Die Seeschlange Hydrophis pachycercos zählen zu den giftigsten Schlangenarten überhaupt. Wissenschaftler entdecken immer häufiger, dass mit den tierischen Giften auch Krankheiten geheilt werden können. Klicken Sie sich durch die Bildergalerie. Foto: dpa

Zu den wirkungsvollsten Waffen der Tierwelt zählt Gift. Paradoxerweise entdecken Wissenschaftler immer häufiger, dass mit den tierischen Giften auch Krankheiten geheilt werden können.

Schladen - Jürgen Hergert lebt in einer wahren Schlangengrube. 700 Giftschlangen züngeln auf seinem Hof im Harz – allerdings alle gut geschützt in Terrarien. Der 71-Jährige geht durch die Reihen seiner Schlangenfarm, schaut in die Behälter und greift blitzschnell zu. Mit festem Griff umfasst Hergert den Kopf einer rostroten Viper, des nordamerikanischen Kupferkopfs, und drückt das weit aufgerissene Maul an einen Becher. Bernsteinfarben rinnt das Gift am Rand entlang.

Die Ernte lohnt sich. Denn für Pharmaunternehmen sind Schlangengifte äußerst begehrt – für die Herstellung von Heilmitteln. Von dem Gift der Kupferkopf-Viper etwa erhoffen sich die Forscher ein Mittel gegen Thrombose. Denn es enthält Toxine, die die Blutgerinnung hemmen.

Das klingt paradox. Doch tatsächlich eignen sich die chemischen Bestandteile vieler tierischer Giftstoffe auch dazu, die Beschwerden von Menschen zu lindern. Angefangen hat diese Wissenschaft vor rund 80 Jahren. Damals wurde entdeckt, dass der Biss der brasilianischen Lanzenotter zu einem drastischen Blutdruckabfall führt. Später wurde der verantwortliche Wirkstoff isoliert und daraus eine Arznei mit einem ähnlichen Effekt entwickelt – die Grundlage für den ersten ACE-Hemmer. „Damit hat das Schlangengift sozusagen die Idee für dieses Medikament geliefert“, sagt Rolf Hömke vom Verband Forschende Arzneimittelhersteller. „Daneben dienen Schlangengifte aber auch dazu, Antiseren zu produzieren.“ Werden solche Gegengifte gleich nach einem Biss gespritzt, können sie lebensrettend sein.

Und noch längst sind nicht alle Gifte entschlüsselt. So fördert die EU derzeit mit sechs Millionen Euro das Projekt Venomics, das Tiergifte – sogenannte Toxine – erforscht. Im Rahmen des Projekts soll das Gift von 200 Tierarten untersucht werden, ­darunter Schlangen, Skorpione, Spinnen, Wespen und Meeresschnecken.

Schon zwölf Medikamente auf Markt

„Bis heute wurden lediglich etwa 3500 ­Toxine entschlüsselt“, sagt der Biologe Pierre Escoubas, der das Projekt leitet. Das sei nur die Spitze des Eisbergs. Schließlich lebten auf der Welt 100.000 verschiedene giftige Tierarten. „Das Potenzial der unentdeckten Giftstoffe ist gigantisch.“

Insgesamt zwölf Medikamente sind schon auf dem Markt. Das Schmerzmittel Prialt beispielsweise wurde aus dem Gift der ­Kegelschnecke entwickelt und ist seit 2006 in der Schweiz zugelassen. Es wirkt tausendmal stärker als Morphium, macht aber nicht süchtig. Byetta wiederum geht auf ein Protein im giftigen Speichel der Krustenechse zurück. Das Mittel hilft Diabetikern, ihren Blutzuckerspiegel stabil zu halten. Vor wenigen Wochen veröffentlichte ein amerikanisches Forscherteam, dass die Substanz ShK-186, die aus dem Gift der Sonnenanemone entwickelt wurde, gegen Übergewicht helfen könnte.

Auch indirekt können Gifte heilen: Ein Toxin des Gelben Mittelmeerskorpions heftet sich an Krebszellen in Hirntumoren. Forscher markieren das Toxin mit einem Farbstoff und können auf diese Weise das Tumorgewebe vom gesunden Hirngewebe unterscheiden – das größte Problem bei der chirurgischen Entfernung von Krebszellen.

In Uetersen bei Hamburg ist man ebenfalls fleißig am Forschen. In der Schlangenfarm des Pharmaunternehmens Nordmark leben rund 600 Malaiische Grubenottern, aus deren Gift sich das gerinnungshemmende Enzym Ancrod gewinnen lässt. Ein Medikament mit diesem Wirkstoff ist bereits als Mittel gegen die sogenannte Schaufensterkrankheit, eine Durchblutungsstörung, zugelassen. Nordmark setzt jetzt auf neue Anwendungen. Erste klinische Studien seien bereits angelaufen, so die Geschäftsleitung.

„Die Gifte sind Cocktails aus pharmazeutisch hochwirksamen Naturstoffen“

Ein Wissenschaftler, der vom großen Potenzial der Schlangengifte überzeugt ist, ist der Biochemiker Johannes Eble von der Uni Frankfurt am Main. „Die Gifte sind Cocktails aus pharmazeutisch hochwirksamen Naturstoffen.“ Meistens wirken die Gifte auf mehrere Organsysteme gleichzeitig. Eble interessiert sich vor allem für Toxine, die Blutungen auslösen – solche sind in den meisten Vipern-Giften enthalten. Dahinter steckt das Ziel, neue Medikamente zu entwickeln, die das Blut verflüssigen und gegen Thrombosen wirken. Solche Blutgerinnsel können Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Embolien auslösen.

Eble versucht nun, gerinnungshemmende Einzelkomponenten aus den Giften zu isolieren und ihr Wirkprinzip zu bestimmen. Diese Struktur will er synthetisch so nachbauen, dass der Effekt erhalten bleibt, aber unerwünschte Nebenwirkungen – wie etwa eine Reaktion des Immunsystems – vermieden werden. Andere Forscher setzen alles daran, Toxine allein aus der Erbgut-Information der Giftdrüsen nachzubauen.

Solche Verfahren werden immer wichtiger. Denn die Gewinnung von Tiergiften ist recht schwierig: zum einen, weil die Tiere oft gemolken werden müssen, um eine ausreichende Menge Gift zu bekommen. Zum anderen können die meisten Gifttiere nicht in Labors gehalten werden. Viele leben in schwer zugänglichen Regionen. Entsprechend hat auch Venomics mehrere Expeditionen nach Französisch-Guayana und Polynesien organisiert.

Sorgen bereiten den Forschern allerdings der Artenschwund. Denn mit jedem giftigen Tier, das ausstirbt, verschwindet auch eine Chance auf neue Heilmittel.

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