Marilyn Manson ist einer der vielen Heavy-Acts, der im November in Stuttgarter gastiert. Foto: Nicholas Alan Cope

Die Musikindustrie nennt das „Konzertsaison“, die Fans sagen „Freizeitstress“. In den kommenden Monaten geben sich die Bands auf Stuttgarter Bühnen förmlich die Kabel in die Hand. Auch weil sie können. Doch hauptsächlich: weil sie müssen.

Stuttgart - Die Musikindustrie sprüht förmlich vor zeitgemäßen Geschäftsmodellen, die Künstler sind dennoch ratlos. Durch Plattenverkäufe verdienen heute nur noch die wenigsten ­Musiker ihre Miete. Die Erlöse aus dem Streaming von Aldi bis Apple reichen in den meisten Fällen gerade noch für zwei Schokoriegel an der Tankstelle. Weit ertrag­reicher beziehungsweise die letzte Einnahmequelle: das Merchandise- und Livegeschäft. Die alte Rock’n’Roll-Tugend Bühnenschweiß als letzte Karriereoption.

Das Resultat: Wer sich zum Beispiel nur ein bisschen für härtere Rockmusik interessiert, hat anstrengende Monate vor sich. In den Arenen und großen Hallen geben sich da u. a. Mötley Crüe, Marilyn Manson, Slayer, Motörhead, Five Finger Death Punch, Judas Priest und Deep Purple die Kabel in die Hand. In den kleineren Hallen und Clubs buhlt derweil der Untergrund mit u. a. Mantar, Shining, Carcass, Kadavar, Die Nerven, Schmutzki oder Itchy Poopzkid um Beachtung. Wer sich nun zusätzlich noch für „normale“ Popmusik interessiert, kann dazu Tocotronic, Boy, Sido, Tyler Ward, Fat Freddy’s Drop, Sophie Hunger, Fettes Brot, K.I.Z. oder Kraftwerk im Kalender notieren. Ferndiagnose von Dr. Google: Burn-out wegen Freizeitstress.

Der Konzertkalender ist abartig voll

„Der Herbst und Winter waren schon immer voll mit Konzerten, aber heuer ist der Kalender abartig voll“, sagt Matthias Mettmann vom Stuttgarter Konzertveranstalter Chimperator Live und Mitbetreiber der neuen Konzerthalle Im Wizemann. „Das liegt nicht nur daran, dass Tourneen für Künstler lukrativer als Plattenverkäufe sind. Mittlerweile gibt es auch ein Überangebot an großen Festivals im Sommer.“

In deren Verträgen werden Künstler unter anderem angehalten, innerhalb eines gewissen Zeitraumes und Radius um das Festival keine weiteren Konzerte zu spielen. „Gebietsschutz“ nennt sich das. Neu ist das nicht, doch seit der Festival-Markt immer größer wird, sind diese Auswirkungen bis in den kleinesten Club spürbar. „Auch der ­Februar und der März sind deshalb voll mit Clubshows. Das ist meist die Schmerzgrenze für die Künstler, gleichzeitig auch noch im Sommer die großen Festivals spielen zu ­können.“ Kurz: Wer sich als Künstler im Sommer bei den großen Open Airs präsentieren möchte, spielt das neue Geschäfts­modell lieber mit. Denn natürlich hat auch die Musikindustrie längst begriffen, dass man ein Konzerterlebnis nicht downloaden kann.

Wer soll das bezahlen?

Abgesehen von der Freizeit, stellt sich für Fans dennoch immer diese eine Frage: Wer soll das denn bezahlen? Selbst abgestandene Bands wie Mötley Crüe gehen auf ihrer Abschiedstournee ein letztes Mal sprichwörtlich an die Börse: Tickets für deren Konzert in der Schleyerhalle kosten zwischen 85 und 125 Euro. Sicherlich, der Schlagzeuger ­Tommy Lee (Ex von Pamela Anderson) fährt ­zumindest beim Schlagzeugsolo mit einer Art Achterbahn über die Bühne und trommelt kopfüber an der Hallendecke. Doch wer deren Sänger Vince Neil je live quietschen und krächzen hörte, weiß: das ist eine miserable Dienstleistung.

Künstlern da finanzielle Raffgier vorzuwerfen greift allerdings auch nicht: ihre Musik geistert schließlich seit Jahren zu Dumpingpreisen oder illegal beziehungsweise kostenlos durch das Internet. Es ist in Ordnung, wenn Musiker zumindest an Ort und Stelle dafür bezahlt werden wollen. Das wiederum liegt in den Händen der Fans, sie werden den Markt regulieren. Oder wie ­Mirjam Aichele vom Veranstalter Music Circus sagt: „Daran hat sich auch durch das große Angebot nichts geändert: Entweder ein Thema ist heiß oder eben nicht.“

Motörhead und Slayer sind ausverkauft

Im seit jeher recht ertragsreichen Heavy- Metal-Geschäft schließen sich die Topacts derweil zusammen, anstatt sich gegenseitig die Butter vom Brot zu nehmen. Die „Deathcrusher“-Tour beispielsweise: Da machen mit Carcass, Napalm Death, Obituary und Voivod gleich vier etablierte Künstler gemeinsame Sache und nehmen mit Herod noch eine junge Band mit ins Boot – für übrigens knapp 30 Euro. Die US-Thrash-Metal-Band Slayer geht derweil mit der Legende Anthrax auf Tour und bindet die norwegischen Newcomer von Kvelertak auch noch in die Abendgestaltung ein. Motörhead nehmen indes ihre alten Weggefährten Saxon und Girlschool mit auf Tour. „Die Heavy-Metal-Themen laufen allgemein gut im Süden,“ sagt Mirjam Aichele. „Motörhead und Slayer sind beispielsweise ausverkauft. Da war das größere Problem, noch eine geräumigere Halle zu finden, die zu dem Zeitpunkt nicht bereits belegt ist.“

Das Konzertaufkommen im November/Dezember sieht Aichele gelassen: „Das ist wirklich seit Ewigkeiten so – vielleicht sind es in diesem Jahr vier, fünf Konzerte mehr.“ Für eifrige Konzertgänger, deren Freizeit- und Finanzplanung ändert sich ihrer ­Ansicht nach kaum etwas: „Wo man hin muss, da geht man hin. Klar ist aber auch, dass weniger Experimente gemacht werden. Da bleibt kaum Spielraum, sich eine Band auch mal aus reiner Neugierde anzuschauen, weil ja sonst nicht so viel los ist.“

Der Markt wird zur Wundertüte

Und trotz der guten Freizeitplanung vieler Fans – wo früher Konzerte wegen schlechten Vorverkaufs aus den sogenannten produktionstechnischen Gründen abgesagt wurden, entwickelt sich der Markt langsam zu einer Wundertüte. „Der Vorverkauf ist längst kein Indikator mehr, ob das ein erfolgreicher Abend wird. Viele Leute entscheiden erst sehr spät, ob sie ein Konzert besuchen“, erzählt Matthias Mettmann. Dann lacht er. „So viel Chips, ich weiß gar nicht, welche ich essen soll. Lieber noch mal heimgehen und überlegen.“ Aber auch das weiß man: Glücklich darf sich der schätzen, der Chips hat. Oder Schokolade. Oder eben Konzerte.

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