In der Corona-Pandemie wurde massiv gegen Kinderrechte verstoßen, sagt der Heidelberger Philosoph Christoph Schickhardt. Warum er als Lehren daraus unter anderem Schulferien abschaffen und reiche Rentner zur Kasse bitten will.
Recht auf Bildung, Kindeswohl und Mitsprache. All diese Kinderrechte habe die Politik in der Pandemie nicht beachtet, schreibt der Philosoph Christoph Schickhardt in seinem neuen Buch „Nicht systemrelevant“ und fordert nicht nur eine Grundgesetzänderung.
Herr Schickhardt, was haben Sie als Philosoph und Kinderethiker in der Pandemiezeit gelernt?
Die Pandemiepolitik war ein Lehrstück über den Stellenwert junger Menschen in unserer Gesellschaft. Sie wurde über Kinder und Jugendliche hinweg gemacht, ohne sie anzuhören, ohne ihre Bedürfnisse und Rechte in den Blick zu nehmen. Die Schulschließungen und die Kontakteinschränkungen zum Beispiel im Jugendschutz konnten sich allerdings nur so gravierend auswirken, weil das System vorher schon defizitär war. Wir wissen zum Beispiel seit Jahren, dass der familiäre Hintergrund maßgeblich über Bildungserfolg mitentscheidet. Es gibt nicht genug psychiatrische und psychotherapeutische Unterstützung für junge Menschen. Wir sind mit Einrichtungen in die Pandemie gestartet, die bedürftige Kinder schon vorher nicht ausreichend unterstützen und schützen konnten – umso weniger in der Krise.
Welche Kinderrechte wurden aus Ihrer Sicht verletzt?
Das Problem in Deutschland ist, dass etwa das Recht auf Bildung nicht im Grundgesetz festgeschrieben ist. Und die Rechte der UN-Kinderrechtskonvention, die Deutschland 1992 unterschrieben hat, sind nicht bindend. Ich kann aus kinderethischer Perspektive sagen, dass massiv gegen die Rechte auf Bildung, Gesundheit, Wohlbefinden und Kindesschutz, auf Partizipation und Mitsprache verstoßen wurde. Es gab auch kein Bewusstsein dafür. Die Diskussion, ob die Eingriffe verhältnismäßig und die Lasten gerecht verteilt sind, wurde pauschal mit dem Hinweis auf das Gebot der Solidarität beendet.
Aber war das nicht verhältnismäßig, um Ältere und Vulnerable zu schützen?
Natürlich mussten Kinder und Jugendliche ihren Beitrag leisten. Ich will auch nicht das Virus und seine Gefährlichkeit leugnen. Aber wie die Maßnahmen gemanagt wurden, war katastrophal. In den ersten Krisenwochen im Frühjahr 2020 waren Kita- und Schulschließungen erst einmal plausibel. Aber man hat mit diesem Ansatz bis in den Sommer 2021 weitergemacht, ohne zu evaluieren, wie wirksam solche Schließungen überhaupt sind, ob es gleichwertige Alternativen zum Schutz der Älteren gäbe und welchen Schaden sie bei Kindern anrichten.
Wie hätte man Kinder in Entscheidungen einbeziehen können?
Es gibt verschiedene, auch erprobte Arten, Kinder und Jugendliche zu beteiligen. Zum Beispiel über regionale Kinderparlamente, Klassensprecher, Schulsprecher oder Interessenvertreter. Für kleinere Kinder können auch die Eltern sprechen.
Als die damalige Kultusministerin Susanne Eisenmann Kitas und Schulen Anfang 2021 öffnen wollte, wurde sie angefeindet, unter anderem von Eltern.
Natürlich gab es Eltern, die große Bedenken hatten und ihre Kinder oder andere Familienmitglieder schützen wollten. Allerdings wusste man ziemlich früh, dass das Virus – abgesehen von Ausnahmen – für Kinder ungefährlich war. Man hätte den Unterricht in Präsenz nicht verpflichtend machen müssen, aber für Kinder anbieten, denen zu Hause Unterstützung fehlt.
Sie fordern als eine Lehre aus der Pandemie, dass Eltern bei Wahlen zusätzliche Stimmen für ihre Kinder haben sollten.
Es gibt in Deutschland 14 Millionen minderjährige Kinder, die zumindest bei Bundestagswahlen nicht wählen dürfen. Das ist per se erst einmal ein Problem der mangelnden Vertretung. Ich bin auch überzeugt, dass die Politik eine andere wäre, wenn Volksvertreter diese jungen Wählerstimmen im Blick haben müssten. Ich stelle es mir so vor, dass Eltern stellvertretend die Stimmen ihrer Kinder abgeben könnten, aber die Pflicht hätten, sie ab einem gewissen Alter, zum Beispiel ab zehn, in ihre Entscheidungen einzubeziehen. Und ab 16 Jahren könnten diese selbst wählen. Wenn es bleibt wie jetzt, bekommt die ältere Bevölkerungsgruppe durch die demografische Entwicklung immer mehr Gewicht.
Wohlhabende Senioren sollten Kindern, die für sie in der Pandemie Opfer brachten, etwas zurückgeben, schreiben Sie. An was denken Sie?
