Starkes Trio: Hawelka Foto: promo/Paul Muders

Die Musik, in die seine Band Hawelka Träume der Straße hüllt, klingt so rau wie Petr Novaks Stimme – ungezügelt und aus der Zeit gefallen. Wüstenblues und Psychedelicpolka, eine Garagenband lädt ein zum Tanz auf den Tischen.

Stuttgart - Stimmengewirr, das Klirren einer elektrischen Gitarre, das Klirren von Gläsern – die Band Hawelka tritt auf, irgendwo, wo es eng ist, wo die Menschen tanzen, schwitzen, sich betrinken. Zum Bild, das der Songwriter Petr Novak von seinem Wunschpublikum malt, gehört der melancholische Trinker an der Theke, gehört jemand, der in dieser Nacht die Frau seines Lebens findet. Novaks Lieder handeln von der Liebe und dem Tod, von Rausch und Reise, vom romantischen Leben. „Meide die Wege“ singt er mit rauer Stimme. Novak setzt auf die Straße. Sie ist für ihn ein vieldeutiges Symbol: In weite Ferne kann sie führen, zu den Konkubinen von Mexiko, zu den rauchenden Colts. Die Musik, in die seine Band Hawelka diese Träume hüllt, klingt so rau wie Petr Novaks Stimme – ungezügelt und aus der Zeit gefallen. Wüstenblues und Psychedelicpolka, eine Garagenband lädt ein zum Tanz auf den Tischen.

Novak stammt aus Tschechien, eine ­Gitarre war im Haus. Er floh mit seinen Eltern über die Schweiz nach Deutschland. 1997 kam er nach Stuttgart. Er verlor einen Job, er kaufte sich eine erste eigene Gitarre, er begann zu spielen. „Ich hatte damals schon ein paar Songs“, sagt er. „Viele habe ich vergessen, manche habe ich auf Kassette aufgenommen.“

Sieben Jahre sollten noch vergehen, ehe er gemeinsam mit Jan Georg Pavlec Hawelka gründete. „Die ersten Proben fanden zu Hause bei Jan statt“, erinnert sich Novak. Gitarre und Keyboard, kein Schlagzeug, kein Bass. 2006 kam die Pause, für Jan hatte das Studium Vorrang. „Aber wir hatten ganz klar das Ziel weiterzumachen“, sagt ­Novak. Seit 2007 nun sind Hawelka mit dem Schlagzeuger Christian Seyffert komplett. Einen Bassisten haben sie immer noch nicht, es wird ihn auch nie geben. Dafür haben sie ihren Sound gefunden: Jan Georg Pavlec spielt die Bassbegleitung auf dem Keyboard. Das wirkt reduziert, ist Welten entfernt von dem Luxus sirrender Saiten, aber es hat Charme – und große Vorbilder.

„Anfangs“, sagt Jan, „war es gar keine bewusste Entscheidung von uns, auf einen Bassisten zu verzichten.“ Aber aus Not wurde Tugend, Stilprinzip. Seither schwebt der Geist von Ray Manzarek und den Doors über Hawelka, und die Band hat das Feld der ­Assoziationen, auf dem sie spielt, noch ­weiter abgesteckt: Zur rauschhaften Lebensfreude, die Novak aus dem Osten mitbrachte, ist das Kalifornien der 1960er hinzugekommen. Und wie Jim Morrison singt Petr von der Liebe, von Drogentrips, vom Unbewussten und der Vergänglichkeit. „Wenn man weiß, dass man sterben muss“, sagt er, „nimmt man die Sachen einfacher, lockerer. Egal, was wir uns für Paläste bauen – am ­Ende gehen wir alle gleich raus, so wie wir kamen, nackt.“ Deshalb, sagt er, sollte man das Leben nicht allzu ernst nehmen: „Die Menschen folgen den Lügen und vergessen die Freuden.“ Dagegen will er etwas tun – mit seiner Musik.

Ein Hauch von Existenzialismus also, und der Name eines berühmten Künstlercafés in Wien. Das Café Hawelka ist ein Ort, an dem sich die drei Musiker gerne aufhalten. Ein Ort mit Vergangenheit. Und Bohème ist ein Wort, das Petr Novak, Jan Georg Pavlek und Christian Seyffert gerne hören, eine Welt, die sie mit ihrer Musik heraufbeschwören möchten.

„Spiegel der Zeit“ heißt die CD, die Hawelka im März veröffentlichten; ihre Präsentation im Kap Tormentoso war ein Erfolg. Wochen später spielten sie bei der langen Nacht der Museen im Atelier des Künstlers Przemek Zajfert im Westen. Zajfert hat das Cover der Hawelka-CD gestaltet: Ein Bild zeigt die Band, ein anderes einen Koffer, der in einer Fensternische steht, dann ein Blick durch das Gitter eines Zauns auf eine Hausfront. Mit einer Camera obscura fertigte Przemek Zajfert diese Bilder an – ein einfacher Kasten, der den Augenblick in ­seiner ganzen Flüchtigkeit einfängt, als Bild der Zeit, verwischt, fast schon gespenstisch. Zu Hawelka, die aus der Vergangenheit kommen und die Gegenwart feiern wollen, passt das vorzüglich.

„Unsere besten Auftritte“, sagt Jan, „hatten wir in Spelunken, oder in Kellern“ – „oder in Zelten“, sagt Novak. An diesem Freitag nun geben Hawelka ihr erstes Konzert an einem Ort von hoher Kultur: Wenn Przemek Zajfert im Literaturhaus Stuttgart (Bosch-Areal) seine Ausstellung „Camera Obscura“ eröffnet und die Autoren José F.  A. Oliver, Heinrich Steinfest und Dorothea Dieckmann lesen, werden Hawelka die Besucher im Anschluss in ihren melancholischen Taumel versetzen.