinbrücke und die Wilhelmsbrücke, die für den Autoverkehr gesperrt worden ist. Ein Thema, das nicht nur die Autofahrer nervt, der Cannstatter Einzelhandel sieht sich immer mehr in seiner Existenz bedroht, da potenzielle Kunden wegen der umständlichen Anfahrt die Altstadt meiden.

Doch nicht nur im Neckartal herrscht offenbar Handlungsbedarf. „Vaihingen erstickt im Straßenverkehr“, so ein Leser und verweist auf die Großprojekte von Daimler und Allianz, die dem Stadtbezirk nicht nur ein neues Gesicht geben, sondern auch für jede Menge Verkehrs- und Parkplatzprobleme sorgen werden. Nach Sanierung schreit in Vaihingen neben vielen Straßen („Stellenweise unzumutbar“) auch die Brücke über die Fauststraße („Völlig marode“) sowie der Belag auf dem Marktplatz („Stolperfalle für Ältere“).

Schleichverkehr in Weilimdorf

Und im Stuttgarter Norden? Ein Teilnehmer des Heimatchecks aus Weilimdorf fordert wenig Autos auf der Solitudestraße, Parkraumbewirtschaftung sowie bessere und mehr Radwege. Ebenso wird kritisiert, dass es zu viel Schleichverkehr im Stadtbezirk gibt. Vor allem dann, wenn auf der Autobahn mal wieder Stau herrscht oder auf der Umgehungsstraße (B 295) Brücken- oder Sanierungsarbeiten anstehen. Dann herrscht Stop-and-go im ganzen Ortskern.

Im Nachbarbezirk Zuffenhausen träumt ein Teilnehmer von einem Zuffenhausen, in dem überall Tempo 30 gilt – auch auf der Bundesstraße. Ein anderer fordert Gratisparken im ganzen Bezirk. Realistischer scheint da schon der Umbau der Friedrichswahl, dessen zügige Umsetzung ebenfalls im Heimat-Check gefordert wird. Egal ob kurzer (kostet rund 97 Millionen Euro) oder langer Tunnel (etwa 380 Millionen Euro), auf eine Realisierung wird man in Zuffenhausen noch warten müssen. „Das Tiefbauamt sieht sich angesichts ihrer langen To-do Liste, der maroden Brücken und auch wegen des Personalmangels nicht in der Lage, die Umsetzung planerisch voranzutreiben“, so Stephan Oehler.