Diskussionen mit den Spielern gehören für die Schiedsrichter zum Alltag – egal, ob in der Kreis- oder Bundesliga. Foto: imago/Lächler

Der Handballverband Württemberg sieht den Spielbetrieb gefährdet und verabschiedet eine Notfallverordnung, weil die Lust am Pfeifen schwindet.

Stuttgart - Chris Frohberger pfeift seit vier Jahren Handballspiele für HT Staufen und ist aktuell auch im Alter von 20 noch mit Feuereifer bei der Sache: „Mir macht das Pfeifen einfach Spaß, ich möchte nach oben kommen, und als Student habe ich dadurch noch einen Nebenverdienst.“ Zudem steht er bei der SpVgg Mössingen im Handballtor und bringt das alles unter einen Hut.

 

Irgendwie müsste man diesen jungen Kerl klonen können, denn von seiner Sorte gibt es viel zu wenige. Dem Handballverband Württemberg (HVW) laufen die Schiedsrichter davon. Die Not ist groß, der Hilfeschrei so laut wie noch nie. „Unter den gegebenen Bedingungen ist der Spielbetrieb nicht durchführbar“, schlug Schiedsrichterwart Dirk Zeiher bei der HVW-Präsidiumsklausur Alarm. 56 Wochenendspiele stehen auf Verbandsebene auf dem Programm, nur 50 Schiedsrichterteams stehen zur Verfügung.

Rieber hält Lage für „dramatisch“

Zu viele Gespanne hören auf, zu wenig Neueinsteiger fangen das auf. „Bisher war die Not für die Vereine offenbar nicht groß genug. Doch jetzt ist die Lage dramatisch“, sagt der Nellinger Jürgen Rieber, 19 Jahre lang Bundesliga-Schiedsrichter und immer noch Mitglied im Lehrstab des Deutschen Handballbunds (DHB). Als erste kurzfristige Maßnahme hat das HVW-Präsidium einen Notfallplan verabschiedet. Einer der Punkte sieht vor, dass sich die Vereine auf Bezirksebene beim Ausbleiben eines Schiedsrichters auf eine verfügbare Person als Unparteiischer einigen müssen. Riebers langjähriger Kollege Holger Fleisch hält das für ein gefährliches Konstrukt: „Neutralität und die nötige Qualifikation sind absolut elementare Bestandteile.“

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Interview mit Schiedsrichter Wolfgang Häfner, Vater der Profis Kai und Max

Bei Vorträgen an der Basis in Württemberg wirbt das Duo mit viel Herzblut für das Amt mit der Pfeife. Oft seien 60 Handballer im Raum, fünf zeigen Interesse, und nach drei Jahren bliebe noch einer übrig. „Klar ist der Job nicht super sexy. Man kann es keinem recht machen“, weiß Fleisch. Guter Rat ist also teuer. Wo die Lösungsansätze liegen können?

„Ohne die Vereine noch mehr in die Pflicht zu nehmen, wird es nicht funktionieren“, sagt Rieber. Pro aktive Mannschaft muss ein Club zwei Schiedsrichter stellen, für jedes weitere Jugendteam auf HVW-Ebene ebenfalls je zwei, darunter je einen. Bisher können sich die Vereine noch freikaufen, indem sie für jeden fehlenden Unparteiischen 300 Euro pro Saison zahlen. Diese Möglichkeit nutzen viele Clubs, bauen es in ihre Kostenkalkulation mit ein und refinanzieren dies beispielsweise durch die Ausrichtung von Turnieren. Die Möglichkeit des „Freikaufens“ fällt jedoch ab der Saison 2023/24 weg. Weshalb das Abwerben von Schiedsrichtern unter den Vereinen weiter an Fahrt aufnehmen dürfte. Schon jetzt gibt es Clubs, die einem Unparteiischen etwa 250 Euro für seine Dienste bieten, damit fahren sie immer noch günstiger, als 300 Euro an den Verband zu berappen. Doch am Kernproblem ändert das nichts. Rieber plädiert dafür, den Druck auf die Vereine anderweitig zu erhöhen und nennt ein Beispiel aus dem Trampolinsport: Dort werde einer 17-Jährigen schon mal klargemacht, dass sie, wenn sie sich nicht zur Kampfrichterin oder Trainerin weiterbilden lasse, dann eventuell nicht mehr springen könne.

Punktabzug droht

„Am Geldbeutel jedenfalls kannst du die Vereine nicht mehr packen“, sagt Jens Weidenhiller, Trainer des Bezirksligisten TS Göppingen. So unpopulär die Maßnahme auch sei, „Punktabzüge sind das Einzige, was uns retten kann“, meint er. Dieses Drohszenario nimmt ohnehin konkrete Formen an: „Ab dem Spieljahr 2022/23 ist das Thema Punktabzug für die höchstklassige Mannschaft von Vereinen, die ihr Schiedsrichter-Soll nicht erfüllen, immer wahrscheinlicher“, teilte der HVW bereits mit. In Nordbaden und in Hessen kam diese „letzte Patrone“ bereits zum Einsatz.

Mehr Geld fürs Pfeifen?

Viel lieber wäre es allen Beteiligten, Anreize zu schaffen, damit mehr Handballer Lust bekommen, Spiele zu leiten – oder nicht zu früh die Pfeife wieder an den Nagel hängen. Eine Möglichkeit wäre, die Schiedsrichter großzügiger zu entlohnen. „Mit mehr Geld ließen sich mehr Jungschiedsrichter ködern“, glaubt Fleisch. Bisher gibt es für die Leitung eines Bezirksligaspiels 30 Euro plus Fahrgeld. Eine weitere Maßnahme könnte sein, den Unparteiischen sämtliche administrativen Aufgaben abzunehmen. Oder der Verband sieht von der Regel ab, eine gewisse Anzahl an Spielen pfeifen zu müssen. Fleisch: „Wenn einer eben nur zehn Spiele pro Saison pfeifen kann, dann ist das eben so, es hilft aber dennoch weiter.“

Wie das Jungschiedsrichter Chris Frohberger mit seiner Doppelrolle als Torwart hinbekommt? „Kein Problem, dafür gibt es die Freiwunschliste, durch die ich Spiele ablehnen kann“, sagt der 20-Jährige – und freut sich schon auf seinen nächsten Einsatz am 5. September bei einem Turnier des TV Jahn in der Göppinger EWS-Arena.