Harry Potter und die Lebenswirklichkeit – eines der Themen im Merlin Foto: picture alliance

Die Landeszentrale für politische Bildung und das Kulturzentrum Merlin wollen junge Menschen für gesellschaftliche Zusammenhänge sensibilisieren – mit Beispielen aus deren Lebenswelt.

Stuttgart - Was kommt einem als erstes in den Sinn, wenn ein Politiker eine republikanische Staatsform mit demokratischen Mitteln zu einer Autokratie umbaut? Zumindest bei den meisten Menschen wird wohl „Star Wars“ nicht die erste Assoziation sein, die einem bei diesem Gedankenspiel einfällt. Und tatsächlich gibt es in der Realität genug naheliegendere Beispiele, als den Senator Palpatine aus der Krieg-der-Sterne-Saga, wenn es darum geht, sich mittels politischer Kniffe zum Kanzler (später zum Imperator) aufzuschwingen. Dass politische Themen aber nicht nur in der wirklichen Welt, sondern genauso in der Jugend- und Popkultur – seien es Bücher, Filme oder Computerspiele – eine Rolle spielen, steht außer Frage.

Mit der Veranstaltungsreihe „Von Hogwarts nach Wakanda. Eine Reise zu Demokratie und Werten in modernen Mythen“, wollen die Landeszentrale für politische Bildung (LpB) und das Kulturzentrum Merlin in Stuttgart Politik ins Kinderzimmer bringen. Unterstützt von Referenten der Landeszentrale beschäftigen sich Kinder ab zehn Jahren in Workshops mit politischen Fragestellungen im Universum ihrer Fantasy- und Superhelden. Themen der Reihe, die das ganze Jahr über jeden zweiten Sonntag im Monat im Merlin stattfinden soll, sind etwa „Harry Potter und die Freiheit der Elfen“, „Batman und Selbstjustiz“ oder „Star Wars und der Wandel von Gut und Böse“.

Kinder sind die Profis

„Kinder sind in diesen Welten Profis, die wissen schon alles“, sagt Tobias Gäckle-Brauchler. Der Medienpädagoge ist einer der Referenten bei der Eröffnungsveranstaltung, die sich rund um das Thema Harry Potter dreht – insbesondere um Haus­elfen, magische Geschöpfe, die von den Zauberern unterjocht werden. Die weibliche Hauptfigur Hermine Granger setzt sich im vierten Band zum Ziel, die Hauselfen aus dem Sklavenstand zu befreien. „Wir wünschen uns, dass die Kinder merken, dass politische Themen nicht nur Erwachsene betreffen. Und auch, dass man selbst aktiv werden und mit einfachen Mitteln etwas bewirken kann“, erklärt Gäckle-Brauchler. Dazu entwerfen die Kinder in den Workshops unter anderem Flyer und Plakate, in denen sie zur Befreiung der Elfen aufrufen. „Bürgerbeteiligung hatten wir als Stichwort im Hinterkopf“, sagt der Medienpädagoge. Politikverdrossenheit sei gerade bei jungen Wählern ein großes Thema. Viele verträten die Meinung: „Meine Stimme zählt sowieso nicht“ – dem wolle man entgegenwirken. Laut Bundeszentrale für politische Bildung betrug die Wahlbeteiligung in Deutschland bei der letzten Europawahl bei 18- bis 21-jährigen 39,6 Prozent.

„Wir wollen die Begeisterung der Kinder ins echte Leben transferieren, um sie politisch und ethisch zu sensibilisieren“, erklärt Bianca Braun, die das Projekt von Seiten der LpB betreut. „Was uns an diesem Thema gereizt hat, war, dass man wunderbar einen Transfer schaffen kann.“ Viele Kinder, für die Freiheit etwas Selbstverständliches darstelle, lernten, dass der Freiheitsbegriff verschieden definiert und diese Werte in anderen Ländern längst nicht so selbstverständlich gelten würden.

Auch Eltern sollen profitieren

Auch gegen Jugendkultur imprägnierte Eltern sollen angeregt werden. Wichtige Fragen seien: Was passiert in den Computerspielen, in den Serien, in den Büchern, also in der Lebenswelt der Kinder? Und was nehmen diese daraus mit? Es ginge darum, Kindern zuzuhören und gleichzeitig aufzuzeigen: Da gibt es Themen abseits der Action und der Spannung. „Kinder sollen die Bücher und Filme mit einer anderen Brille lesen können“, sagt sie.

Ob Kinder- und Jugendliteratur die komplexen Zusammenhänge der Realität abbilden kann, sei dahingestellt. Oftmals ist das auch nicht ihr Anspruch. Dass viele der Werke jedoch auch politische und gesellschaftliche Themen wie Macht, Gerechtigkeit, Freiheit oder Menschenwürde enthalten und damit das Denken unzähliger Leser prägen, ist unzweifelhaft. Sich auch als Erwachsener damit zu beschäftigen kann in jedem Fall nicht schaden.

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