Fahrradfahren in der Klinik am Eichert: Handball-Profi Marcel Schiller wurde von Professor Stephen Schröder gründlich untersucht. Ohne den Check gibt es kein Ticket nach Tokio. Foto: Staufenpress

Die Frisch-Auf-Handballprofis Marcel Schiller und Sebastian Heymann sind in der Klinik am Eichert durchgecheckt worden. Ein Muss, wenn man auf dem Sprung zu den Olympischen Spielen in Tokio ist.

Göppingen - Marcel Schiller sieht entspannt aus. „Noch geht es“, sagt der 29-Jährige und strampelt gemütlich beim Belastungs-EKG. Anstrengend sind die anfangs 100 Watt für den Frisch-Auf-Profi nicht, die Herzfrequenz beträgt 79. Auch wenn ihm das letzte Spiel noch in den Knochen steckt, sein Sohn an diesem Morgen um fünf Uhr aufstehen wollte, er eine FFP2-Maske trägt und vorher nur eine halbe Banane gefrühstückt hat: „Ich wusste nicht, ob ich nüchtern kommen muss“, sagt er, daher musste das Stück Obst in der Klinik reichen, „um wenigstens ein bisschen Power zu haben“.

 

Marcel Schiller und sein Teamkollege Sebastian Heymann sind Anwärter auf einen Platz im Kader der Handball-Nationalmannschaft für die Olympischen Spiele in Tokio. Eine sportmedizinische Grunduntersuchung ist da Pflicht, der Deutsche Olympische Sportbund fordert den Check als Teilnahmeberechtigung. Professor Stephen Schröder, Chefarzt der Klinik für Kardiologie und Internistische Gefäßmedizin, hat die beiden Handballer auf Herz, Lunge und Nieren untersucht. „Wir machen ein Ruhe- und ein Belastungs-EKG, einen Herz-Ultraschall, nehmen Blut ab und hören Herz und Lunge ab. Das ist das Standardprogramm“, erklärt der Mediziner. „Wir haben hier alles da, alles an einem Ort mit einer Top-Qualität.“

Genug Puste zum Plaudern

Schröder kennt die Profis, unterzieht er doch gemeinsam mit Mannschaftsarzt Dr. Andreas Bickelhaupt die Spieler jedes Jahr vor Saisonbeginn einer Voruntersuchung. „Das ist wichtig, dass man da gründlich schaut“, betont der Kardiologe. Denn wer eine Grippe oder eine schwere Erkältung nicht richtig auskuriert, riskiert eine Herzmuskelentzündung – bei Leistungssportlern kommt dies selten, aber doch hin und wieder vor. Marcel Schiller ist mittlerweile bei 150 Watt angekommen, die Herzfrequenz beträgt 91. Genug Puste zum Plaudern hat er noch. Trotz Corona und aller damit verbundenen Unsicherheiten und Widrigkeiten hat der Linksaußen Tokio fest im Visier: „Ich hoffe, dass ich dabei bin. Das ist natürlich ein absoluter Kindheitstraum“, sagt der Nationalspieler – unabhängig davon, ob letztlich Zuschauer für Stimmung sorgen werden oder nicht.

Schiller hat mit dem deutschen Team in einem Qualifikationsturnier das Ticket für Japan gelöst. Er gilt als die Entdeckung im deutschen Handball und ist (meist) eine Bank, wenn es um Siebenmeter geht. Derzeit gilt es als sehr unwahrscheinlich, dass Bundestrainer Alfred Gislason auf die Dienste des Dettingers verzichten kann, obwohl das Aufgebot nur 14 Spieler umfassen darf. Anfang Juli wird sich Gislason mit seinem Olympiakader auf die Spiele vorbereiten.

Wenige Zimmer weiter muss Sebastian Heymann zur Blutabnahme. Der 23-jährige Rückraumspieler der Grün-Weißen, der ebenfalls Anfang Mai bei der EM-Quali gegen Estland zum Olympia-Casting auflief, gilt eher noch als Wackelkandidat für die Reise nach Japan, doch die Motivation ist groß: „Das ist natürlich ein absoluter Kindheitstraum“, sagt der Modellathlet genau das gleiche wie sein Teamkollege wenige Minuten vorher ein paar Zimmer weiter. Auch wenn sich in die Vorfreude gemischte Gefühle einschlichen, „weil man nicht weiß, ob alles so stattfinden wird und es aktuell noch ein ganzes Stück bis dahin ist“, sinniert der Handballprofi über ein großes Sportereignis, während Professor Schröder ihm Blut vom muskulösen Arm zapft. Als letzte Amtshandlung geht es noch zum Urin abgeben, dann ist der Check geschafft. Am Nachmittag steht bereits die nächste Trainingseinheit der Grün-Weißen an.

Marcel Schiller strampelt bis 300 Watt

Doch jetzt muss Marcel Schiller erst einmal strampeln. Etwa 15 Minuten dauert das Belastungs-EKG, es wird gesteigert bis 300 Watt. „Das muss man natürlich individuell an die Belastungsgrenzen anpassen“, erklärt Schröder. Schiller hält den Daumen nach oben: „Alles bestens. Die Maske ist das Schwierigste.“

Unter den Profis gibt es auch bei diesem Check einen gewissen Wettkampf: „Der eine will mehr Watt als der andere schaffen“, plaudert der Chefarzt aus dem Nähkästchen. Der Kardiologe hat nichts zu beanstanden: „Aus unserer Sicht gibt es die Freigabe“, meint er schmunzelnd. Zweifel, dass die Profis nicht fit für Tokio sind, hat er keine.

Nur 14 Spieler im Kader

Nach einer knappen Stunde ist der Check beendet. Marcel Schiller zieht sich um und frühstückt die andere Hälfte seiner Banane, bevor er die Klinik verlässt.

Die Spiele
Die Olympischen Spiele in Tokio sind vom 23. Juli bis zum 8. August geplant. Fans aus dem Ausland sind nicht willkommen, und noch immer droht das Szenario von Geisterspielen, denn besonders in Japan stockt die Impfkampagne.

Der Handball
Das Aufgebot der deutschen Handball-Nationalmannschaft darf nur 14 Spieler umfassen. Marcel Schiller und Sebastian Heymann vom Bundesligisten Frisch Auf Göppingen sind beide Anwärter auf einen Platz im Kader und mussten sich jetzt dem Check unterziehen. Anfang Juli wird sich Bundestrainer Alfred Gislason mit seinem Olympia-Kader auf die Spiele vorbereiten.