Handball-Bundesligist Frisch Auf Göppingen hinkt den eigenen Ansprüchen weit hinterher. Was sind die Gründe für den 3:9-Punkte-Fehlstart in die neue Saison?
Die Auswärtsmisere hat Formen angenommen: Am 6. November 2022 hat Frisch Auf Göppingen letztmals in einer fremden Halle gewonnen – beim SC DHfK Leipzig. Am Sonntag (16.30 Uhr) geht es erneut nach Leipzig. Das könnte ein gutes Omen sein, nur der Glaube daran hält sich in überschaubaren Grenzen. Denn nach drei Auswärtsniederlagen kam nun auch noch eine 27:32-Heimpleite gegen den HSV Hamburg dazu, nach der Trainer Markus Baur tapfer sagte: „Wir werden weiter hart daran arbeiten, dass unsere Abwehr griffiger wird und unser Angriffsspiel flüssiger.“
„Werkzeugkasten begrenzt“
Aber Skepsis und auch eine gewisse Ratlosigkeit im Umfeld überwiegen derzeit gegenüber einem konstruktiv-optimistischen Blick nach vorne. „Was mich bedenklich stimmt, ist, dass jetzt schwerere Gegner kommen“, räumt Geschäftsführer Gerd Hofele ein. „Unser Werkzeugkasten ist begrenzt, wir werden jetzt keine Gehälter kürzen. Ich werde Einzelgespräche führen und auch vor der Mannschaft sprechen.“
Die Ursachen für die aktuelle Krise liegen etwas weiter zurück. Nach dem genauso überraschenden wie beachtlichen fünften Platz am Ende der Saison 2021/22 war es nicht gelungen, zwei absolute Schlüsselspieler adäquat zu ersetzen. Jacob Bagersted (zurück in seine dänische Heimat) hielt als unumstrittener Abwehrchef nicht nur die Deckung zusammen, er war auch das Vorbild in Sachen Kampfkraft, Einsatzwillen und Mentalität. Ohne ihn scheint es zu wenig Typen im Team zu geben, die bedingungslos nach Erfolgen jagen, die Niederlagen persönlich nehmen.
Der zweite Verlust betrifft die Schaltzentrale im Angriff: Den zwar immer wieder auch angeschlagenen Isländer Janus Smarason zog es zu Kolstad IL (Norwegen), inzwischen hat sich Champions-League-Sieger SC Magdeburg die Dienste des Spielmachers mit den genialen Momenten gesichert.
Defizite in der Spielsteuerung
Beide Abgänge wirken sich stark aus, zumal Sebastian Heymann nach seinem zweiten Kreuzbandriss bisher nur sporadisch (und das ausschließlich in der Deckung) helfen kann. Schon in der vergangenen Saison (Platz 14) stand die Abwehr zu selten kompakt. Noch offensichtlicher sind die Defizite im Angriff, in dem einzig Josip Sarac überzeugen kann. Es fehlt an einer cleveren Spielsteuerung und an Ideen, zu oft geht es mit dem Kopf durch die Wand. „Der Spielwitz geht uns derzeit total ab“, stellte auch Nationalspieler Marcel Schiller im Interview mit unserer Redaktion fest. Die beiden aktuellen Mittelmänner, Tim Kneule und der für Smarason verpflichtete Slowene Jaka Malus, sind gute Individualisten, die ihre Stärken im Eins-gegen-eins haben, die aber weniger ihre Mitstreiter auf den Halbpositionen und am Kreis gekonnt in Szene setzen.
Die Zusammensetzung der aktuellen Mannschaft liegt zum allergrößten Teil in der Verantwortung des Managements um den Sportlichen Leiter Christian Schöne und teils noch von Ex-Trainer Hartmut Mayerhoffer. Deshalb steht eher ihr Scouting in der Kritik als der erst Ende November 2022 verpflichtete Coach Markus Baur.
Technische Fehler und Fehlwürfe
Auch dem Weltmeister von 2007 ist es bisher nicht gelungen, Konstanz ins Team zu bringen. Immer wieder führen Unkonzentriertheiten zu technischen Fehlern, immer wieder sorgen frei vor dem gegnerischen Tor vergebene Chancen für Fassungslosigkeit bei den Fans. Zudem sorgen nur in den seltensten Fällen die Torhüter für den gewünschten Rückhalt. Klar ist, für den 52-Jährigen, dessen Vertrag am Saisonende genauso ausläuft wie der von neun Spielern, steht viel auf dem Spiel. Setzt er die Station Frisch Auf in den Sand, wird es nicht leicht für ihn, wieder in der Bundesliga unterzukommen.
Es drängt sich der Eindruck auf: Seit der charismatische Zuckerbrot-und-Peitsche-Trainer Velimir Petkovic weg ist, wirkt im Verein alles ein bisschen zu lieb und zu nett. Hofele hält dagegen: „Unter Petkos ruhigem Nachfolger Magnus Andersson hatten wir mindestens genauso viel Erfolg.“
Impulse von außen hilfreich?
Wie auch immer: Bei allen Vorteilen, die Kontinuität in den Schlüsselpositionen in einem Verein mit sich bringt, gibt es auch Stimmen, die sich eine Aufbruchstimmung wünschen, mit frischen Impulsen von außen, die der Marke Frisch Auf neue Leuchtkraft verschaffen könnten. Namen der Ex-Spieler Manuel Späth und Michael „Mimi“ Kraus werden in diesem Zusammenhang in der Gerüchteküche gehandelt.
Wende in Leipzig?
Doch kurzfristig hoffen bei Frisch Auf alle erst einmal auf eine schnelle Genesung des schwäbischen Patienten in Form eines Auswärtssieges am 1. Oktober in Leipzig. Immerhin: Ein gutes Omen gibt es ja.
Spielplan
Bundesliga
MT Melsungen – Frisch Auf 29:19, Frisch Auf – Rhein-Neckar Löwen 27:27, ThSV Eisenach – Frisch Auf 27:24, Frisch Auf – VfL Gummersbach 32:29, HSG Wetzlar – Frisch Auf 29:24, Frisch Auf – HSV Hamburg 27:32, SC DHfK Leipzig – Frisch Auf (Sonntag, 1. Oktober, 16.30 Uhr), Frisch Auf – SC Magdeburg (Samstag, 7. Oktober, 20.30 Uhr), TBV Lemgo Lippe – Frisch Auf (Sonntag, 15. Oktober, 16.30 Uhr), Bergischer HC – Frisch Auf (Samstag, 21. Oktober, 19 Uhr), Frisch Auf – THW Kiel (Sonntag, 29. Oktober, 16.30 Uhr), TVB Stuttgart – Frisch Auf (Freitag, 10. November, 20 Uhr), Frisch Auf – TSV Hannover-Burgdorf (Freitag, 17. November, 19 Uhr), HC Erlangen – Frisch Auf (Freitag, 24. November, 20 Uhr), Frisch Auf – HBW Balingen-Weilstetten (Donnerstag, 30. November, 19 Uhr).
DHB-Pokal
Dritte Runde: TBV Lemgo Lippe – Frisch Auf (Mittwoch, 4. Oktober, 19 Uhr). (jüf)