„Mean Streets“, „Pulp Fiction“ und „Das Piano“: Der US-Schauspieler Harvey Keitel wird an diesem Montag 80 Jahre alt. Eine Würdigung.
Stuttgart - Selbst die abgebrühtesten Killer verstummen, wenn der Cleaner Winston Wolfe Befehle erteilt: Demütig lassen sich der selbstgefällige Vince Vega (John Travolta) und der sprachgewaltige Jules Winnfield (Samuel L. Jackson) mit kaltem Wasser das Blut abwaschen, das an ihnen klebt, nachdem sie aus Versehen eine Geisel auf der Rückbank ihres Wagens erschossen haben – und Harvey Keitel verströmt als Wolfe die unterkühlte Autorität eines Mannes, der Widerspruch einfach nicht zulässt.
„Pulp Fiction“ (1994) war der Durchbruch für den Regisseur Quentin Tarantino, dessen Debüt „Reservoir Dogs“ (1992) der Schauspieler Keitel mitproduziert hatte – und in dem er die zwiespältigste Rolle selbst übernahm: Alle sollten sich gefälligst „wie verdammte Profis“ verhalten, fordert sein Mr. White von den Komplizen bei einem Diamantenraub, und als dieser verrutscht, durchsiebt er auch gnadenlos zwei Polizisten mit Kugeln – zeigt dann aber als einziger Menschlichkeit, was ihm zynischerweise zum Verhängnis wird.
Es war ein großes Comeback für Keitel, der im selben Jahr in Abel Ferraras Drama „Bad Lieutenant“ eine Rolle spielte, die einem Schauspieler einiges abverlangt: einen selbstzerstörerischen Cop auf dem Weg in den Untergang. Jane Campion besetzte ihn in „Das Piano“ (1993) als Klavierschüler und schwitzige Projektionsfläche für eine nach Liebe hungernde Kolonialistengattin, Wayne Wang engagierte ihn als Besitzer des Tabakladens in Brooklyn, der im Zentrum des Ensemblefilms „Smoke“ (1995) nach einer Erzählung von Paul Auster steht. Keitel war wieder Kult – wie schon 20 Jahre zuvor unter völlig anderen Vorzeichen.
Als Sohn osteuropäischer Einwanderer in ärmlichen Verhältnissen in Brooklyn aufgewachsen, ging Keitel mit 16 zu den Marines und kam im Libanon zum Einsatz. Als er danach die Schauspielerei für sich entdeckte, lernte er bei Stella Adler and Lee Strasberg das Method Acting, eine auf Naturalismus abzielende Technik. Er bekam Bühnenrollen, ehe der Regisseur Martin Scorsese ihm in seinem Filmdebüt, dem Beziehungsdrama „Who’s that knocking at my Door (1967), die Hauptrolle eines Italo-Amerikaners im moralischen Dilemma gab. Keitel wurde Teil von Scorseses Stammbesetzung, dessen frühe New Hollywood-Filme eng mit beider Herkunftswelt verknüpft waren.
In „Mean Streets“ (1973) war Keitel als Kleinganove im New Yorker Stadtteil Little Italy zu sehen, den freundschaftliche Loyalität in Schwierigkeiten bringt, in „Alice doesn’t live here anymore“ (1974) als cholerischer Kerl, der Frauen übel mitspielt. In „Taxi Driver“ (1976) spielte er neben Robert De Niro den Zuhälter einer jungen Hure in Gestalt von Jodie Foster. Keitel schien gesetzt – bis er dem Ruf Francis Ford Coppolas folgte, der ihm die Rolle als Captain Willard im Vietnamkriegs-Drama „Apocalypse Now“ (1979) antrug – und dann während der Dreharbeiten so unzufrieden war mit Keitels Performance, dass er ihn durch Martin Sheen ersetzte.
Es folgte ein Einbruch, aus den 80ern ist vor allem Keitels Auftritt als Judas in Erinnerung in Martin Scorseses kontroverser Heilandsgeschichte „Die letzte Versuchung Christi“ (1988). In Ridley Scotts „Thelma & Louise“ (1991) bemühte er sich dann als Polizist rührend um zwei Frauen auf der Flucht, die unter unglücklichen Umständen immer tiefer in die Kriminalität abrutschen.
Harvey Keitel, der an diesem Montag 80 Jahre alt wird, hat seine Herkunft nie verleugnet. Wie komplex eine Figur auch ist und wie weit weg von New York, stets spricht sie mit seinem ausgeprägten Brooklyn-Akzent. Das klingt abgebrüht und cool – und signalisiert zugleich, dass Keitel zu den Amerikanern aus kleinen Verhältnissen gehört, deren Traum in Erfüllung gegangen ist.