Szene aus der umjubelten Stuttgarter Koproduktion „Tod in Venedig“, die Demis Volpi als Choreograf und Opernregisseur verantwortete Foto: Oper Stuttgart

Das Stuttgarter Ballett im Unruhezustand: Reid Anderson und seine Kompanie trennen sich zum Ende dieser Spielzeit vom Hauschoreografen Demis Volpi. Dessen Begabung liege eher im Theatermachen und Geschichtenerzählen als in der Choreografie, so die Begründung des Ballettintendanten.

Stuttgart - Gut möglich, dass Reid Anderson in diesen Tagen häufiger an seine Anfänge beim Stuttgarter Ballett erinnert wird; schließlich steht er nach zwanzig Jahren kurz vor seiner letzten Saison mit dieser Kompanie. Sein Stuttgarter Start 1996 war belastet gewesen von vielen Trennungsgesprächen, die er mit verdienten Stars und einstigen Kollegen aus der Ballettwunderzeit wie Egon Madsen führen musste.

Eines solcher Gespräche hat er nun seinem Nachfolger Tamas Detrich abgenommen und am Dienstag bekannt gegeben, dass er den Vertrag seines Hauschoreografen Demis Volpiüber die Spielzeit 2016/17 hinaus nicht verlängern wird. Mit der Erklärung seiner Entscheidung setzt Anderson allerdings auch ein Fragezeichen hinter seine eigene Beförderungstaktik: Gern hat er Tänzer direkt nach einer gelungenen Vorstellung noch auf der Bühne zu Solisten gekürt. Auch Demis Volpi ernannte er 2013, nach der bejubelten Uraufführung von „Krabat“, im Schnellverfahren zum Hauschoreografen. Dabei zeigte bereits die Umsetzung von Otfried Preußlers Jugendbuch klar Volpis Schwächen: Er gibt dem Tanz zu wenig Raum – das blieb auch so bei seinen folgenden Stücken für das Stuttgarter Ballett – von „Aftermath“ bis jüngst zu „Salome“.

Kritik, die Anderson nun aufgreift, wenn er mitteilen lässt: „Demis Volpi ist ein großartiger Theatermacher und feinfühliger Geschichtenerzähler. Hier, eher als in der Choreografie, sehe ich seine wahre Begabung.“ Auch für die Trennung von Volpi ist laut Reid Anderson eine Premiere ausschlaggebend: „Diese Entscheidung“, so lässt der Intendant mitteilen, „habe ich im Juli 2016 nach der Uraufführung von Demis Volpis ,Salome’ getroffen. Aus Rücksicht auf seine Arbeit an der Koproduktion ,Der Tod in Venedig’ , die soeben Premiere feierte, gebe ich dies erst jetzt bekannt. Der Erfolg dieser Oper bestätigt mich in meiner Entscheidung: Demis Volpi ist ein großartiger Theatermacher.“

Eine Entscheidung, die für Volpi aus heiterem Himmel kommen mag

Nach der positiven Resonanz auf „Der Tod in Venedig“ und der Nominierung für den Prix Benois, der am 30. Mai in Moskau verliehen wird, mag Andersons Entscheidung für Volpi aus heiterem Himmel kommen. Seine Karriere begann der gebürtige Argentinier 2004 als Tänzer beim Stuttgarter Ballett, zu ihrem plötzlichen Ende sagt er: „Das bedauere ich sehr, da ich meine Zeit beim Stuttgarter Ballett immer als sehr produktiv, frei und inspirierend empfunden habe. Anderseits bin ich Reid Anderson sehr dankbar dafür, dass er mich als Choreograf gefördert und meine bisherige Entwicklung überhaupt erst möglich gemacht hat. Nun freue ich mich auf die neue Herausforderung, als freischaffender Künstler auf eigenen Füßen zu stehen und fühle mich dieser Aufgabe gewachsen.“

Die Entscheidung über die Zukunft des zweiten Stuttgarter Hauschoreografen Marco Goecke, dessen Arbeit Reid Anderson seit 2005 fördert, überlässt der aktuelle Intendant seinem Nachfolger Tamas Detrich selbst. Nach einem ersten Gespräch mit dem international renommierten Künstler gab es jedoch unterschiedliche Sichtweisen über dessen Ausgang. Während Marco Goecke die zukünftige Zusammenarbeit in Frage gestellt sah, betont Tamas Detrich weiterhin, dass keine abgeschlossenen Entscheidungen vorlägen und keine Nichtverlängerung ausgesprochen wurde. Somit geht das Stuttgarter Ballett mit nur noch einem Hauschoreografen in die letzte Spielzeit unter Reid Anderson.

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