Manche Kinder entwickeln nach dem Lesen von gruseligen Gesichten oder nach dem Ansehen eines Horrorfilms Albträume. In solchen Fällen raten Experten zu Geduld: „Grundsätzlich hilft es, die Angst ernst zu nehmen und nicht als lächerlich abzutun.“ Foto: Fotolia

An Halloween hat der Grusel Hochsaison. Doch was, wenn aus Grusel Angst wird? Experten erklären typische Auslöser für Ängste bei Kindern und Jugendlichen.

Angsterleben

Da putzt sich das junge Mädchen ganz brav die Zähne und schaut nochmals prüfend in den Spiegel – und erstarrt. Denn hinter ihm taucht plötzlich eine grässliche Fratze auf, ein Poltergeist, der nach ihrem Leben trachtet. So oder so ähnliche Szenen werden es sein, die am Abend von Halloween wieder über den Bildschirm flimmern – mit mächtig vielen Zuschauern. Denn der Mensch kann sich einem gewissen Grusel nicht entziehen.

Das zeigt sich schon bei kleinen Kindern, die sich verstecken, um sich dann gegenseitig zu erschrecken. Sie genießen das schaurig-prickelnde Gefühl, dass der Schreck ja doch ganz umsonst ist – weil es sich nur um ein harmloses Spiel handelt. „Es hat für Kinder etwas Reizvolles, weil sie so an ihre Grenzen treten können“, sagt Michael Günter, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Stuttgart. „Es ist die Lust, sich in Gefahr zu begeben – mit dem Wissen, dass es gut ausgeht.“

Doch so manches Mal kann der Nervenkitzel auch in Angst umschlagen. Das zeigt sich dann meist später, wenn der Gruselfilm zu Ende ist und der eigentliche Horror beim Schlafengehen beginnt: Manche Kinder entwickeln Albträume und haben noch Nächte danach Angst vor dem Einschlafen. In solchen Fällen raten Experten zu Geduld: „Grundsätzlich hilft es, die Angst ernst zu nehmen und nicht als lächerlich abzutun“, sagt etwa Holger Simonszent vom Berufsverband der Psychologen. Denn dann fühle sich das Kind alleingelassen. Bekommt es dagegen die nötige Zuwendung, merkt es recht schnell, dass die Wirklichkeit harmlos ist – und es böse Geister nur im Film oder in Büchern gibt.

Verlustangst

Es braucht keinen Geist, keine Kürbisfratze und erst recht kein Skelett: Der richtige ­Horror beginnt für viele Kleinkinder am Morgen, wenn die Tür des Kindergartens hinter der Mutter zuschlägt und das Kind ­alleine zurückbleibt. Dann taucht dieser furchtbare Gedanke in dem kleinen Köpfchen auf, dass die Mutter womöglich nie wieder zurückkehrt. „Kinder im Kinder­gartenalter haben vor allem mit Verlustängsten zu kämpfen“, sagt der Psychologe Holger ­Simonszent aus dem oberbayrischen Gauting. „Sie denken, es könnte den Eltern etwas zustoßen und diese wären nicht mehr da, um sie zu beschützen.“

Ähnlich verhält es sich, wenn das Kind alleine in seinem Zimmer einschlafen soll – es aber immer wieder nach den Eltern verlangt. Auch hier, so erklärt es der Stuttgarter Psychiater Günter, spiele die Trennungsangst eine Rolle.

Damit Kinder an Sicherheit gewinnen, braucht es Rituale: Das Kind ins Bett oder in den Kindergarten bringen, eine Weile dort bleiben und dann verschwinden – erst für fünf Minuten, dann für zehn Minuten. So gewöhnt sich das Kind daran, dass nichts passiert, wenn die Eltern wegbleiben.

Schulangst

Es sind harmlose Zahlen. Doch in Schulhefte geschrieben, lösen sie Ängste aus. Es gibt viele Schüler, die sich aufgrund einer verhauenen Matheklausur oder eines anstehenden Referats so große Sorgen machen, dass sie wochenlang angespannt und nervös sind. „Andere Kinder haben Angst, wenn sie mit Gleichaltrigen oder Fremden zusammen sind“, sagt der Psychologe Simonszent Sie sind in solchen Situationen sehr befangen, verlegen und schüchtern. „Aus Angst, sich zu blamieren oder nicht gemocht zu werden, machen sie sich viele Gedanken darüber, wie sie sich den anderen gegenüber am besten verhalten sollen.“

Ein gewisses Maß an Schulangst und Schüchternheit ist zwar vollkommen normal – und auch nachvollziehbar: Wer spricht schon gerne mit einer Autoritätsperson, schreibt eine Klassenarbeit oder gar vor der ganzen Klasse an der Tafel? „Problematisch werden diese Ängste erst, wenn sie einen solch starken Leidensdruck auslösen, dass die Betroffenen nicht mehr in die Schule gehen wollen“, sagt Simonszent. Dann braucht es auch professionelle Hilfe.

Angst als Ratgeber

Und doch braucht jeder Mensch die Angst: „Sie ist ein wichtiges Gefühl, weil sie den Menschen lehrt zu erkennen, welche Situationen wirklich gefährlich sind oder nur so scheinen“, sagt der Psychologe Simonszent. Das zeigen schon die Körperreaktionen: Das Herz klopft schneller, das Adrenalin treibt in die Adern, das Blut fließt in den Muskelapparat, der Körper ist in Habachtstellung. Und noch eine wichtige Aufgabe hat die Angst – gerade wenn sie so lustvoll verpackt wird wie beispielsweise beim Achterbahnfahren oder Filmeschauen: „Sie gibt uns ein Gefühl der Selbsteinschätzung.“

Also sollten Kinder an Halloween dem Grusel freien Lauf lassen? Nein, sagt Michael Günter. „Man darf dem Kind keinesfalls mehr zumuten, als es dem Alter entsprechend verträgt.“ Wer insgesamt sensibel reagiert, für den können schon die Nachrichten im Fernsehen furchterregend sein. „Angst ist ein individuelles Gefühl“, sagt der Psychotherapeut Günter. Deshalb könne man auch nicht pauschal sagen, wie viel Angst ein Kind verträgt.

Letztlich müssen Eltern einfach hinschauen, wie ihr Kind in bestimmten Situationen reagiert, die durchaus Angst machen können, sagt der Psychotherapeut Michael Günter. „Am besten, man redet mit dem Kind.“

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