Kai Häfner war der große Gewinner des Härtetests gegen Frankreich und zeigte, wie wertvoll er mit seiner Erfahrung ist. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft reist selbstbewusst zur EM. Dennoch gleicht das neu formierte Team einer Wundertüte. Was kommt am Ende heraus?

Stuttgart - Es war nur ein Testspiel. Aber es ging auch nicht gegen irgendwen. Das 35:34 (14:18) der deutschen Handball-Nationalmannschaft gegen Olympiasieger und Rekord-Weltmeister Frankreich macht Mut, die Generalprobe für den EM-Auftakt am Freitag (18 Uhr/ARD) in Bratislava gegen Weißrussland sollte dennoch nicht überbewertet werden. Wir nennen die wichtigsten Erkenntnisse.

 

Unverzichtbare Routiniers Der größte Gewinner des Prestigeerfolgs gegen die Franzosen war zweifelsohne Kai Häfner (32). Der Linkshänder warf nicht nur acht Tore, er sorgte für zahlreiche Assists und riss die Mannschaft mit. In Rückraum-Shooter Julius Kühn (28) spielte sich neben Spielmacher Philipp Weber (29) bis zu seinem Sturz auf die Schulter eine weitere erfahrene Kraft nach der Pause in eine Galaform. Dass beinahe so etwas wie ein Stück des Geistes vom EM-Titel 2016 durch die Arena Wetzlar wehte, lag auch an Torwart Andreas Wolff: Der 30-Jährige stach die französischen Keeper um Längen aus und war der starke Rückhalt, den die DHB-Auswahl bei der EM auch zwingend benötigt.

Mutige Neulinge Es war vor der Pause nicht der Tag von Sebastian Heymann (23) und erst recht nicht der von Djibril M’Bengue. Doch als Heymann Mitte der zweiten Halbzeit wiederkam, nahm er sein Herz in die Hand und warf mit viel Courage noch drei Tore. Auch M’Bengue ließ sich von anfängerhaften Stockfehlern in den ersten 30 Minuten nicht entmutigen. In seinem erst vierten Länderspiel stieg er nach seiner Einwechslung aus dem Rückraum hoch und zimmerte den Ball in den Winkel. Und dann war da noch der 22-jährige Luca Witzke: Der Spielmacher übernahm in letzter Sekunde Verantwortung und sorgte mit seinem erfolgreichen Schlagwurf für den perfekten Schlusspunkt der deutschen EM-Vorbereitung.

Innovativer Coach Alfred Gislason ist 62 Jahre alt, ein Trainer alter Schule, aber er hält nicht stur an einem System fest. Er ist aufgeschlossen gegenüber Neuerungen, zeigt sich variabel. Die traditionelle deutsche 6:0-Abwehr ist nach wie vor das Deckungssystem Nummer eins, doch der Bundestrainer hat auch die offensivere 3:2:1-Variante im Programm – mit dem erst 21 Jahre alten Spezialisten Julian Köster vom Zweitligisten VfL Gummersbach auf der vorgezogenen Position. Und auch das taktische Mittel sieben gegen sechs gehört zum Repertoire des erfahrenen Isländers, wobei auffällig ist, dass er eine klare Idee hat, wie die Überzahl auf den Punkt ausgespielt wird. Gislasons Handschrift wird jedenfalls immer deutlicher.

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Starke Mentalität Es herrscht eine klare Hierarchie im Kader, der Charakter der Spieler stimmt, die Mannschaft ist heiß und brennt auf das Turnier. Wenn der Spruch „Mentalität schlägt Klasse“ stimmt, dann ist der deutschen Nationalmannschaft bei der EM alles zuzutrauen.

Unzureichendes Tempospiel Der direkte Tempogegenstoß (erste Welle) vor allem über die schnellen Außen lief gut, doch im erweiterten Gegenstoß (zweite und dritte Welle) gibt es noch Luft nach oben im deutschen Spiel. Dies ist aber auch eine der anspruchsvollsten Aufgaben im Handball, so etwas wie die letzte Entwicklungsstufe.

Technische Fehler Wollen die deutschen Handball bei den Titelkämpfen erfolgreich sein, müssen sie die technischen Fehler minimieren. Gegen Frankreich ging es nur deshalb am Ende gut aus, da der deutsche Angriff aufgrund der schwachen französischen Keeper eine hohe Effizienz an den Tag legte.

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Fehlende Abstimmung In der Deckung fehlt es noch an der Abstimmung. Vor allem zu Beginn gewährte der Innenblock dem französischen Weltklasse-Kreisläufer Ludovic Fabregas viel zu viele Freiräume. Insgesamt ging die Abwehr lange Zeit zu passiv zu Werke. Mit dem erfahrenen Patrick Wiencek im Zentrum neben Kapitän Johannes Golla kam mehr Stabilität in die Defensive.

Fazit „Wir sind ein bisschen die Wundertüte des Turniers“, hat Spielmacher Philipp Weber gesagt und trifft es damit auf den Punkt. Keiner weiß so richtig, was rauskommt. Fest steht: Das Erfolgserlebnis im Härtetest gegen Frankreich tut dem neu zusammengestellten Team gut. Es reist mit neuem Schwung und Selbstvertrauen zur Euro. Team-Oldie Wiencek warnte aber zu Recht, das Ergebnis zu überhöhen: „Das war leider nur ein Freundschaftsspiel, wir haben noch keinen Punkt gewonnen“, sagte der Kreisläufer: „Es ist gut für die Moral, mehr aber auch nicht.“

EM in Ungarn und der Slowakei

Vorrundenspiele
 Die deutsche Mannschaft spielt bei der EM (13. bis 30. Januar) in der Vorrunde in Bratislava gegen Weißrussland (14. Januar), Österreich (16. Januar) und Polen (18. Januar/alle 18 Uhr).

Fernsehen
 ARD und ZDF übertragen alle deutschen Auftritte live, außerdem gibt es bis zu 18 Spiele ohne deutsche Beteiligung im Free-TV bei Eurosport zu sehen. Sämtliche 65 Partien können live und auf Abruf im Internet auf Sportdeutschland.tv verfolgt werden. Den digitalen Turnierpass bietet die Online-Plattform für zwölf Euro an, Einzelspiele gibt es für 3,50 Euro.

Modus
 Die Vorrunde wird in sechs Vierergruppen ausgetragen. Die ersten beiden Mannschaften jeder Gruppe ziehen in die Hauptrunde ein, in der es dann zwei Sechsergruppen gibt. Die beiden bestplatzierten Teams der beiden Hauptrundengruppen erreichen das Halbfinale, die Drittplatzierten spielen den fünften Platz aus. Alle Finalspiele werden in Budapest ausgetragen. (