Die Pandemie wirkt stark nach. Manche Kinder und Jugendliche haben Lernlücken, andere psychische Probleme. Gerade Mädchen und Jungen aus finanzschwachen oder bildungsfernen Milieus haben in der Pandemie gelitten und Nachwirkungen. Auf der anderen Seite gibt es Paare um die 70, die gut durch die Pandemie kamen und durch steigende Aktienkurse ihren Wohlstand nährten. Es wäre aus meiner Sicht gerecht, sie nun stärker finanziell zu belasten, um den besonders betroffenen Kindern zu helfen. Außerdem sollte sich jeder überlegen, wie er sich ehrenamtlich einbringen kann, etwa als Sporttrainer oder Tutor in der Hausaufgabenbetreuung.
Welche Schlüsse ziehen Sie aus der Bildungspolitik der Coronazeit?
Grundsätzlich: Für Kinder gilt die Schulpflicht, was einen enormen Eingriff in ihr Leben darstellt. Aber die Schule ist ihnen umgekehrt zu kaum etwas verpflichtet. Es gibt keine Leistungs-, Rechenschafts- und Transparenzpflicht der Bildungseinrichtungen, dabei bestimmen diese das Leben der Kinder und Eltern über sehr viele Jahre. Dem Schulzwang, den der Staat notfalls mit Polizei durchsetzen kann, sollten auch Pflichten der Schulen entsprechen, etwa dazu, dass die Schüler wirklich angemessene Bildungsunterstützung erhalten. Außerdem müssten sie transparent machen, was dort vor sich geht, wie Ausstattung, Unterrichtsausfälle und Lernerfolge sind, was sie tun, damit Kinder sich gut entwickeln. Die Schule muss auch zu einem Ort werden, an dem sich Kinder nachweislich sicher und wohlfühlen. Andernfalls lässt sich die pauschale Schulpflicht ethisch nicht rechtfertigen.
Sie wollen auch die Schulferien abschaffen. Das dürfte den Kindern, für die Sie sprechen wollen, nicht so gut gefallen.
Ich hätte es mir als Schüler nie träumen lassen, dass ich das mal fordere! Aber es ist doch angesichts der Herausforderungen nicht mehr zeitgemäß, Schulen fast vier Monate im Jahr zuzumachen. Es gibt viele Kinder, die in dieser Zeit weiterhin einen Ort bräuchten, wo sie spielen, sich wohlfühlen, etwas lernen können, gefördert werden. Das wäre ein sinnvolles Mittel, um die sozialen Unterschiede in Kita und Schulen besser aufzufangen. Natürlich müsste man bei solchen Reformschritten Kinder und Eltern einbeziehen. Das muss ja auch kein Zwang sein und nicht alles von Lehrkräften geleistet werden. Auch hier könnte sich die Zivilgesellschaft dann noch mehr einbringen.
Warum stehen die Rechte, die Sie fordern, bislang nicht im Grundgesetz?
Es gab die Diskussion darüber zuletzt in der Zeit der großen Koalition unter Angela Merkel, aber am Ende ist nichts passiert. Gegen eine starke Platzierung von Kinderrechten gibt es Bedenken, vor allem von konservativer Seite. Etwa, dass eine Stärkung der Kinderrechte immer auf Kosten der Elternrechte gehe, dass der Staat dann zu leicht in Erziehung eingreifen kann, Familien überwacht und zerstört. Das ist das Schreckgespenst.
Was würde sich ändern, wenn diese Rechte im Grundgesetz stünden ?
Man würde diese klar und explizit ins Bewusstsein von Politik und Gesellschaft rufen. Ein Ziel wäre, dass der Staat aktiver werden muss, um gefährdete Kinder zu schützen, also Gefährdungslagen frühzeitig und systematisch identifiziert und Familien noch früher Hilfe und Unterstützung anbietet.
In Ihrem Buch zitieren Sie Bernhard Schlink, der in seinem Roman „Der Vorleser“ schreibt, die Philosophie habe die Kinder vergessen. Wie ist das gemeint?
Seit der Antike bis Anfang des 19. Jahrhundert hat sich die Philosophie selbstverständlich auch mit kinderethischen Fragen der Erziehung beschäftigt. Das findet man von Platon über Kant bis ins frühe 20. Jahrhundert. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es verloren. Man überließ Kinder der Pädagogik und den Erziehungswissenschaften. Aber diese beschäftigen sich weniger mit grundsätzlichen ethischen Fragen wie den Zielen von Erziehung oder Kinderrechten.
Heißt es in Philosophenkreisen über Kollegen wie Sie, „ach, der kümmert sich ja nur um Kinder“?
Nein, das würde ich nicht sagen. Seit gut 15 Jahren ändert sich in Deutschland etwas, und die Kinderethik bekommt mehr Gewicht. Sie ist ein zunehmend anerkanntes Gebiet der Philosophie.
Kinderethiker aus Ludwigsburg
Der Mann
Geboren 1978 in Ludwigsburg, wächst Christoph Schickhardt dort auf, geht aber die letzten Jahre in Italien zur Schule. Von 1999 bis 2005 studiert er Philosophie an den Universitäten von Pavia, Italien, und Lausanne, Schweiz. Seine guten Italienischkenntnisse bringen ihm von 2005 bis 2006 einen Job als offizieller Dolmetscher des VfB Stuttgart ein, wo er für Cheftrainer Giovanni Trapattoni übersetzt.
Kinderethiker
Nach einer Promotion zur Kinderethik arbeitet Schickhardt seit 2013 in Heidelberg als Wissenschaftler im Bereich Ethik der Biomedizin am Deutschen Krebsforschungszentrum. 2024 erschien sein Buch „Nicht systemrelevant – Eine Aufarbeitung der Corona-Politik aus kinderethischer Sicht“ im Suhrkamp Verlag (18 Euro).